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Im Wahljahr : Wie Umfragen die Bundestagswahl beeinflussen

 Andere Institute wie Yougov, das mit Insa zusammenarbeitet, nutzen Internetpanels. Rund 200.000 Menschen sind dort registriert. Sie erhalten E-Mails, die sie zur Teilnahme an einer Umfrage auffordern. In der einen Woche geht es darum, was sie über Joghurtbecher denken, in der anderen, wer Deutschland regieren soll. Das Problem ist: Bei einer Online-Befragung machen weniger alte Leute mit. Deshalb werden die Zahlen stärker gewichtet – was fehlt, rechnet man sich dazu.

Umfragen reduzieren Politik auf die Frage: „Wer ist gerade vorn?“

 Am Freitagmittag kann Hermann Binkert über die letzten Fragen entscheiden, die am Wochenende an die Teilnehmer geschickt werden. Meist ist es ein Paket von einem Dutzend, das verschickt wird. Am Montagmorgen hat Binkert, Gründer und Geschäftsführer von Insa, die fertigen Zahlen auf dem Tisch. Binkert und seine Mitarbeiter gewichten die Daten. Bei anderen Instituten rechnet man Erfahrungswerte mit hinein. Durch den Vergleich mit anderen Wahlen kann man beispielsweise statistische Ausreißer damit einfangen. Hermann Binkert ist eigentlich Ingenieur, hat vorher in der Thüringer Staatskanzlei gearbeitet – ein Newcomer in der Szene. Die Erfahrungswerte fehlten ihm, deshalb veröffentliche er, wie er sagt, seine Zahlen, wie sie seien. Damit machte das kleine Institut schnell von sich reden. Bei Insa rutschte die SPD zum ersten Mal auf unter 20 Prozent, im Frühjahr vergangenen Jahres war das. Die AfD wurde in Mecklenburg-Vorpommern zum ersten Mal auf über 20 Prozent katapultiert. Viele der Umfragen von Binkert werden exklusiv von der „Bild“-Zeitung in Auftrag gegeben – er ist ein Schlagzeilenproduzent. „Umfrageschock!“, steht dann da. Umfragen sind bei Journalisten beliebt, sie machen Politik einfacher, holen sie von der Sachebene auf das Niveau eines Pferderennens: Wer ist gerade vorn?

Fast alle Institute machen neben Politik- auch Markt- und Konsumforschung. Die meisten verdienen damit ihr Geld. Wenn das neue SPD-Ergebnis zusammen mit dem Institutsnamen fällt, könnte man sich davon auch einen Werbeeffekt erhoffen. Eine politische Agenda verfolgt Binkert nicht, sagt er von sich. Anfangs wurde ihm eine Nähe zur AfD vorgeworfen, aus der heraus er die Partei besser bewertet habe, so der Vorwurf. „Quatsch", sagt Binkert dazu.

Seit Mitte der 1990er Jahre leitet Matthias Jung die Forschungsgruppe Wahlen.

 Eine Frage im Online-Fragenkatalog kostet 500 Euro, ein These zu überprüfen 900 Euro. Ein Spottpreis für das Versprechen, zu wissen, was die Deutschen über ein Thema denken. Ein Unternehmen, das tatsächlich Antworten zu einem Themenkomplex will, dürfte allerdings deutlich tiefer in die Tasche greifen. Weil es gerade in der Marktforschung oft kleinteilige Fragen braucht, um tatsächlich eine Antwort zu generieren. Bei Medien ist das anders: Im vergangenen Jahr ließ die Zeitschrift „Cicero“ fragen, ob die Deutschen sich eine vierte Amtszeit von Angela Merkel wünschen. Knapp 64 Prozent antworten mit „Nein“ oder „Eher nein“. Die Schlagzeile lautete später: „Zwei Drittel der Deutschen wollen Merkel nicht mehr als Kanzlerin.“ Eine Stimmung wird zum Volksaufstand.

Ein Teil der Bevölkerung interessiert sich überhaupt nicht für Umfragen

Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Zerback von der Universität München hat bei der vergangenen Bundestagswahl den Einfluss von Umfragen im Land Berlin auf das Wahlverhalten untersucht. Seine Erkenntnisse relativieren den Einfluss – zumindest zum Teil. Er fand heraus, dass sich ein Drittel der Befragten nicht an die letzten Umfragewerte erinnern kann. Für viele Menschen ist entscheidender, wie das persönliche Umfeld tickt. „Wer viel von AfD-Anhängern umgeben ist, ist auch überzeugt, dass die Partei eigentlich bessere Werte erzielen müsste“, sagt Zerback. Daraus kann leicht ein Misstrauen gegenüber Umfragen entstehen.

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