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Wahlkampf : Warum die Parteien an Ihrer Haustür klingeln

  • -Aktualisiert am

Denise Köcke von der FDP, Direktkandidatin im Harz, beim Klinkenputzen Bild: dpa

Politiker stehen vor der Tür, wollen sich vorstellen und für sich werben – unter Wahlkampfstrategen gilt der Haustürwahlkampf als besonders modern. Doch was bewirkt er wirklich? Ein Gastbeitrag.

          Auf den ersten Blick ist es ein Anachronismus: In Zeiten der Digitalisierung und Effizienzoptimierung schicken die Parteien Tausende Freiwillige durchs Land, um sie an den Haustüren fremder Menschen klingeln zu lassen. Das soll eine effektive Wahlkampfmethode sein? Innovativ ist sie jedenfalls nicht, im Gegenteil. Sie zählt zum klassischen Instrumentarium der Wahlkampfführung. Das „persönliche Gespräch mit dem Wähler“ wird von Politikern seit jeher hochgehalten – am Wahlkampfstand vor dem Supermarkt, in der Bürgersprechstunde oder eben an der Haustür.

          Nicht einmal die Forschung zum Haustürwahlkampf ist besonders innovativ: Im amerikanischen Kontext gibt es eine jahrzehntelange Tradition, diese Form der Wahlkampfführung im Hinblick auf ihre Effektivität zu untersuchen. Die Forscher folgen dabei einer experimentellen Logik, die man sonst aus der Pharma-Forschung kennt: Einer Gruppe von Probanden wird ein neues Medikament verabreicht, der anderen nichts beziehungsweise ein Placebo. Der Vergleich der Gruppen zeigt, ob der neue Wirkstoff tatsächlich wirkt.

          Übertragen auf den Haustürwahlkampf heißt das: Während einige Wahlberechtigte systematisch mit Haustürbesuchen „behandelt“ werden, verzichtet man genau darauf bei anderen Wahlberechtigten. Der Vergleich der Wahlbeteiligungsraten in den beiden Gruppen zeigt, ob Haustürwahlkampf wirkt.

          Haustürwahlkampf mobilisiert

          Die Botschaft dieser Forschungslinie ist eindeutig: Der persönliche Kontakt zu den Bürgern wirkt. Mit dem Instrument des Haustürwahlkampfs lassen sich Menschen erfolgreich mobilisieren. Die experimentelle Fundierung lässt diesen Schluss eindeutig zu – im Gegensatz zu den häufig sehr unklaren, schwammigen Studien und Befunden zu anderen Formen des Wahlkämpfens, wie etwa den Wahlplakaten. Bringen die eigentlich etwas? Man weiß es nicht so genau.

          Die harten, experimentell fundierten Ergebnisse zum Haustürwahlkampf sind in den vergangenen Jahren von den Vereinigten Staaten nach Deutschland geschwappt. Außerdem liegen mittlerweile auch hierzulande erste Studien vor, welche die Effektivität des Haustürwahlkampfes zeigen. An der Universität Mainz wurde eine solche experimentelle Studie etwa im Kontext der Kommunalwahl 2014 durchgeführt, mit der die Wahlbeteiligung einigen Stimmbezirken von Mainz gesteigert werden konnte. Tür-zu-Tür-Kampagnen wirken also auch hier.

          Thorsten Faas ist Professor für empirische Politikforschung und schreibt bei FAZ.NET regelmäßig über Demoskopie und Wahlforschung.
          Thorsten Faas ist Professor für empirische Politikforschung und schreibt bei FAZ.NET regelmäßig über Demoskopie und Wahlforschung. : Bild: dpa

          Und so wundert es nicht, dass die Parteien 2017 massiv auf dieses Instrument setzen. Denn gerade in Zeiten, in denen eine hohe Wahlbeteiligung keine Selbstverständlichkeit mehr ist, ist ein Instrument, das auf Mobilisierung abzielt, sinnvoller denn je.

          Dies gilt erst recht, wenn man den zu Beginn aufgebauten – und natürlich nur vermeintlich existierenden – Widerspruch zwischen Digitalisierung und Professionalisierung auf der einen und dem Haustürwahlkampf auf der anderen Seite auflöst. Haustürwahlkampf ist maximal analog, keine Frage. Aber trotzdem hat er in anderer Hinsicht große Ähnlichkeiten zu den Bemühungen der Parteien etwa in Facebook oder anderen sozialen Netzwerken. Warum? Beide Wahlkampfformen lassen sich, basierend auf Daten und Algorithmen, sehr fein und passgenau steuern. Dass die Parteien ihre Truppen mit Tür-zu-Tür-Apps ausstatten, zeugt genau davon.

          Klarer Fokus auf die Hochburgen

          Die Parteien schicken ihre Truppen nicht wahllos durchs Land, im Gegenteil: Haustürwahlkampf ist ein extrem arbeitsintensives Instrument. Daher ist es zwingend, die Ressourcen sinnvoll zu einzusetzen. Was sind also die Ziele, die Parteien gerade mit dem Haustürwahlkampf verbinden? In der Regel geht es um Mobilisierung, weshalb die Parteien häufig in ihre Hochburgen gehen, um dort die eigenen Anhänger zum Urnengang zu motivieren.

          Ein solcher Fokus auf Hochburgen hat zudem den Vorteil, dass er einfach umzusetzen ist: Die Ergebnisse früherer Wahlen sind ja bekannt, auch für kleinräumige Ebene wie etwa Stimmbezirke. Heißt konkret: Wir schicken unsere Leute in die Stimmbezirke, in denen wir beim letzten Mal besonders gut waren. Da die Hochburgen logischerweise für alle Parteien andere sind, sollten auch Staus an Deutschlands Haustüren im September ausbleiben. Und die von den Parteien verwendeten Apps helfen dabei, in Echtzeit zu sehen, wie erfolgreich die Kampagne an den Haustüren läuft – gegebenenfalls können die Parteien noch nachsteuern.

          Sinnvoll mag das Verfahren aus Sicht der Parteien also sein. Das ändert freilich nichts daran, dass mancher sich durch die Einladung zum „persönlichen Gespräch“ eher belästigt fühlen wird – zumal man sich dem Angebot an der eigenen Haustür weniger leicht entziehen kann, als etwa am Wahlkampfstand vor dem Supermarkt. Doch genau diese Direktheit ist Sinn und Wesen des Verfahrens: Der Wahlkampf soll genau dorthin gebracht werden, wo er ansonsten vielleicht nicht stattfinden würde.

          Einfach aufmachen?

          Das mag der Einzelne als störend empfinden, es befördert aber eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit politischen Themen und somit eine gesunde Demokratie. Wahlen gehen schließlich jeden an, und mit dem Tür-zu-Tür-Wahlkampf holen die Parteien die Menschen dort ab, wo sie nun einmal häufig sind: zuhause.

          Studien zeigen übrigens, dass anfangs auf beiden Seiten der Haustür eine gewisse Skepsis gegenüber dem Instrument herrscht. Nach einem Gespräch sind aber in der Regel sowohl der potentielle Wähler als auch der Wahlkämpfer zufrieden. Solange es keinen Wahlkampf durch Osmose gibt, ist und bleibt der Kontakt zwischen Wählern und Gewählten, zwischen Bürgern und Politik eine tragende Säule unseres demokratischen Systems. Wenn der Parteimann also demnächst bei Ihnen klingelt, machen Sie doch einfach auf.

          Quelle: FAZ.NET

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