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Wahlkampf Bayerisches Maximallob

Früher lasen CSU-Funktionäre demonstrativ Zeitung, wenn Angela Merkel als Vorsitzende der Schwesterpartei eine Rede hielt. Wie groß Merkels Dominanz mittlerweile ist, zeigt ihre Bierzeltrede in Dachau.

© REUTERS Vergrößern Bierzelt-Politik

Angela Merkel und die CSU verbindet eine wechselvolle Geschichte. Sie beginnt mit einer Rede in ihrer frühen Zeit als CDU-Vorsitzende bei der Schwesterpartei, während der die CSU-Granden demonstrativ Zeitung lasen, als spreche gerade ein Gast aus dem Lande Liliput. Sie setzt sich fort mit dem legendären Wolfratshausener Frühstück, bei dem Merkel Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur antrug - und von dem Stoiber in seinen Memoiren festgehalten hatte, dass es frische Semmeln und „etwas Käse“ gab. Sie mündet in die gegenwärtige Dominanz Merkels, mit einem Horst Seehofer, der die Demutshaltung gegenüber der Kanzlerin zu einer eigenen Kunstform entwickelt hat, als Chef-Yogi der CSU. Ostentativ beugt er sein Haupt vor den Beliebtheitswerten der Kanzlerin, die er nie erreichen werde.

Wie groß die Dominanz Merkels ist, zeigt sich bei ihren Wahlkampfauftritten in Bayern. Sie bereist den Freistaat eifrig, soll doch bei der Landtagswahl am 15. September kräftig auf das Unionskonto für die Bundestagswahl am 22. September eingezahlt werden. Die CDU-Vorsitzenden bestimmt die Regeln des Wahlkampfs - selbst bei einem Herzstück der politischen Dramaturgie der CSU: der Bierzeltrede. Zu ihr gehören an sich starke Worten und starke Gesten, eine maximale Gesichtsrötung und zeremonielles Schwenken eines Maßkrugs, mag auch Kamillentee darin schäumen. Doch Merkel hat ihr eigenes Genre der bayerischen Bierzeltrede geschaffen, mit längeren Diskursen im Kammerton und sanften Scherzen, die auch evangelische Kirchentage nicht verschrecken würden. Es ist eine protestantisch gefilterte Version eines katholischen Kraftrituals, garantiert promillefrei, politisch gesehen.

- © AFP Vergrößern An Fans mangelte es nicht

Besonders augenfällig wurde das bei der Kundgebung im großen Zelt des Volksfests in Dachau, der Stadt, in der Ludwig Thoma als Rechtsanwalt tiefe Einblicke in die Mentalität seiner Landsleute gewann. Das Pendel der politischen Erregungskultur, in Wahlkampfzeit besonders leichtgängig, schlug heftig aus, weil die Kanzlerin unmittelbar vor der Kundgebung die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau besuchte. Bierzeltrednern nach gewöhnlicher CSU-Fasson hätte diese Abfolge den Angstschweiß auf die Stirn getrieben - und ihre Zuarbeiter wären dem Zusammenbruch nahe gewesen, wenn die Rede ihres Schutzbefohlenen damit begonnen hätte, die Gedenkstätte sei nur einen „Katzensprung“ vom Festplatz entfernt.

Doch just mit diesen Worten setzte die Kanzlerin ein - und balancierte dann über einen rhetorischen Abgrund mit einer Gelassenheit, dass den kleinen und großen CSU-Funktionären in den ersten Tischreihen der Mund offen blieb. Auch in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft sei das Konzentrationslager „mitten unter uns“ gewesen: „Wer wollte, konnte damals auch sehen und hören.“ Deshalb sei es so wichtig, „dass es nie wieder passiert, dass wir wegsehen und dass wir weghören.“ Nie wieder dürften Menschen schutzlos sein, „nur weil sie aus einem bestimmten Land kommen, einer bestimmten Religion angehören, einer politischen Gesinnung, einer sexuellen Orientierung.“ Nie wieder dürften Menschen deshalb benachteiligt und ermordet werden.

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