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Wahlergebnis der Linken : Gut gespielt, aber nichts gewonnen

Sahra Wagenknecht ist mit dem Wahlergebnis wohl gar nicht so unzufrieden. Bild: Matthias Lüdecke

Die Linke behauptet ihr früheres Ergebnis, aber sie ist nicht mehr die Protestpartei schlechthin. Trotzdem gehört die Parteichefin Sahra Wagenknecht zum fröhlicheren Teil der Verlierergemeinschaft.

          Die Linke hat sich ganz gut gehalten bei der Verschiebung der Parteienlandschaft. Aber eines wiegt doch schwer: Sie wird jedenfalls nicht mehr diejenige Fraktion sein, die im Bundestag die Opposition anführt, egal in welcher Konstellation künftig regiert wird. Die 8,6 Prozent von der letzten Wahl werden aber gut gehalten, sogar leicht verbessert. Dennoch wird die erste Prognose mit lauten Buh-Rufen bedacht, wegen der AfD. Freude wird auch deswegen in kleiner Dosis verbreitet, weil die Linke unter den sieben künftigen Fraktionen im Bundestag möglicherweise die kleinste sein wird.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wer Sahra Wagenknecht im Wahlkampf erlebt hat, der konnte einer Politikerin zuhören, die sich auf die Opposition freut – so, wie immer. Regieren und Koalieren sind für sie eher Mist. Denn koalieren würde für die Partei bedeuten, sich in die Auseinandersetzung mit sich selbst zu begeben, die ganzen Widersprüche zwischen pragmatischen Gesamtdeutschen und altsozialistischen Protest-Ossis zu klären. Fast dreißig Jahre nach Beginn ihrer Häutungen aus der früheren Diktaturpartei der DDR bleibt vieles ungeklärt. Zu viel, um regieren zu wollen oder zu können. Es hat aber wieder nicht gereicht und deshalb gehört Wagenknecht zum fröhlicheren Teil der Verlierergemeinschaft der deutschen Linken. Ihre Partei hat ein paar ihrer Ziele diesmal schon erreicht, noch bevor die Wahllokale schlossen: die konkurrierenden Wahlkampfmannschaft um das Spitzenduo Wagenknecht und Dietmar Bartsch sind nicht aneinander geraten, Wagenknecht hat sich keine Ausflüge an die Nahtstellen zur AfD erlaubt und gar nicht erst versucht, Deutschtümelei in roter Verpackung anzubieten.

          Die achtundvierzig Jahre alte Wagenknecht, die aus Jena stammt, gehört zu denen in der Partei, die seit fast drei Jahrzehnten dabei sind. Sie war als junge Frau mit Rosa-Luxemburg-Habitus ins Parlament gekommen und hatte in der damaligen PDS den alten Kommunismus repräsentiert. Seit 2009 gehört Wagenknecht dem Bundestag an. Seit Oktober 2015 führt sie die Fraktion gemeinsam mit Bartsch. Ein Proporzgeschäft auf Gegenseitigkeit. Während Wagenknecht die linkeren Linken vertritt, steht der neunundfünfzigjährige Bartsch in der Fraktion für diejenigen, die sich das Koalieren für die Zukunft nicht nur vorstellen können, sondern Regierungsbeteiligung geradezu anstreben. Bartsch, der aus Stralsund stammt und seinen Wehrdienst bei der Fallschirmjägertruppe der Nationalen Volksarmee abgeleistet hat, war nach der Wende in der Partei schon ziemlich viel, vom Schatzmeister bis zum Wahlkampfmanager. So wie Wagenknecht es im Wahlkampf vermieden hat, zu weit auf die linke Außenbahn zu gehen, hatten auch weder Bartsch noch Katja Kipping ihre sozialdemokratisierten Ansichten zu weit vorne ins Schaufenster gestellt. Wozu auch. Sowohl die SPD als auch die Grünen hatten sich in den Umfragen immer weiter weg von einer auch nur rechnerisch möglichen rot-rot-grünen Verbindung bewegt. Also Opposition.

          Ab dem Nachmittag waren Parteifunktionäre, Mitglieder und Sympathisanten in Berlin-Kreuzberg eingetroffen, wo die Linke einen Festsaal in der Nähe der ehemaligen Mauer gemietet hat. Nahe am Osten, aber doch im Westen. Groß genug für eine kleine Siegesparty. Als dann die ersten Zahlen zunächst gerüchteweise eintreffen sind die Versammelten in heiterem Ernst auf die ersten Prognosen gefasst. Zuerst geht es ja darum, den Wiedereinzug in den Bundestag möglichst souverän zu schaffen. Dass dies gelingen würde, war absehbar, aber keineswegs selbstverständlich. Dazu hatte die Partei zuletzt bei Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen zu schlecht abgeschnitten, den Einzug in die Landesparlamente verpasst, und war im Osten des Lands nicht stark genug.

          Auch wenn Kipping und Co. nicht müde werden, den Aufstieg der AfD als alleiniges Rechtsphänomen zu attackieren, haben sie doch damit zu kämpfen, dass ihr in den letzten Jahren besonders in den östlichen Ländern der Ruf als Protestpartei abhanden gekommen ist. Wer in Erfurt den Ministerpräsidenten stellt, kann nicht in Weimar oder in Brandenburg das Systemopfer spielen. So würden, das war einzukalkulieren, manche Wut-Wähler zur AfD gehen und nicht mehr zur Linken. Das macht den Osten Deutschlands zur Problemzone der Partei, denn dort hatte sie einst bis zu dreißig Prozent gewonnen. Das waren zuletzt nur noch Traumergebnisse der Vergangenheit. Vor vier Jahren waren es durchschnittlich allerdings immer noch 23 Prozent. Doch der Trend zeigt abwärts: In Sachsen-Anhalt holte sie knapp über 16 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um die 13. Dort überflügelte die AfD mit über 20 Prozent nicht nur die Linke, sondern auch die CDU. Das war mehr als nur ein Hinweis darauf, dass die prinzipiellen Nein-Sager von Linksaußen nach Rechtsaußen gewechselt haben.

          Der Wahlabend bestätigt das dann auf eine eindrucksvolle, je beklemmende Weise. Die AfD zieht an der Linken vorbei, besonders in den östlichen Bundesländern. Die Enttäuschung darüber ist so groß, wie der Erfolg der Alternative für Deutschland. Wagenknecht, Bartsch und Kipping haben zwar ein mulmiges Gefühl gehabt, aber das der Abstand so groß, das Rennen um den dritten Platz so eindeutig verloren würde, das war dann doch ein schwerer Schlag.

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