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Wahlkampfabschluss der Linken : Wagenknecht wirft SPD „Wählerverarschung“ vor

Sahra Wagenknecht am Freitag in Berlin: „Die Linke zu wählen, ist der einzige Weckruf, den man im Willy-Brandt-Haus hören wird.“ Bild: SINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Weil es für eine Koalition mit der SPD wohl nicht reichen wird, attackiert die Linke auf den letzten Metern des Bundestagswahlkampfes vor allem die Sozialdemokraten – und will so den Kampf um Platz drei gewinnen.

          Matthias Höhn steht am Freitagnachmittag entspannt auf dem Platz vor dem Roten Rathaus in Berlin und beobachtet die Vorbereitungen für den Wahlkampfhöhepunkt seiner Partei. Der Bundesgeschäftsführer der Linken muss zwei Tage vor der Bundestagswahl nicht mehr selbst auf die Bühne – heute müssen die Stars der Partei Gas geben, vor allem die Spitzenkandidatin. „Sahra Wagenknecht hat in diesem Sommer viele Marktplätze gefüllt“, sagt Höhn. Vor allem dank ihr, die zusammen mit Dietmar Bartsch das Spitzenduo der Linken bildet, hat die Partei gute Chancen, auch in den nächsten vier Jahren drittstärkste Kraft im Bundestag zu sein.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Welcher Partei Wagenknecht auf den letzten Metern noch Wähler abspenstig machen soll? Höhn sagt: „Es gibt viele im sozialdemokratischen Milieu, die wissen, dass die SPD keine Chance mehr auf den Machtwechsel hat.“ Da liege doch der Gedanke nahe: „Schulz ist als Alternative ausgefallen, vielleicht stärke ich die Linke.“ An diese Menschen denkt wohl auch Sahra Wagenknecht, als sie wenig später die Bühne betritt. Es sei eine „üble Legende“, dass es in Deutschland keine Wechselstimmung gebe, ruft sie über den Platz. Die Menschen hätten wegen der Schwäche der SPD nur die Hoffnung auf einen Wechsel verloren. „Die Linke zu wählen, ist der einzige Weckruf, den man im Willy-Brandt-Haus hören wird."

          „Die SPD hat es vermasselt“

          Der Wahlkampf war für Wagenknecht auch deswegen entspannt, weil sie sich recht schnell damit abgefunden hat, wieder auf der Oppositionsbank zu landen. „Wenn man sich die Umfragen anschaut, kann man nicht ernsthaft noch sagen, wir sehen gute Chancen für rot-rot-grün“, sagte sie schon vor Wochen. Sie und ihr linker Flügel werden damit gut leben können, gemäßigte Linke wie Matthias Höhn bedauern das schon eher: „Ich habe schon vor einem Jahr gesagt: Ich hätte gerne diese Wechseloption.“

          Bundestagswahl : Wagenknecht sieht kaum Chancen für Rot-Rot-Grün

          Wer daran schuld ist, dass es die nicht geben wird, ist für die Linke klar: „Die SPD hat es vermasselt“, sagt Wagenknecht. Dass die Sozialdemokraten keinen wirklichen Wechsel wollten, hätten viele Wähler spätestens im Juni bemerkt, als Gerhard Schröder als Gastredner beim SPD-Parteitag aufgetreten sei. „Schröder steht für den größten Sozialabbau in der deutschen Geschichte", sagt Wagenknecht. Völlig unglaubwürdig sei deswegen auch das SPD-Plakat, auf dem steht: „Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind“. Für Wagenknecht ist das „Wählerverarschung“. Die SPD habe die „kleinen Renten“ im Zuge der Agenda-Reformen schließlich selbst eingeführt.

          Eine Achtzigjährige, die in Berlin im Publikum steht, sieht das genauso. Sie kann mit Politik eigentlich nicht mehr viel anfangen. „Aber wenn die Wagenknecht im Fernsehen ist, schalte ich nicht um. Die hat in vielen Dingen recht." Sie selbst sei vor zehn Jahren „aus Ostdeutschland nach Berlin“ gekommen. „Und seitdem habe ich nicht mehr gewählt.“ Warum nicht? „Wegen Hartz IV.“ Ob sie die Linke wählen würde, wenn diese danach eine Koalition mit der SPD eingehen würde – ohne Hartz IV abzuschaffen? „Niemals“, sagt sie.

          Enttäuschte Rentner in Ostdeutschland gelten eigentlich als eine Klientel, um die die Linke mit der AfD kämpfen muss. Immerhin kann man sich nur bei den beiden Parteien sicher sein, dass sie in den Bundestag einziehen – aber nicht Angela Merkel zur Kanzlerin wählen werden. Bundesgeschäftsführer Höhn glaubt nicht daran, dass die Linken und die Rechten um die gleiche Zielgruppe werben: „Unsere Klientel überschneidet sich nicht mehr groß mit der der AfD“, sagt Höhn. „Die Wählerschaft der AfD hat sich verändert in den letzten Jahren. Diejenigen, die heute AfD wählen, sind noch mal deutlich rechter, als die AfD-Wähler vor ein oder zwei Jahren.“

          Deswegen spielt die AfD auch keine große Rolle an diesem Nachmittag in Berlin – die SPD dafür umso mehr. Der Platz vor dem Roten Rathaus hat sich während der Rede von Wagenknecht gut gefüllt, richtig Stimmung will aber nicht aufkommen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die meisten Zuhörer das Geschimpfe auf die Agenda-Reformen schon so oft gehört haben. Die Linke ist aus Protest gegen Gerhard Schröder entstanden, hat enttäuschte SPD-Wähler an sich gebunden, sich in der Opposition etabliert – und versucht jetzt immer noch, mit Attacken auf den Mann zu punkten, der vor mehr als zwölf Jahren das Kanzleramt geräumt hat. Das Erreichte wird verwaltet – das wird sonst oft Angela Merkel vorgeworfen. Die kann im Kanzleramt allerdings mehr bewegen als die Linke auf der Oppositionsbank. Platz drei hin oder her. 

          Quelle: FAZ.NET

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