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Vor dem Fernsehduell Zur Mündigkeit verdammt

Aus der kleinen, gut informierten Schar von Wechselwählern ist inzwischen eine breite Schicht geworden. Auch deshalb ist das Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück eine letzte Chance für den Herausforderer.

© dpa Vergrößern Die Kulisse für das „Kanzlerduell“: Das Fernsehstudio in Berlin-Adlershof

Heute Abend findet das Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück statt. Es ist als letzte Chance für den Herausforderer beschrieben worden, das Steuer herumzureißen. Stimmt das? Wonach entscheiden die Wähler eigentlich, wem sie ihre Stimme geben? Nach dem Auftritt der Spitzenkandidaten, also nach Personen? Oder nach Themen? Folgen sie tatsächlich nur einem kurzfristigen Eindruck, sind schwankend und unentschlossen? Oder machen sie ihr Kreuz mit fester Hand, weil sie eine Partei von jeher bevorzugen?

Eins ist sicher: Personen spielen eine gewaltige Rolle bei Wahlen. Zwar geben viele Bürger bei Nachwahlbefragungen an, sie hätten ihre Entscheidung wegen dieses oder jenes Themas gefällt. Doch in Wirklichkeit gibt die Person an der Spitze oft den Ausschlag, weil man Menschen vertraut oder misstraut, weil man sie mag oder eben nicht. Das war schon bei Konrad Adenauer so, bei Willy Brandt, auch bei Gerhard Schröder. So bewerteten die Wähler 2002 Edmund Stoiber als kompetenter, aber Schröder fanden viele sympathischer. Auch Ole von Beust in Hamburg, Henning Scherf in Bremen oder Matthias Platzeck in Brandenburg sind Beispiele dafür, dass Personen den Ausgang von Wahlen bestimmen können.

Wahlkampf Merkel und Steinbrück © dpa Vergrößern „Sie haben es in der Hand“: Aus dem Duell auf den Wahlplakaten in ganz Deutschland wird am Sonntag abend das direkte Aufeinandertreffen im Fernsehstudio - und vor einem Millionenpublikum vor den Bildschirmen

Man muss aber kein Menschenfischer oder Jeden-Umarmer wie Platzeck oder Scherf sein, um diese Bedeutung zu erlangen. Angela Merkel ist das augenscheinlich nicht. Sie ist zu pragmatisch und distanziert, als dass eine emotionale Bindung die Bürger dazu bewegen würde, die Partei der Kanzlerin zu wählen. Aber sie hat es geschafft, dass viele Deutsche mit ihr ein Wohlgefühl verbinden.

Sicher, Heilserwartungen an die Präsidentenkanzlerin halten sich in Grenzen. Aber es reicht der Glaube, dass man mit ihr auch in Zukunft über die Runden kommen wird. Bei einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Infratest anstellte, wurden die Bürger gefragt, wie zufrieden sie mit der Bundesregierung „unter Führung von Angela Merkel“ seien: 56 Prozent waren es. Auf die gleiche Frage, mit der Variante „unter Führung von CDU/CSU und FDP“, antworteten nur noch 38 Prozent, sie seien zufrieden. Kein Wunder, dass die Union Merkel, Merkel und nochmals Merkel plakatiert.

Selbst ein Fünftel der SPD-nahen Wähler will lieber die Amtsinhaberin weiter im Kanzleramt sehen. Das war schon vor vier Jahren so. Viele SPD-Anhänger, die den Konflikt zwischen Kanzlerpräferenz und Parteinähe für sich nicht auflösen konnten, blieben damals zuhause. Zwar ist Steinbrück rauflustiger als sein Vorgänger im Amt des Herausforderers, Steinmeier. Aber der Kandidat ist von den sozialen Themen, um die der Wahlkampf seiner Partei kreist, so kontaminiert worden, dass von seinem eigentlichen Ass, der Kompetenz auf dem Feld der Wirtschaft und Finanzen, wenig übrig ist.

Auflösung gesellschaftlicher Milieus

Welche Rolle aber spielt der Auftritt der Parteien für die Wahlentscheidung? Die Bindung an sie nimmt seit Jahren ab, besonders gilt das für die großen. Die Auflösung gesellschaftlicher Milieus spielt hier hinein. Wer früher im Arbeitergesangsverein war, wählte SPD, wer sonntags in die Messe ging, CDU. Das ist immer noch so, nur dass es viel weniger Kirchgänger und rote Gesangsvereine gibt. Bei den Wählern, die über 70 Jahre alt sind, wählen zwar heute noch rund 80 Prozent Union oder SPD; bei den Wählern unter 30 Jahren liegt der Vorsprung der großen Parteien gegenüber den kleinen nur noch im einstelligen Bereich.

Noch etwas kommt hinzu: Die Gesellschaft ist, anders als vor dreißig oder vierzig Jahren, entideologisiert. Wahlkämpfe à la „Freiheit oder Sozialismus“ sind nicht mehr vorstellbar. Heute sehen sich die allermeisten Bürger in der Mitte, orientieren sich nicht mehr an einem ideologischen Überbau. Die Parteien sind dieser Entwicklung gefolgt. Wer aber ideologischen Ballast abwirft, wird sich ähnlicher. Und der Weg von der einen zu anderen Partei wird kürzer.

So sind aus der kleinen Schar der Wechselwähler - früher politisch gut informierte Intellektuelle, die ihre Stimme taktisch gezielt einsetzten - breite Schichten von Wechselwählern geworden. Achtzig Prozent sagen, sie könnten sich vorstellen, auch eine andere Partei als die von ihnen derzeit bevorzugte zu wählen.

Dennoch sollte man nicht der Mär von der enormen Zahl Unentschlossener aufsitzen, die ihre Entscheidung angeblich erst in der Wahlkabine fällen. Allein die steigende Zahl von Briefwählern, die bald ein Viertel ausmacht, spricht dagegen. Bei den angeblich Unentschlossenen handelt es sich vielfach entweder um Nichtwähler (die das nicht zugeben), oder um solche, die noch taktische Überlegungen mit Blick auf diese oder jene Koalition anstellen.

Sicher gilt: Im Zeitalter der Individualisierung ist der Wähler zur Mündigkeit verdammt. Er muss immer mehr seine ganz eigene Begründung dafür finden, warum er dieser oder jener Partei seine Stimme gibt. Ein TV-Duell kann dem einen oder anderen helfen, diese Entscheidung zu treffen. Spannend genug.

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Quelle: F.A.S.

 
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