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Martin-Schulz-Experiment : Die seltsamste Zeit

Tapfer und würdevoll: Martin Schulz auf einer Kundgebung der SPD in Kassel Bild: Imago

Das Experiment Martin Schulz führte die SPD kurzzeitig in ungeahnte Höhen. Umso schmerzlicher war der Absturz danach. Der Kanzlerkandidat kämpft jetzt darum, nach dem 24. September weiter eine Rolle zu spielen.

          Hin und wieder sind sie noch zu sehen, die kleinen, rechteckigen Schilder mit der Aufschrift: „London, New York, Paris, Würselen“. Ein, zwei glühende Anhänger im Publikum auf den Kundgebungen des SPD-Kanzlerkandidaten halten sie dann trotzig in die Höhe – in Bremen, in Kiel, in München. Sie wirken wie Devotionalien aus alten, besseren Tagen. Dabei wurden sie erst vor sechs Monaten gedruckt. Für Martin Schulz, der derzeit seine Tournee durch das Land tapfer und würdevoll zu Ende bringt, sind sie Erinnerung an die wohl seltsamste Zeit in seinem politischen Leben.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Zu Jahresanfang wurde Schulz unversehens ins Zentrum der politischen Arena plaziert. Nicht dass er es nicht gewollt hätte. Er traute sich das zu, keine Frage. Der scheidende Präsident des EU-Parlaments war gewissermaßen auf Jobsuche. Und er glaubte, erfolgreicher sein zu können als Sigmar Gabriel. Wirklich gerechnet hatte er aber nicht damit, dass sein Freund ihm die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz überlassen würde. Und schon gar nicht hatte er mit dem folgenden Raketenstart gerechnet. Damals wusste er nicht, wie ihm geschah: Das Publikum feierte ihn, er ließ sich fallen und von der Menschenmenge tragen wie ein Rockstar beim Crowdsurfing.

          Demoskopen suchen nach Erklärungen

          Was im Frühjahr des Jahres geschah – der plötzliche Umfragesprung der SPD um zehn Prozentpunkte nach oben – können sich Demoskopen bis heute nicht so richtig erklären. Dabei spielte die Demoskopie bei der Personalentscheidung eine wichtige Rolle; sie gab womöglich den Ausschlag. Gabriel begründete Ende Januar seinen überraschenden Verzicht auch mit dem Potential, das die Wahlsoziologie Schulz zuschrieb. Der folgende Hype, mit dem Gabriel so nun auch wieder nicht gerechnet hatte, war das Beste, was ihm passieren konnte. In jenen Wochen, in denen die SPD sich wie in einem Rausch befand – es muss im März dieses Jahres gewesen sein –, wandte sich Angela Merkel einmal an ihren Vizekanzler und erkundigte sich, wie es ihm denn gehe. War er, ohnehin eine verletzte Seele, ob der „Schulzomanie“ gekränkt? Gabriel wehrte ab und machte auf cool. Deshalb habe er es ja gemacht, deshalb habe er ja Schulz ins Rennen geschickt. So hieß seine Standardantwort in jenen Tagen.

          Auch das Lob für sein selbstloses Beiseitetreten, mit dem er auf dem Berliner Wahlparteitag im selben Monat überhäuft wurde, war Gabriel eher unangenehm. Hannelore Kraft etwa, seinerzeit noch eine Größe in der Partei, sagte, wenn Schulz, mit 100 Prozent zum Vorsitzenden gewählt, am 24. September Bundeskanzler würde, dann sei das auch sein, Gabriels, Sieg. Der Angesprochene blickte indes längst nach vorn. Er gefiel sich in seiner neuen Rolle als Außenminister, die ihm schon bald bisher nie erreichte Beliebtheitswerte verschaffen sollte.

          Schon seinerzeit wurde über Gabriels eigentliche Motive gerätselt. Die Unionsparteien, damals immer noch heftig im Clinch über Flüchtlinge und Obergrenzen, würden Federn lassen, die SPD – motiviert durch die neue Personalaufstellung – dazugewinnen. Im Ergebnis müsste die große Koalition fortgesetzt werden. War das sein Kalkül von Anbeginn? Hatte Gabriel sich bei seinem Verzicht im Januar für diesen Fall etwas von Schulz zusichern lassen? Gab es einen Deal?

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