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Vor dem TV-Duell : Merkels Achillesferse

  • Aktualisiert am

„Guck mal, so weit liegen wir in den Umfragen vorn“, könnte Merkel Schulz auf diesem Bild sagen. (Archivfoto aus dem März 2016). Wird sich das nach dem TV-Duell am Sonntag ändern? Bild: dpa

Bei Schröder wirkte sie defensiv, bei Steinbrück gab sie ein Versprechen, das sie gebrochen hat: Bei TV-Duellen machte Angela Merkel nicht immer die beste Figur. Kann Martin Schulz das Rennen am Sonntag noch drehen?

          Wenn am Sonntagabend Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Fernsehduell auf ihren Herausforderer Martin Schulz (SPD) trifft, wird das halbe Land vor dem Fernseher sitzen. 48 Prozent der 61,5 Millionen Wahlberechtigten wollen sich das Duell anschauen, hat eine Umfrage des Forsa-Instituts für den „Stern“ ermittelt. Ein so großes Publikum gibt es im Wahlkampf nur einmal. Ähnliche viele Wähler sind laut Umfragen vor der Wahl auch noch unentschieden, wem sie ihre Stimme geben wollen.

          Das Fernsehduell ist also ein wichtiger Termin, um dessen genaue Ausgestaltung entsprechend hart gerungen wurde. Merkel ließ die Verhandlungen dabei von ihrem Regierungssprecher Steffen Seibert und der Leiterin der Stabsstelle Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben, Eva Christiansen, führen. Für diese Praxis stehen Merkel und ihre Vertrauten in der Kritik, weil es sich beim TV-Duell um einen Wahlkampfauftritt der Kanzlerin handelt und daher eigentlich in erster Linie die Mitarbeiter der CDU-Bundesgeschäftsstelle zuständig wären. Ursprünglich hatten die Sender zwei Aufeinandertreffen von Merkel und Schulz geplant, in denen es mehr Raum für Spontaneität geben sollte. Die Bundeskanzlerin lehnte diese Pläne ab und drohte mit ihrem Fernbleiben. Die Freiheit, darüber zu entscheiden, ob man eine Einladung zu einer solchen Sendung annehme oder nicht, sei „ja immer genauso wichtig wie die Freiheit der Presse und die Unabhängigkeit“, kommentierte sie auf ihrer Sommerpressekonferenz.

          Merkels Unwillen, an mehreren Fernsehduellen teilzunehmen, rührt womöglich auch aus den Erfahrungen ihrer letzten drei Fernsehdebatten, aus denen sie stets als Verliererin hervorging. Umso größer sind die Hoffnungen im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale der SPD, mit einem grandiosen Auftritt von Martin Schulz das Steuer noch einmal herumreißen zu können. Schulz hofft, Merkel beim TV-Duell attackieren zu können und hat eigens zur Vorbereitung einen Coach in sein Wahlkampfteam geholt. Der Österreicher Markus Peichl beriet schon Frank-Walter Steinmeier vor seinem Auftritt im Wahlkampf 2009. Außerdem war Peichl Redaktionsleiter beim Magazin „Tempo“ und bei der ARD-Sendung „Beckmann“. Mit ihm will Schulz nun eine Aufholjagd starten. Das Vorbild dafür liefert Gerhard Schröders Wahlkampf vor der Bundestagswahl 2005.

          TV-Duell : Merkel gegen Schröder

          Damals trat Merkel noch als Herausforderin gegen einen Bundeskanzler Schröder an, von dem die Wähler eigentlich längst genug hatten. In den Monaten vor der Wahl lag Merkel in den Umfragen deutlich vor dem Amtsinhaber der SPD. Hauptstreitpunkt im TV-Duell waren dann die Forderungen des CDU-Steuerfachmanns Paul Kirchhof. Die Diskussion über Möglichkeiten, das Steuersystem in Deutschland zu reformieren, nahm mehr als 30 Minuten des Streitgesprächs ein. Im direkten Aufeinandertreffen konnte Merkel die Mehrheit der Zuschauer nicht von sich überzeugen: 54 Prozent sahen in Schröder laut einer Umfrage den Gewinner des Duells. Was dann folgte, war eine spektakuläre Aufholjagd, die für die Schröder-SPD mit einem Wahlergebnis von immerhin 34,2 Prozent – und fast noch einmal im Kanzleramt – endete. Merkels CDU dagegen verlor im Wahlkampf deutlich an Boden und kam am Ende nur auf 35,2 Prozent der abgegebenen Stimmen. Um Kanzlerin zu werden, musste Merkel deswegen mit der SPD koalieren.

          Duett statt Duell

          In der großen Koalition regierte Merkel dann mit stoischer Ruhe eine Legislaturperiode lang, während die SPD vier Mal den Parteivorsitzenden austauschte und am Ende mit Frank-Walter Steinmeier in den Wahlkampf zog. Das TV-Duell 2009 zwischen Merkel und ihrem Außenminister schien dann tatsächlich mehr ein Duett als ein Duell zu sein. Gegenseitige Attacken, wie es sie im Gespräch zwischen Schröder und Merkel gegeben hatte, suchte man im Gespräch vergebens. Die Harmonie der beiden Kontrahenten führte dann sogar so weit, dass Steinmeier von RTL-Moderator Peter Kloeppel gefragt wurde, ob er Merkel denn duzen würde. (Nein, tut er nicht.) Doch auch in diesem Gespräch konnte Merkel die Zuschauer nicht von sich überzeugen. 31 Prozent der Befragten sahen damals Steinmeier vorne, nur 21 Prozent die Kanzlerin.

          TV-Duell : Merkel gegen Steinmeier

          Abteilung Attacke

          Beim Fernsehduell vier Jahre später wollte Peer Steinbrück alles anders machen und attackierte Merkel von der ersten Minute an scharf. Dabei gelang es ihm immerhin, der Bundeskanzlerin das Versprechen „mit mir wird es keine PKW-Maut geben“ zu entlocken. Dieses Versprechen hat Merkel inzwischen gebrochen. Steinbrücks Attacken kamen bei den Zuschauern an: 49 Prozent sahen nach Ende des TV-Duells ihn als Sieger, nur 44 Prozent fanden Merkel überzeugender. Dass Steinbrück keinen größeren Mehrwert aus dem Duell ziehen konnte, lag auch daran, dass er sich im Duell dazu bekannte, im Falle einer Wahlniederlage nicht als Minister in Merkels Kabinett einziehen zu wollen. Der Fernseh-Entertainer Stefan Raab warf ihm daraufhin vor, nur der „King of Kotelett“ sein zu wollen und sich nicht in den Dienst des Landes zu stellen. Für viel Gesprächsstoff sorgte aber auch Merkels in den Nationalfarben gehaltene Halskette, die unter dem Hashtag „Schlandkette“ im Internet diskutiert wurde.

          TV-Duell : Merkel gegen Steinbrück

          Die Erfahrung der letzten Jahre spricht also nicht unbedingt für Merkel – zumindest, was das Fernsehduell am Sonntag betrifft. Ob ein starker Auftritt allein aber reicht, um das Rennen bis zur Bundestagswahl noch einmal spannend zu gestalten, ist trotzdem zweifelhaft. Denn auch in diesem Jahr gilt der Satz, mit dem sich Merkel vor vier Jahren an die Zuschauer wandte: „Sie kennen mich!“

          Quelle: FAZ.NET

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