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Wahlkampf : Was ist schon gerecht?

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Wie eigentlich alle Politiker kämpft auch der SPD-Kanzlerkandidat nach eigenen Worten für „mehr Gerechtigkeit“. Aber was ist überhaupt gerecht? Bild: dpa

Irgendwie will doch jeder Gerechtigkeit, im Wahlkampf sogar noch mehr als sonst. Aber was bedeutet Gerechtigkeit? Ein Unternehmer, eine Altenpflegerin und ein Philosoph haben unterschiedliche Antworten.

          Als Martin Schulz beim TV-Duell eine Minute Zeit hatte, um sich seinen Wählern zu empfehlen, setzte er auf sein Lieblingsthema: Gerechtigkeit. „In 60 Sekunden verdient eine Krankenschwester weniger als 40 Cent und ein Manager in einem Großunternehmen mehr als 30 Euro“, sagte er. „Gerechtigkeitswahlkampf“ nennt seine Partei das, was sie in den vergangenen Wochen geführt hat. Aber auch die FDP – wirtschaftspolitischer Opponent der SPD – wirbt in ihrer Kampagne für Chancengleichheit. Kein Wunder: Wer wollte das nicht, mehr Gerechtigkeit? Laut einer Umfrage von YouGov finden vier von fünf Deutschen, dass es hierzulande nicht gerecht zugeht. Gerechtigkeit ist auch vor dieser Wahl wieder allgegenwärtig.

          Aber was ist schon gerecht?

          Eine große Frage, sicherlich, aber in den vergangenen 2500 Jahren gab es eigentlich nur zwei Antworten. Die einen finden es gerecht, wenn jeder für gleiche Arbeit gleichen Lohn und für gleiches Verbrechen gleiche Strafe bekommt. Sie stehen in der Tradition von Aristoteles. Die anderen – die Platoniker – denken, gerecht ist, wenn jeder bekommt, was ihm zusteht. Jedem das Seine.

          Jedem das Seine, das weckt Assoziationen an das Konzentrationslager Buchenwald, über das die Nazis den Spruch zum Hohn gehängt hatten. Heute argumentiert kaum noch jemand mit einer Jedem-das-Seine-Gerechtigkeit. Nicht etwa, weil die Nazis den Spruch verbrannt hätten. Vielmehr weil es sich den Leuten nicht intuitiv erschließe, sagt der Philosoph Christoph Horn. „Die Leute können einfach nicht verstehen, warum es gerecht sein soll, dem einen aus metaphysischen, nicht weiter hinterfragbaren Gründen ein Recht zuzugestehen und dem anderen nicht.“ Könige haben platonisch argumentiert, es stehe ihnen der Thron zu, weil Gott es will. So etwas findet heute kaum noch jemand gerecht. All das, was wir heute im politischen Spektrum sehen können, das seien Varianten des aristotelischen Gerechtigkeitsverständnisses, sagt Horn.

          Gleiche Fälle gleich behandeln

          Aristoteles also; gleiche Behandlung gleicher Fälle, ungleiche Behandlung ungleicher Fälle. Edith Jendryzik ist seit fast 20 Jahren Altenpflegerin, sie arbeitet hart und hat häufig auch an Wochenenden und Feiertagen Dienst. Sie trage Verantwortung, sagt sie, manche Leute könnten sich nicht mehr artikulieren und Jendryzik muss für sie entscheiden, was sie brauchen. Auch Axel Ebbecke trägt Verantwortung: Er ist Gründer und Vorstand eines mittelständischen Unternehmens mit 100 Mitarbeitern im wirtschaftsstarken Main-Kinzig-Kreis. Jendryzik bekommt für ihre 75-Prozent-Stelle etwas mehr als 1000 Euro nach Steuern. Ebbecke hat ein Haus in Miami.

          Ist das gerecht? Ist das die aristotelische Gleichbehandlung gleicher Fälle? Die SPD betet Gegensätze wie den zwischen Ebbecke und Jendryzik im Wahlkampf rauf und runter. Dabei weiß sie die Empörung vieler Deutscher hinter sich, wenn es um Gehaltsunterschiede geht. Aber wie kann eine aristotelische Gesellschaft diese Unterschiede überhaupt aushalten?

          Dass die Aristoteliker absolute Gleichheit verlangen, ist nur die halbe Wahrheit. Jede Regel braucht ihre Ausnahmen, und der Philosoph Horn nennt diese Ausnahmen normative Sondertatbestände. „Stellen Sie sich einen Kindergeburtstag vor“, sagt Horn, „und auf diesem Geburtstag gibt es eine begrenzte Anzahl von Kuchenstücken.“

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