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SPD-Wahlkampf Steinbrücks Opfergang

Dem Kanzlerkandidaten ist widerfahren, was man als „Fertigmachen“ begreifen kann. Erst hatten die Kanzlermacher das Wort. Dann senkten sie den Daumen im Kolosseum der Macht.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern Kanzlerkandidat: Peer Steinbrück

Es ist wahr, was die Frau des Kanzlerkandidaten in Berlin auf dem Parteikonvent der SPD sagte: Peer Steinbrück wird seit langem „verhauen“, ohne dass jeweils gleich ersichtlich wäre, warum eigentlich. Obwohl gerade sie nicht unbedingt diejenige ist, die das aus der nötigen Distanz beurteilen könnte, hat sie offenbar einen Nagel auf den Kopf getroffen.

Jasper von Altenbockum Folgen:  

Nebentätigkeiten, das Kanzlergehalt, Pinot Grigio, die „Clowns“, die Reihe ließe sich fortsetzen, das alles waren nicht „Fettnäpfchen“, die jederzeit und für jedermann, der hoch hinaus will, dastehen und in die Steinbrück wie ein Tolpatsch hineingetreten ist. Es waren in der Mehrzahl Fallen, die aufgestellt wurden, um einmal zu sehen, ob sie zuschnappen - und was dann passiert. Oft hat es Tage gedauert, bis der Skandal der Skandal war, den man haben wollte. Im Falle der Nebentätigkeiten sogar Jahre.

Nicht nur Steinbrück ist Opfer dieses Rituals, denn die publizistische Kopfgeldjägerei gehört mittlerweile zum Geschäft politischer Öffentlichkeit - siehe Rainer Brüderle, siehe Philipp Rösler, siehe Thomas de Maizière, um nur die jüngsten Fälle zu nennen.

Der Zeitpunkt, von dem an Peer Steinbrück „verhauen“ wurde, ist genau zu datieren: Es ist der Tag, an dem die SPD tat, was sie laut vielen Schwarmintelligenten längst schon hätte tun müssen, nämlich Steinbrück zum Kanzlerkandidaten auszurufen. Auch bei Rainer Brüderle lässt sich der Zeitpunkt genau bestimmen: Es war der Tag, für den sich alle Welt schon darauf vorbereitet hatte, dass endlich passieren würde, was der FDP von aller Welt über Wochen empfohlen worden war, nämlich Rainer Brüderle zum FDP-Vorsitzenden zu machen. Derart „gemacht“, sollte er nun wieder entmachtet werden.

So viele Talente!

Steinbrück war fast schon ein Obama der deutschen Politik. „Er kann es“, urteilte ein anderer deutscher Fast-Obama außer Dienst und mit ihm - mit auffälliger Häufung ihrer Ableger in Hamburg - der Tross der Hauptstadtpresse. Es waren Sätze zu lesen wie: Die SPD wäre vom Klammerbeutel gepudert, wenn sie dieses Talent nicht vom Abstellgleis der Politik holte.

Und welche Talente er nicht alle hatte! Er konnte reden, er konnte führen, er konnte regieren, er war unabhängig, geradeheraus, ehrlich, intelligent, cool, er hatte Witz, Ironie, Kompetenz. Die Lobeshymnen, in denen die große Lust daran zu spüren war, Kanzlermacher sein zu dürfen, wurden nur noch übertroffen vom Selbstbewusstsein des Angehimmelten. Wahrscheinlich dachte Steinbrück damals wirklich ein paar Augenblicke lang, er sei der geborene Sieger, der nur noch durchstarten müsse.

Doch schon am Tag, als es so weit war, begann die Fettnapfberichterstattung und berauschten sich die Kanzlermacher daran, im Kolosseum der Macht den Daumen zu senken. Was Steinbrück auch tat, es schien Fehltritt auf Fehltritt zu folgen, aus denen dann das ganze Gegenteil dessen geschlossen werden konnte, was monatelang zuvor berichtet worden war: Er kann es nicht. Um die Jagd perfekt zu machen, besteht die Kunst der Jäger jetzt nur noch darin, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in die Welt zu setzen. Man kann das als „Fertigmachen“ begreifen.

Wo ist das Feuer?

Das alles, muss man spätestens an dieser Stelle hinzufügen, sollte ein Kanzlerkandidat allerdings ertragen und mit dem inneren Feuer, das ihn und seine Partei ins Kanzleramt bringen soll, ersticken können. Was Steinbrück widerfährt, ist nichts im Vergleich zu früheren Kandidaten - man denke nur, welch’ ein Vergleich, an Franz Josef Strauß. Dieses Feuer wird aber nur entfacht und am Leben erhalten, wenn Partei und Person zueinander passen, besser gesagt: auseinander hervorgehen.

Das wird Steinbrück in diesem Wahlkampf nicht mehr hinbekommen. Seine überhebliche und überstürzte Nominierung war schon Ausdruck dafür, dass es der Partei bis in die Spitze hinein an Glut fehlt. Dann noch aus einem Solokünstler und der Partei ein Gespann formen zu wollen, das in die gleiche Richtung zieht, hat sich als Ding der Unmöglichkeit erwiesen.

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Der „Weckruf“, den Steinbrück dem Parteivorsitzenden jetzt entgegenschleuderte, ändert daran nichts, im Gegenteil - der Vorwurf der Illoyalität gegen Sigmar Gabriel, der ihn immerhin zum Kandidaten machte, ist so gravierend, dass der Eindruck entstehen muss, der Wahlkampf drehe sich ab jetzt vor lauter desolater Stimmung nicht mehr um die Machtfrage in Deutschland, sondern in der SPD.

Es lässt sich leicht abschätzen, welche Auswirkungen die teils selbst verschuldete, teils herbeigeredete Abwärtsspirale des SPD-Wahlkampfs auf die Kernfrage einer Wahl hat: Wem vertraut ein Wähler so, dass er ihr oder ihm seine Stimme gibt? Es sind nicht die puren Inhalte, die Wahlprogramme, die diese wichtigste aller Fragen beantworten. Es sollten aber die Inhalte nicht von kampagnenhaften Haltungsnoten verdrängt werden wie im Falle Steinbrücks.

Nicht zuletzt im Vertrauen auf die Inhalte bewahrt sich die SPD ihre Hoffnung, indem sie ganz auf ihren Wahlkampf in den letzten Wochen und Tagen vor der Wahl setzt. Mancher Steinbrück-Kritiker hingegen scheint der Auffassung zu sein, dass es einer Wahl oder eines Wählers gar nicht mehr bedürfe.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.06.2013, 17:08 Uhr