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Fernsehdebatte : Ein Duell ist ein Duell ist ein Duell

Abermals kampfbereit? Angela Merkel (CDU) mit einem überdimensionalen Boxhandschuh vor der Bundestagswahl 2013 Bild: dpa

2002 forderte Stoiber seinen Konkurrenten Schröder zum ersten deutschen Fernsehduell. Seitdem gehört die TV-Debatte der Kanzlerkandidaten fest zum Bundestagswahlkampf. Merkel mag das Duell nicht, aber die Kanzlerin kommt nicht darum herum.

          Ein Medienereignis steht bevor, das nicht zu den in der Verfassung und weiteren Gesetzen normierten Regeln des deutschen Wahlsystems passt. Zwei Kandidaten treten an, die überdies nur die wenigsten Wähler in der Bundesrepublik Deutschland auf ihrem Stimmzettel ankreuzen können. Das TV-Duell. Angela Merkel, die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende, gegen Martin Schulz, den Kanzlerkandidaten und SPD-Vorsitzenden.

          Günter Bannas

          Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

          Für neunzig Minuten am Sonntagabend wird beinahe so getan, als herrsche in Deutschland ein Wahlsystem wie etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Frankreich, wo der mit Regierungsgewalt ausgestattete Präsident direkt vom Volk gewählt wird. In Deutschland ist das anders. Die Bürger wählen mittels der sogenannten Erststimme in Wahlkreisen den einen Teil der Bundestagsabgeordneten und mit der Zweitstimme Landeslisten der Parteien. Der am 24. September neugewählte Bundestag befindet dann über den künftigen Bundeskanzler. Den Namen Angela Merkels sehen nur die Wähler in Mecklenburg-Vorpommern auf ihrem Stimmzettel, den von Martin Schulz nur die in Nordrhein-Westfalen. So weit, so schön, so gestrig.

          Die Jahre vor der Bundestagswahl 2002 erscheinen heutzutage als graue Vorzeit – ein politisches Leben im Plusquamperfekt. Fernsehdebatten gab es schon. Es traten sogar Kanzlerkandidaten an. Doch waren auch die sogenannten Spitzenkandidaten anderer Parteien dabei. Also nicht nur – beispielsweise – Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU), sondern auch Hans-Dietrich Genscher (FDP), Franz Josef Strauß (CSU) und später dann auch Jutta Ditfurth von den Grünen, die sich – zu deren Begeisterung – mehr als wacker schlug gegen die älteren Herren des sogenannten politischen Establishments. Alles hat ein Ende.

          Eine neue Ära

          Es kam Edmund Stoiber, CSU-Vorsitzender, bayerischer Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Unionsparteien. 2002 war das. Medienpolitisch beraten von Michael Spreng, forderte Stoiber den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Duell im Fernsehen auf. Schröder, der auch Medienkanzler genannt wurde und mit Matthias Machnig auch einen Medienberater hatte, ließ sich darauf ein. Damals sogar zweimal.

          Es gab einen Hinkampf und einen Rückkampf. Spekulative Theorien wurden geboren. So hieß es etwa, weil Schröder, der Titelverteidiger – quasi fernsehmäßig –, so gut gewesen sei wie erwartet, Stoiber, der Herausforderer, schlechter, aber besser als erwartet aufgetreten sei, sei Stoiber der eigentliche Gewinner gewesen. Und weil das Ereignis ausgeschlachtet werden sollte und musste, mussten weitere Fachleute an die Arbeit. Demoskopen und Medienfachleute, Analysten und Kritiker.

          TV-Duell : Schröder gegen Stoiber im TV-Duell

          Um diese zu beeindrucken und mit Stoff zu versorgen, waren die Parteifreunde der beiden mit von der Partie: Minister, Vorstandsmitglieder, Generalsekretäre. Das Erwartbare trat ein. Der Kreis der Schröder-Freunde befand, Schröder sei der Gewinner gewesen. Stoibers Freunde kamen zu dem Urteil, Stoiber sei es gewesen. Demoskopen fragten nach allem Möglichen – nach Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Durchsetzungsfähigkeit und Erfahrung. Jede Seite konnte hernach Honig daraus saugen.

          Gleichwie: Ein neue Idee für ein neues Fernsehereignis war geboren. Vergeblich versuchte die FDP, den vermeintlichen Zug der Zeit aufzuhalten oder wenigstens drauf zu springen. Sie nannte ihren Vorsitzenden Guido Westerwelle auch einen Kanzlerkandidaten. Doch das verfing nicht. Ein Duell ist ein Duell ist ein Duell. Es blieben nur Reste aus der Vorzeit. In den vielen Fernsehdebatten, die es vor Bundestagswahlen gibt, erhalten auch die Spitzenkandidaten der kleineren Parteien die Möglichkeit, sich zu präsentieren – ohne jenen Hype allerdings, der das Duell zu begleiten pflegt.

          And the winner is ...

          In diesem Jahr begannen die Debatten schon im Mai. Um die Frage ging es, ob Mitarbeiter der Bundeskanzlerin – ihre Medienberaterin im Kanzleramt Eva Christiansen und Regierungssprecher Steffen Seibert – an den Gesprächen zur Vorbereitung des Duells teilnehmen dürften, in welchem doch – eigentlich – die Kanzlerkandidaten zweier Parteien antreten. Merkel suchte die Sache auf ihre Weise aus dem Weg zu räumen.

          Christiansen erhielt die Genehmigung für eine Nebenbeschäftigung in der CDU-Zentrale. Auf der Basis eines 450-Euro-Minijobs. Seibert konnte darauf verweisen, auch früher (heißt: zu Schröders Zeiten) seien Regierungssprecher an der Vorbereitung der Duelle beteiligt gewesen. Außerdem sei eine Kanzlerin immer im Dienst, weshalb ihr der Regierungssprecher auch immer zur Seite zu stehen habe. Sodann begann die Debatte über die Ausgestaltung des Duell-Formats.

          TV-Duell der Spitzenkandidaten : Der Wahlkampf um die Unentschlossenen

          Schulz hätte gerne, wie damals 2002, zwei Duelle gehabt. Merkel lehnte ab. Auch der Vorschlag, die neunzig Minuten sollten in zwei Blöcke gesplittet werden, in denen je zwei Journalisten die beiden Kandidaten befragten, wurde von Merkel abgelehnt – angeblich unter der Drohung, sie würde das Duell sonst platzen lassen. Der Vorschlag war damit begründet worden, er trage zu mehr Spontaneität der Gesprächsrunde bei. Nun werden die beiden Kandidaten wie auch in den vergangenen Jahren von vier Journalisten befragt. Seither erhebt die SPD den Vorwurf, Merkel drücke sich.

          Und der Gewinner wird sein? Merkel, werden ihre Parteifreunde sagen. Schulz, wird es in der SPD heißen, was beides wiederum als ein Teil des weiteren Wahlkampfes zu verstehen ist, weshalb am Ende niemand mehr weiß, welchen Einfluss das Duell gehabt habe. Das war übrigens schon bei der „Mutter aller Duelle“ so. 1960, amerikanischer Wahlkampf. Der jugendliche John F. Kennedy gegen Richard Nixon. Die Erzählung hat sich festgesetzt, Kennedy habe die Wahl gewonnen, weil Nixon schlecht rasiert gewesen sei und sogar geschwitzt habe. Es ist nur die halbe Wahrheit gewesen. Weitere Duelle gab es – auch solche zum Vorteil Nixons. Über Monate zogen sich ihre Auseinandersetzungen nach jenem legendären Duell hin. Im Falle Merkels und Schulz’ werden es von Sonntag an noch drei Wochen sein.

          Quelle: F.A.Z.

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