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Veröffentlicht: 29.05.2017, 11:28 Uhr

Reaktionen auf Merkel-Rede Enormer Wandel der politischen Rhetorik

Angela Merkel will, dass Europa das eigene Schicksal mehr in die Hand nimmt: Der „Guardian“ lobt die Ehrlichkeit, die „Washington Post“ sieht eine neue Ära aufziehen – und die anderen Medien? Die Reaktionen im Überblick.

© EPA Mit Krug: Angela Merkel (Mitte) mit Horst Seehofer in München-Trudering

Es geht um einen Satz, den Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntagnachmittag bei einer Bierzeltrede bei einer Veranstaltung der CSU in München-Trudering gesagt hat: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei und deshalb kann ich nur sagen, wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen.“ Merkels Rede wurde schon kurze Zeit später als „historisch“ bewertet.

In Deutschland bekommt Merkel Zustimmung. SPD-Kanzlerkandidat Schulz sagte am Sonntagabend, Europa sei die Antwort: „Eine stärkere Kooperation der europäischen Staaten auf allen Ebenen ist die Antwort an Donald Trump.“ Die Kritik deutscher Außenpolitiker richtete sich vor allem gegen das Auftreten Donald Trumps beim Gipfel in Taormina. Merkels Äußerung wurde eher als Kommentar zum Gipfel verstanden. Die deutsche Kanzlerin richtet sich allerdings nicht nur an das eigene Land, ihre Rede in München wurde auch als Appell an Europa und Amerika verstanden. Aus der amerikanischen Poiltik gibt es bislang wenig Reaktionen, auch europäische Staatsoberhäupter sind noch zurückhaltend. Was sagen die internationalen Medien und wie schätzen sie Merkels Worte ein? Eine Übersicht.

Angela Merkel habe mit ihren Worten einen fundamentalen politischen Wandel eingeleitet, schreibt etwa die „New York Times“: „Frau Merkels starke Äußerungen waren ein potenziell richtungsweisender Wandel in den transatlantischen Beziehungen. Während die Vereinigten Staaten zunehmend unwillig sind, sich international zu engagieren, wird Deutschland gemeinsam mit Frankreich zu einer immer wichtigeren Macht."

© dpa, reuters Merkel fordert mehr Eigenständigkeit Europas

„Merkel schlägt ein neues Kapitel der amerikanisch-europäischen Beziehungen auf", schreibt auch die „Washington Post“ und bescheinigte der Kanzlerin „eine düstere Auslegung der transatlantischen Bindungen, die das Fundament der Sicherheit des Westens in Generationen seit dem Zweiten Weltkrieg waren.“ Merkel habe sich eindeutig gegen Trump gewandt, so das Blatt: „Sie hat ihn glasklar zurückgewiesen, ohne ihn ein einziges Mal beim Namen zu nennen.“

An anderer Stelle urteilt ein Kolumnist der „Washington Post“: „Das ist ein enormer Wandel der politischen Rhetorik“, urteilt der Autor. „Sie ist äußerst vorsichtig. Diese Rede war nicht impulsiv gehalten.“ Mit einem Sieg der Bundestagswahl und entsprechendem Rückhalt in Europa, könnte damit ein neues Kapitel der Beziehungen beginnen.

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Die Kolumnistin Anne Applebaum schrieb auf Twitter: „Seit 1945 haben erst die UdSSR und dann Russland versucht, einen Keil zwischen Deutschland und die Vereinigten Staaten zu treiben. Dank Trump hat Putin es geschafft.“  Der New Yorker Medienwissenschaftler Jeff Jarvis kommentierte Merkels Ansprache auf Twitter: „Dieses ist eine bedeutende Rede in der Restrukturierung der Weltmächte. Wer bei Sinnen ist, muss ein starkes Europa unterstützen, um Russland zu kontern – und Trump.“ Viele Kommentare in sozialen Netzwerken verwiesen aber auch darauf, dass die Kanzlerin in einem Bierzelt gesprochen habe: Wer aus dieser Rede nun eine Neudefinition des transatlantischen Verhältnisses machen wolle, blase eine Wahlkampfrede unverhältnismäßig auf.

Der britische „Guardian“ lobte vor allem die schonungslose Ehrlichkeit der Bundeskanzlerin. Die Tageszeitung vermutet, dass Merkels ungewohnte Offenheit möglicherweise von den Wählern bei der Bundestagswahl im September honoriert werden könnte:  „Merkel – vor dem Balanceakt, die transatlantischen Beziehungen zu bewahren, während sie Wahlkampf für ihre Wiederwahl führen muss – war ungewöhnlich direkt in ihrer Kritik an Trumps Weigerung, sich zum Klimaschutz zu bekennen – ein wichtiger Aspekt für deutsche Wähler." 

Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ sieht das ähnlich, Merkel habe „Tacheles geredet“ mit Blick auf das Benehmen des amerikanischen Präsidenten. Die Kanzlerin habe nicht zufällig den Satz wiederholt, dass Europa sein Schicksal in die eigene Hand nehmen müsse. „Ungewöhnlich schonungslose Sätze für die christdemokratische Anführerin, die normalerweise dazu neigt, versöhnliche und mildere Töne anzuschlagen.“

Die britische Wochenzeitung „Economist“  geht ebenfalls davon aus, dass sich hinter Merkels Äußerungen wahlkampftaktisches Kalkül verbirgt: „Ausländer verstehen Frau Merkel oft falsch. Sie ist nicht die Königin von Europa und hat auch kein Bedürfnis, dies zu sein. Sie ist eine innenpolitische Anführerin und Politikerin, deren ansteigende internationale Bedeutung immer eine Funktion ihrer Fähigkeit ist, den Interessen und Wünschen der Wähler zu dienen.“ Außerdem macht Merkel in ihrer Ansprache deutlich, wie sehr Trumps Präsidentschaft und das Brexit-Referendum den Vereinigten Staaten und Großbritannien schaden würden. „Sie haben es einem Anführer eines bedeutenden befreundeten Partners nicht nur ermöglicht, sie in der Öffentlichkeit abzukanzeln, sondern darüber hinaus dafür gesorgt, dass dies ihm Wahlkampf hilfreich ist.“

Der europäische Ableger des amerikanischen Online-Magazins „Politico“ warnt hingegen vor voreiligen Schlüssen und davor, Merkels Rede überzubewerten: „Es kann sein, dass der Sonntag den Beginn einer tektonischen Verschiebung weg von den Vereinigten Staaten markiert hat, aber um das sicher sagen zu können, ist es noch zu früh.“ Der Kommentator glaubt jedoch nicht daran, dass Merkel  mit der westlichen Nachkriegsordnung gebrochen habe. Viel wahrscheinlicher sei es, dass es sich bei Merkels Worten um reine Wahlkampfrhetorik gehandelt habe. Anti-amerikanische Töne in einem deutschen Wahlkampf seien keine Seltenheit, so der Autor. „Würde Merkel, schon immer eine vorsichtige Regierungschefin, ein deutsches Abwenden von den Vereinigten Staaten ankündigen, hätte sie dafür wohl kaum ein bayerisches Bierfest gewählt.“

© Opinary
Quelle: wahlrecht.de
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