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Veröffentlicht: 23.04.2017, 19:09 Uhr

Wer ist Alice Weidel? Die Scheingemäßigte

Während Frauke Petry an Rückhalt in der AfD verliert, ist sie jüngst zur Co-Spitzenkandidatin der AfD gewählt worden: Alice Weidel. Wer ist diese Frau? Ein Porträt in drei Geschichten.

von , Köln
© dpa Alice Weidel, Co-Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl

Über die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel werden in ihrer Partei meist nur drei Geschichten erzählt. Die eine handelt von Weidels Privatleben. Dass sie nämlich am Bodensee mit einer Frau zusammenlebt und dort einen gemeinsamen Sohn großzieht. In der Öffentlichkeit entsteht aus dieser Tatsache mitunter das krude Vorurteil, Weidel müsse wegen ihrer Homosexualität in Fragen von Diskriminierung und Emanzipation eine gemäßigte AfD-Politikerin sein – obwohl etliche ranghohe homosexuelle AfD-Politiker sowohl die Besonderheit, als auch die Bedeutung von Weidels Privatleben relativieren.

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Die zweite Geschichte handelt ebenfalls von Oberflächlichkeiten. Weidel kann einen weltgewandten Eindruck machen. Sie ist 38 Jahre alt, berät Internetfirmen in der ganzen Welt, hat mehrere Jahre im Ausland gelebt, auch in China und spricht unter anderem Mandarin. Auch ihr Äußeres, die modernen Hosenanzüge, das glatte Auftreten der Unternehmensberaterin bringen Weidel den Ruf ein, in die Schublade der gemäßigten Funktionäre zu gehören. Dass Weidel sich selbst als Wirtschaftsliberale bezeichnet, macht mitunter den Eindruck, der erste Teil des Wortes könne weggelassen werden und Weidel wäre auch in gesellschaftspolitischen Fragen liberal.

Ihre Haltung wird ihr zum Verhängnis

Die dritte Geschichte handelt von Björn Höcke, dem rechtsradikalen thüringischen Landesvorsitzenden. Den will die AfD-Vorsitzende Frauke Petry aus der Partei ausschließen, was Weidel befürwortet hat. In der Polarisierung des Parteistreits wurde ihr diese Haltung zum Verhängnis. Als sie vor einigen Wochen für den baden-württembergischen Landesvorstand kandidierte, war Weidel schon die gewählte Spitzenkandidatin des Landesverbandes für die Bundestagswahl.

Ihre Wahl hätte ein Selbstläufer sein müssen. Trotzdem fiel Weidel bei der Vorstandswahl durch – was in Parteikreisen als Strafe für ihre kritische Haltung zu Höcke verstanden wurde. Weidels Scheitern hat ihre Position zu Höcke, die viele in der AfD teilen, erst bekannt gemacht. Wer gegen Höcke sei, müsse folglich besonders gemäßigt sein, lautet die Konklusion in der Öffentlichkeit bisweilen.

Der „freiheitlich-konservative Arm“

Dass die Wahrheit eine ganz andere ist, macht Weidel schon in ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz mit dem anderen AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland am Sonntag in Köln deutlich. „Ich stehe für den freiheitlich-konservativen Arm der AfD“, sagt Weidel. Soll heißen: Freiheitlich in Wirtschaftsfragen. Konservativ in Gesellschaftsfragen. „Ich finde, der Begriff der Liberalität ist absolut ad absurdum geführt worden von der FDP“, sagt Weidel.

Was das im Konkreten bedeutet, sagt sie auch. Auf die Frage, ob sie als Spitzenkandidatin der AfD auch mit Höcke auftreten werde, dem Mann also, wegen dessen Rechtsradikalismus sie ein Parteiausschlussverfahren befürwortet hatte, sagt Weidel: „Ja, natürlich. Je nachdem wie die Entscheidung des Schiedsgerichts ausfällt. So lange sind wir zwei Teile einer Partei. Solange werden wir auch gemeinsam Wahlkampf machen.“

Duo der schrillen Töne

Es sind Momente wie diese, die das Vorurteil über Weidels ideologische Position erschüttern. Tatsächlich tritt Weidel auf Parteitagen als besonders scharfe Rednerin auf, als eine, die ihre Stimmlage zwischen Aggressivität und Häme modulieren kann. Auch wer Weidels Pressemitteilungen liest, käme nicht auf den Gedanken, ihr besondere Beißhemmungen zu unterstellen. Am 18. April veröffentlichte Weidel eine Meldung zum Anschlag auf die Fußballmannschaft von Borussia Dortmund, der nach heutigen Erkenntnissen keinen islamistischen, sondern einen finanzbetrügerischen Hintergrund hatte.

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Weidel erregte sich in ihrer Mitteilung darüber, dass der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, nach dem Anschlag zu Solidarität aufgerufen habe. Von vielen haben man solche „üblichen, einstudierten Floskeln“ gehört. „Dass sich nun ausgerechnet auch Aiman Mazyek in den Reigen der Platitüden-Abgeber einreiht, ist zwar wenig verwunderlich, aber ebenso unpassend. Herr Mazyek und sein ominöser Zentralrat der Muslime haben sich nie glaubhaft von der Steinzeit-Scharia und religiösen Fundamentalismus distanziert.“ Mazyeks Äußerung sei deshalb „der reine Opportunismus“ und er ein „Islamlobbyist“. Tatsächlich distanziert sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland von jeder Form von religiösem Extremismus. Für Weidel aber war diese Pressemitteilung nicht von ungewöhnlicher Schärfe, sie spricht des Öfteren in dieser Tonlage. Selbst in einem Duo mit Alexander Gauland könnte sie es sein, die zu den schrilleren Tönen fähig ist.

Quelle: wahlrecht.de
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