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Julia Klöckner : Gute Chancen auf ein Ministeramt

Die amtierende Kanzlerin – und die künftige? Angela Merkel mit der rheinland-pfälzischen CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner. Zumindest ein Ministerposten könnte bei einem Wahlsieg der CDU drin sein. Bild: dpa

Julia Klöckner kann auch Niederlagen noch etwas Gutes abgewinnen. Keine schlechte Eigenschaft für eine, die ihre Zukunft in der Politik sieht. Der Niederlage in Rheinland-Pfalz könnte schon bald der Ruf nach Berlin folgen.

          Dass Julia Klöckner im Sommer 2017 zum Gespräch in eine Kreuznacher Pizzeria nach wie vor als Partei- und Fraktionsvorsitzende der rheinland-pfälzischen CDU kommen würde, war vor einem Jahr nicht selbstverständlich. Dass sie so gut gelaunt sein würde, auch nicht. „Was darf’s sein?“, fragt der italienische Wirt. Klöckner: „Was muss weg?“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Die Niederlage in der Landtagswahl 2016 war für die heute 44 Jahre alte Frau ohne Zweifel ein Schock. Bis dato hatte sie als Garantin für den Sieg gegolten, nun schlug das Pendel zurück. Sie habe, hieß es aus der eigenen Partei, im Wahlkampf zu sehr „nach Paris“ ausgesehen, zu wenig „nach Pirmasens“. Zu siegesgewiss sei sie aufgetreten, urteilten auch solche Journalisten, die sie in Hintergrundrunden schon versehentlich als Ministerpräsidentin angesprochen hatten. Und in der heißen Wahlkampfphase, als die Umfragewerte zurückgingen, habe sie die Flatter bekommen.

          Klöckner scheint den Schock ganz gut verarbeitet zu haben. Sie sagt: „Ich hatte nach der Wahl ein Tief, natürlich. Aber ich habe eine gute und schnelle Eigenregeneration. Es ist gut jetzt, es ist okay.“ Geholfen hat, dass sofort nach der Niederlage die SPD-geführte Regierung in ein Desaster um den Flughafen Hahn schlitterte: Sie war auf Hochstapler aus China hereingefallen, der Verkauf des Flughafens platzte, Klöckner trieb die Ministerpräsidentin Malu Dreyer vor sich her.

          Zu dieser Zeit wurde in der Union nicht gut über die waidwunde Wahlverliererin gesprochen. So konnte Klöckner sich ablenken, ein wenig bestätigt fühlen, sich an die vage Hoffnung klammern, Dreyer im Handstreich vielleicht doch noch abzulösen. Aber die Ministerpräsidentin überstand ein von der CDU angestrengtes Misstrauensvotum. Wenig später wurde die CDU von einer Parteispendenaffäre um den früheren Geheimagenten Werner Mauss erschüttert. Jeder hatte nun etwas gegen den anderen in der Hand, zwischen den Lagern herrschte wieder Waffengleichheit. Aus dem heißen Krieg wurde ein kalter.

          Ihre Niederlage verschaffte Klöckner eine Verschnaufpause

          Auf den ersten Blick war das schlecht für Klöckner, auf den zweiten schenkte es ihr die Möglichkeit innezuhalten, ein bisschen runterzukommen – und genauso auch ihren Leuten in Partei und Fraktion, die über zwei Jahre Vollgas gefahren waren. Es ist interessant, Klöckner in so einer Phase zu erleben. Sie kann dann auch mal über das Eigentliche reden, ohne bloß so zu tun. Etwa in der Kreuznacher Pizzeria, in deren Nähe sie wohnt.

          „Zu verlieren ist nicht schön“, sagt sie. „Aber dann nicht unterzugehen ist auch eine gute Erfahrung.“ Sie habe etwas erlebt, mit dem sie nicht gerechnet habe. „Ich dachte: Entweder verlierst du, dann ist alles vorbei, oder du gewinnst, und es ist gut. Aber so einfach oder so brutal ist es nicht. Mir haben so viele Leute geschrieben nach dieser Wahl, mir Mut zugesprochen. Ich habe in dieser Situation neue menschliche und schöne Erfahrungen gemacht.“

          Es ist ratsam, im Gespräch mit Klöckner nie zu vergessen, dass sie sehr wohl weiß, wer ihr Gegenüber ist und auf welch verschlungenen Wegen Botschaften an die Öffentlichkeit gelangen können. Ihr Verhalten kann etwas allzu Instrumentelles haben, selbst oder gerade dann, wenn es unverstellt wirkt. Nach Sitzungen des CDU-Präsidiums, dem sie als stellvertretende Bundesvorsitzende angehört, drängt sie sich gern mit Hoppla-hier-komm-ich-Attitüde ins Bild neben die Kanzlerin. Oder sollte man statt „drängt sich“ lieber „schmuggelt sich“ sagen?

          Man kann es jedenfalls auch mal anders, positiv sehen: Klöckner hat sich als eine der ganz wenigen in der Spitzenpolitik etwas bewahrt, was man bei Männern spitzbübisch nennen würde. Manchmal hat es den Anschein, als spiele sie dem Politikbetrieb einen Streich, als sei sie eine Art Partycrasherin oder eine teilnehmende Beobachterin, so wie früher als Deutsche Weinkönigin, die wusste: In einem Jahr ist der Zirkus vorbei. Es kann passieren, dass sie einen Journalisten einen Tag nach einem Friseurbesuch mit eher unerfreulichem Ergebnis mit den Worten begrüßt: „Hat Ihnen die Schwiegermutter die Haare geschnitten?“

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