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Veröffentlicht: 16.07.2017, 15:04 Uhr

Kommentar Der angriffslustige Kanzlerkandidat

Martin Schulz stellt mit scharfer Rhetorik in Berlin seinen „Zukunftsplan“ vor. Auch bei seiner Rundreise durch die Republik wetterte er kräftig gegen Kanzlerin und Union. Dabei wirkte er aber eher verzweifelt als zielstrebig.

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© dpa Mit dem Finger auf die Union zeigen: Martin Schulz attackiert Kanzlerin Merkel und ihre Partei.

Wer in dieser Woche Martin Schulz bei seiner Deutschland-Tour über den Weg lief, traf einen wütenden Mann, der die Konkurrenz beschimpft. Zuvor hatte Sigmar Gabriel das überlaufende Fass gespielt und der Union ein „bislang ungekanntes Maß an Verlogenheit“ vorgeworfen. Schulz wollte sich eigentlich zurückhalten.

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Aber dann entstand der Eindruck, der SPD-Vorsitzende verstecke sich hinter seinem Vorgänger. In den Vereinskatakomben des 1. FC Köln, seinem Lieblingsclub, schlug er deswegen in dieselbe Kerbe. Er sprach von Perfidie und Verleumdung und sagte, bei Angela Merkel und der Union habe er es aufgegeben, „von der anderen Seite Anständigkeit zu erwarten“. Laut Schulz soll die Kanzlerin Unionspolitiker losgeschickt haben, um die SPD zu verleumden.

Tatsächlich waren nach dem Hamburger G-20-Gipfel viele und vieles kritisiert worden: die Einsatzleitung der Polizei, die Innenminister, der Erste Bürgermeister, die Kanzlerin, der zu laxe Kampf gegen Linksextremismus, natürlich vor allem die eigentlichen Kriminellen vom „Schwarzen Block“. Doch da, wo es drauf ankam, zeigten Angela Merkel und Olaf Scholz, also Union und SPD, Gemeinsamkeiten, indem sie die Polizei lobten und versprachen, die Opfer der Zerstörungen wenigstens finanziell zu entschädigen. Für Perfidie und Verlogenheit sprach das eigentlich nicht, selbst wenn einige Bewertungen der Ereignisse wahlkämpferisch klangen. Warum auch nicht, schließlich wird ja bald gewählt.

Aggressive Weinerlichkeit gegen das Verzagen

Doch der nervöse Kanzlerkandidat vernahm Zwischentöne über angeblich „vaterlandslose Gesellen“ und witterte Verschwörungen. Niemand gewann dabei freilich den Eindruck, hier agiere ein selbstbewusster, zielstrebiger Politiker auf dem Weg ins deutsche Kanzleramt. Eher zeugten die Verbalattacken von wachsender Verzweiflung im Angesicht der nächsten Niederlage. Dieses Verzagen verbindet sich bei der SPD stets mit aggressiver Weinerlichkeit. Wenn das so weitergeht, wird Schulz noch enden wie Peer Steinbrück. Nun stellt sich die Frage: Hat die SPD etwa schon wieder aufgegeben?

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Die deutsche Sozialdemokratie wirkt ja immer beschwerter als andere Parteien. Das ist verständlich, denn sie will denen Lasten abnehmen, die das Leben nicht verwöhnt. Sorgenfurchen gehören deshalb zu ihrem Antlitz, so wie beispielsweise bei den Liberalen die entspannte Cabrio-Bräune. Metaphysische Auswege aus den Gegenwartsmiseren, etwa das Himmelreich oder eine künftige Revolution, bietet die SPD auch nicht.

In den vergangenen Jahren kam hinzu, dass sich die optimistische Grundstimmung der meisten Deutschen immer weiter entfernte von der Stimmungslage der Sozialdemokraten und ihres launischen Vorsitzenden Gabriel. Das Ganze hatte sich zu einer politischen Dauerdepression ausgewachsen. Einerseits wegen der früheren Reform-Agenda von Gerhard Schröder, die alle Welt seit Jahren lobt. Andererseits wegen des Daseins als Juniorpartner der ewigen Kanzlerin. Dann kam Martin Schulz.

Saarland stoppte kurzen Aufschwung der SPD

Dem Brüsseler Tausendsassa gelang es zwischen Januar und Ende März, die Partei und ihre Anhänger in eine Jubellaune zu versetzen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Und je fröhlicher Martin Schulz zum Angriff blies, desto mürrischer und verbrauchter wirkten Angela Merkel und die Union nach zwölf Jahren Kanzlerschaft. Auch die Riege der konservativen Minister kam jetzt manchen ausgelaugt, erfolglos oder unbedeutend vor. Die Angst wechselte plötzlich die Seite, in der Union, zu diesem Zeitpunkt noch tief zerstritten, machte sich schon Ratlosigkeit breit: Wer sollte diesen Mann stoppen?

Nun ja, es reichten dazu offenbar ein paar tausend Saarländer. Dann folgten die Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Immer ging es vor allem um Landespolitik. Doch jede der drei SPD-Niederlagen hämmerte sie tiefer in die Höhlen der Selbstzweifel und dunkler Vorahnungen zurück. Und Schulz schmolz vor sich selbst vom weltgewandten Parlamentspräsidenten zum Provinzler dahin.

Dabei hat er seine zagende Partei geeint wie seit dreißig Jahren keiner mehr. Es gibt eine große Zahl junger Neumitglieder, das Wahlprogramm kann sich sehen lassen. Schulz hat einen interessanten Lebenslauf, er kann eine beeindruckende kommunalpolitische und Brüsseler Karriere vorweisen. Wer mit ihm im Dreiländereck seiner deutsch-niederländisch-belgischen Heimatregion unterwegs ist, erlebt einen historisch bewanderten deutschen Europäer, für den sich das Land wohl nicht zu schämen bräuchte, zöge er im Kanzleramt ein.

Jammern und Poltern statt selbstbewusster Auftritt

Eigentlich recht gute Voraussetzungen für einen selbstbewussten Wahlkampf, sogar wenn es Schulz beim ersten Anlauf nicht gelänge, die Ewige zu besiegen. Die Deutschen haben in den Jahrzehnten nach dem Krieg stets klug gewählt, stabile Verhältnisse waren ihnen wichtig, aber wenn die Zeit für den Wechsel gekommen war, haben sie gewechselt. Dafür, für neuen Schwung und bessere Ideen, sollte Schulz frohgemut werben.

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Doch statt den eigenen Zukunftsplan zu erläutern, poltert und jammert der Kanzlerkandidat sich durchs Land. Am Mittwoch war es G 20, am Freitag der Vorwurf, die Union verschweige, was sie zu Europa plane, das sei „nicht akzeptabel“. Davor hatte Schulz bereits erfunden, dass Angela Merkel die Demokratie insgesamt beschädige. Wissen die Sozialdemokraten wirklich nicht, dass Bundestagswahlen noch nie mit Beschwerden und Wutausbrüchen gewonnen wurden? Man kann das kaum mit ansehen. Daher der Appell: Jetzt reißt euch mal zusammen!

Quelle: wahlrecht.de
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