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AfD : Begehrte Rohdaten

Bernd Lucke, Spitzenkandidat der AfD: In Wirklichkeit liege die Partei zwischen fünf und acht Prozent Bild: dpa

Die „Alternative für Deutschland“ stilisiert sich als Opfer der demoskopischen Institute. Bernd Lucke glaubt, die Zustimmung zur Partei spiegele sich in den Umfragewerten nicht ausreichend wider.

          Die Frage, ob und wie Umfragen die politische Stimmung nicht nur widerspiegeln, sondern auch beeinflussen, ist so alt wie die Wahlsoziologie selbst. Vor zwei Jahren, inmitten der Krise der FDP, klagten Liberale über das Problem, dass die desaströsen Umfragewerte der Partei wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirkten: Potentiellen FDP-Wählern werde durch Umfragewerte von zwei Prozent der Anreiz genommen, sich in Befragungen ebenso wie in Wahlen zu der bevorzugten Partei zu bekennen, weil sie fürchteten, ihre Stimme zu verschenken. Mit der Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012 konnte sich die FDP aus dieser Abwärtsspirale befreien.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nun hat dieser Tage der Vorsitzende der eurokritischen Partei Alternative für Deutschland (AfD), Bernd Lucke, darüber geklagt, dass die von ihm wahrgenommene wachsende Zustimmung zu seiner Partei sich in den Ergebnissen der Meinungsforscher nicht ausreichend widerspiegele. Er verfüge über Informationen aus zwei Instituten, nach denen sie die sogenannten Rohdaten seiner Partei anders behandelten als diejenigen der etablierten Parteien. In Wirklichkeit liege die AfD zwischen fünf und acht Prozent. Lucke sagte zwar, er wolle keine Vorwürfe erheben.

          Verzerrungen müssen herausgerechnet werden

          Jedoch tat er genau das und legte zumindest nahe, seine Partei werde aus politischen Gründen klein gerechnet, um potentiellen Wählern den Anreiz zu nehmen, AfD zu wählen. Rohdaten sind vor allem in Vorwahlzeiten ein begehrtes Gut, welches die demoskopischen Institute allerdings hüten wie Geheimdienste den Inhalt abgehörter Telefonate. In beiden Fällen werden nur ausgewertete Schlussfolgerungen veröffentlicht. Rohdaten sind Primärdaten einer Erhebung, die der Behandlung bedürfen. So gibt es die sogenannte Personengewichtung: In Telefonbefragungen erreicht man etwa mehr auskunftswillige Männer als Frauen oder weniger auskunftswillige ältere Bürger.

          Solche Verzerrungen in den Rohdaten müssen aus dem Ergebnis herausgerechnet werden. Das heißt: Da unter Frauen die Grünen stets besser abschneiden als die FDP, muss dies in das Gesamtergebnis mit dem Faktor x hineingerechnet werden. Neben der Personengewichtung gibt es andere Indikatoren, welche in das Gesamtergebnis hineingerechnet werden, etwa die wirtschaftliche Lage oder Beliebtheitswerte des Spitzenpersonals - Faktoren also, die sich von Monat zu Monat, manchmal von Woche zu Woche verschieben können.

          Während die Personengewichtung tatsächlich eine signifikante Differenz zwischen Rohdaten und veröffentlichten Zahlen ausmachen kann, handelt es sich bei der jeweiligen Sonntagsgewichtung nur um marginale Verschiebungen. Demoskopen bestreiten, dass die Behandlung der Rohdaten der AfD sich von der anderer Parteien unterscheidet. Die Kernanhängerschaft der AfD ist männlich, älter als 50 Jahre und verfügt zum Teil über einen hohen Bildungsgrad; zudem ist sie geprägt durch Existenz- und Statusängste. Lassen sich nun überproportional viele Männer befragen, bedürfen die Rohdaten einer entsprechenden Korrektur in der Personengewichtung.

          Nicht unbekannt ist den Demoskopen die Klage der AfD (ebenso wie etwa der Piratenpartei) darüber, in manch einer Umfrage gar nicht eigens ausgewiesen zu werden. Die meisten Institute führen Parteien nicht einzeln auf, wenn sie mit weniger als drei Prozent gemessen werden. Hintergrund ist die Fehlermarge der Befragung: Wenn die Marge so groß ist wie der erhobene Stimmenanteil der betreffenden Partei, ist eine seriöse Aussage nicht möglich.

          Die Dunkelziffer der AfD-Wähler ist umstritten

          Unter Demoskopen umstritten ist die Frage, ob es analog zu rechtsextremistischen Parteien auch im Falle der AfD eine Dunkelziffer gibt, also ein Wählerpotential, das durch Befragungen nicht erfasst werden kann, da sich ein Teil der potentiellen Wähler nicht offen zu der Partei bekennt. Diejenigen, die nicht mit einer Dunkelziffer rechnen, verweisen darauf, dass ein Bekenntnis zur AfD keine gesellschaftliche Stigmatisierung zur Folge hat und es den Anhängern der Partei sogar darum gehe, offen ihren Protest zu artikulieren. Die AfD sei zwar eine Single-Issue-Partei mit populistischen Zügen, jedoch nicht rechtspopulistisch oder -extrem.

          Andere Demoskopen verweisen darauf, dass die Dunkelziffer nichts mit Stigmatisierung zu tun haben müsse. Ein Teil der potentiellen AfD-Wähler verweigere die Teilnahme an Befragungen, weil sie demoskopische Institute als einen Teil des etablierten Systems sehen, das sie mit großer Skepsis betrachten. „Diese Leute sind Verschwörungstheorien sehr zugeneigt und werfen uns vor, für andere Parteien zu arbeiten“, sagt ein Leiter eines demoskopischen Instituts.

          Quelle: F.A.Z.

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