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Linke Parteien : Die Macht als Ausnahme

Führungspersonen gibt es bei den Grünen nur im Doppelpack: hier das Spitzenduo für die Bundestagswahl Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir. Bild: dpa

Doppelspitze und Quotierungen, bloß keine Machtkonzentration in einer Person: Linke Parteien müssen oftmals von starken Führungsfiguren überrumpelt werden, um regieren zu wollen.

          Zu den beliebten Vorwürfen an die Adresse von Politikern gehört die Behauptung, es gehe ihnen nur um die Macht. Für diejenigen Fälle, in denen das Wörtchen „nur“ zutrifft, ist es gerechtfertigt, Kritik zu formulieren. Offensives Machtstreben ohne jede inhaltliche Füllung ist zu wenig, um den Anspruch auf politische Führung zu legitimieren. Es wird jedoch gerne vergessen, dass das Gegenteil genauso zutrifft. Politiker und Parteien können ihre inhaltlichen Forderungen noch so detailliert aufstellen – wenn sie nicht mit Machtwillen verbunden sind, bleiben sie gegenstandslos. Es ist wie mit einem Autorennfahrer. Der kann den schnellsten Wagen und die genauesten Kenntnisse über den Streckenverlauf haben, das beste Team und exakt die richtigen Reifen. Wenn ihm der Wille fehlt, die Konkurrenz zu überholen, ist das alles nichts wert.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          In der Politik gilt diese Gesetzmäßigkeit vor allem für linke Parteien. Das Phänomen hilft dabei, die Begeisterung der SPD für Martin Schulz zu erklären, aber ebenso die derzeitige Schwäche der Grünen und die relative Umfragestärke der Unionsparteien trotz des zähen Führungsstreits zwischen CDU und CSU.

          Durch ihre Entstehungsgeschichte bleibt den linken Parteien auch dann noch der Kern der Protestpartei erhalten, wenn sie längst etabliert, also fester Bestandteil des Parteiensystems sind. Macht innerhalb der Partei, aber auch Regierungsmacht ist nicht wenigen ihrer Mitglieder suspekt. Wer davon lebt, gegen die herrschenden Verhältnisse zu sein, verliert ein Stück Daseinsberechtigung, wenn er selbst über die Verhältnisse herrscht. Damit eine linke Partei nach Macht strebt, muss in der Regel eine starke Führungsfigur kommen und sie vor sich hertreiben.

          Ein gutes Beispiel sind die Grünen. Als sie in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre eineinhalb Jahrzehnte alt waren und sich die anderen Parteien allmählich an ihre Existenz in der Bundespolitik gewöhnt hatten, stellte sich fast von selbst die Frage, ob sie durch eine Beteiligung an der Macht in Bonn nicht mithelfen könnten, die 16 Jahre währende Regentschaft des CDU-Kanzlers Helmut Kohl zu beenden und manche sich aufdrängende Veränderung voranzutreiben. Doch von allein ging das nicht. Nur weil zwei starke Männer, Jürgen Trittin und Joschka Fischer, ihre machtvergessenen Parteifreunde links und rechts unterhakten und in Richtung auf die Beteiligung an einer Bundesregierung hinter sich her zerrten, gelang die Operation schließlich. Allerdings hat die Partei unter dem Regieren mit all seinen Qualen bis hin zum Kriegführen gelitten und brauchte anschließend dringend eine Pause.

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