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Kommentar Die unbefreite Generation

 ·  Trittin spricht über die Toleranz gegenüber Pädophilen, als handele es sich um Irrtümer einer chaotischen Zeit. Doch es geht nicht um einige faule Blätter, sondern um das Wurzelwerk der Grünen.

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Es ist nicht das erste Mal, dass die Grünen mit ihrer Vergangenheit umgehen, als redeten Veteranen über ihre Kriegserlebnisse, über eine chaotische, schaurige, aber irgendwie heroische Zeit. Doch dieses Mal geht es nicht um Putztruppen und Pflastersteine, nicht um Bullen und Brokdorf, nicht um Molotow-Cocktails und Terroristen. Es geht um den Missbrauch von Kindern, genauer gesagt, um den ideologisch organisierten Missbrauch von Kindern.

Was die Sache für die Grünen noch schlimmer macht: Ausgerechnet vor der Bundestagswahl erreicht die Affäre die Spitze der Partei, die bislang so getan hatte, als gebe es unter der Spitze keinen Eisberg. Doch der wird größer und größer; der Ärger darüber, dass die Sache vor der Wahl „ausgeschlachtet“ wird, ist ungefähr so berechtigt wie der Ärger darüber, dass die Partei jahrelang Zeit hatte, den Eisberg in einem Akt der Selbsterkenntnis abschmelzen zu lassen.

Päderasten waren Mitstreiter

Warum das nicht ging, zeigt keiner so deutlich wie Jürgen Trittin. In seiner Funktion als Spitzenkandidat ist es, zugegeben, nicht gerade leicht, mit der Sache umzugehen. Aber gibt ihm diese Funktion nicht besondere Autorität, und gibt sie ihm nicht die Aufgabe zur besonderen Sorgfalt? Trittin spricht über die pädophile Gründungsphase der „Alternativen“, als handele es sich um Irrtümer, um ein „falsches Politikverständnis“, dem er sich in Göttingen nicht „ausreichend entgegengestellt“ habe. Schon hier spricht der Veteran: In all den Schlachten, die er schlagen musste, hat er diese eine Schlacht verloren, weil er nicht genug gekämpft hat? In diesem Fall hat er doch nicht nur nicht gekämpft, sondern die Schwulen und Päderasten kamen ihm damals gerade recht. Es waren seine Mitstreiter.

Deshalb muss ihr Beitrag zum Kampf der Kulturen sogleich verharmlost werden. Die Befreiungsarmee sei damals so unübersichtlich gewesen, so soll man Trittin verstehen, da könne es schon einmal vorgekommen sein, dass Wegelagerer sich unter die Revolutionstruppen gemischt hätten. Im Laufe der Zeit habe man sich dann wieder von ihnen getrennt – wie vom Gedankengut anderer Irrlichter, dem Nato-Austritt etwa oder der Müllverbrennung. Wusste Trittin, was er damit sagte? Wollte er im Ernst so tun, als habe er den Unterschied zwischen Pädophilie und den Nachteilen der Müllverbrennung nicht verstanden?

Die politische Bigotterie der Veteranen

Der Vorwurf, dem sich die Grünen und Trittin stellen, ist nicht der Vorwurf, der eigentlich erhoben wird. Es geht nicht darum, dass es in der stürmischen Phase der Parteibildung zu dem einen oder anderen Betriebsunfall gekommen ist. Trittin wirkt deshalb wie ein Kernkraftwerkbetreiber, der nicht zugeben will, was Christian Füller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung als „Kernschmelze“ bezeichnet hat, die programmatische Kernschmelze der Grünen. Der Vorwurf lautet nämlich, dass die bedenkenlose Toleranz gegenüber pädophilem Sektierertum und die schamlose Sexualisierung von Kindern in der Konsequenz der Weltverbesserung lagen, die sich die Grünen auf die Fahne geschrieben hatten.

Der Vorwurf lautet, dass Kritik der Sexualität, Antibürgerlichkeit und der Anspruch, ein „Schweinesystem“ überwinden zu wollen, nicht nur ideengeschichtlich zueinander gehören, sondern die Parteigeschichte überhaupt erst in Gang gesetzt haben, mithin Wurzelwerk sind, nicht faule Blätter. Der Vorwurf lautet also, dass das „falsche Politikverständnis“ der Geburtshelfer der Grünen war. Nicht um „Sünden“ geht es, sondern um das Glaubensbekenntnis.

Das zu erkennen hätte allerdings verlangt, dass die Veteranen ihre politische Bigotterie, ihre Sentimentalitäten, Legenden und Tabus beizeiten „hinterfragen“, wie es ihre Generation so gerne von anderen verlangt hatte, am liebsten von der Generation, die wirklich im Krieg war. Sie sehen sich selbst aber als die wahren Krieger, die Deutschland „befreit“ haben, als die Generation, die Freiheit, Menschenrecht und Demokratie auf eine Weise erkämpft hat, wie sie die Deutschen vor ihnen nie erkämpfen konnten, nie erkämpfen wollten. Jetzt zeigt sich, dass dieser Kampf ohne die Frage nach Verantwortung auskam, ohne die Frage: Was richte ich damit an? Es ging nur darum, wie diese Generation ihre Bedürfnisse befriedigen kann.

Mag sein, dass es schon immer Leute gab bei den Grünen, die außer ihrem Dasein als Alphatiere nicht viele Qualitäten hatten. Ihnen war es wahrscheinlich gleichgültig, mit wessen Hilfe sie ihren Weg nach oben schaffen würden, Hauptsache, es ging um etwas Gutes. Die Grünen haben gelernt, dass sich das Gute im Laufe der Zeit verwandeln kann und deshalb über Bord geworfen werden muss. Manchmal aber stellt es sich als Widerwärtigkeit heraus. Das haben die Generationen vor ihnen auch schon schmerzlich lernen müssen. Sie haben daraus ihre Lehren gezogen.

Für das deutsche Bürgertum, sofern es christlich geprägt ist, das die Grünen mit besonderer Hassliebe verachtet, bekämpft, umgarnt haben, bevor sie es sich als zweite Haut überstülpten, war diese politische Lehrstunde besonders bitter, aber auch besonders heilsam. Sie lautet: Befreiung gibt es nicht, wenn man es versäumt, politische Missionare zu bekämpfen, welche die Reinheit der Befreiung predigen.

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18.09.2013, 15:34 Uhr

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