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Rückkehr oder nicht? : Guttenberg und die Kanzlerinnendämmerung

Absetzbewegungen von der Kanzlerin? Karl-Theodor zu Guttenberg, hier Anfang September in München Bild: BARTH/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Während die CSU noch um Fassung ringt, meldet sich ein alter Bekannter aus Amerika zu Wort – mit ungewöhnlich deutlichen Absetzbewegungen von der Kanzlerin. Die sind natürlich nur Gerüchte – trotzdem dürfte mancher in München schon ins Schwelgen geraten.

          Vor der Wahl klang Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) meistens sehr milde, wenn es um die Leistungen der Vergangenheit und den Blick in die Zukunft von Angela Merkel ging. Bei seinem ersten Auftritt als CSU-Wahlkampfhelfer in Kulmbach lobte er die Kanzlerin noch über den grünen Klee – auch weil sie in der Lage sei, „einen Fehler zu benennen und zu korrigieren“. Nach der Wahl klingt er plötzlich deutlich abgeklärter – und in der CSU, die an diesem Mittwoch in München ihre historische Wahlschlappe aufarbeiten will, dürfte das Interview, das er jetzt dem amerikanischen Sender Bloomberg gegeben hat, aufmerksam verfolgt worden sein.

          Die Union habe bei der Bundestagswahl „dramatisch viele Wähler verloren“, sagte der frühere Verteidigungsminister, den mancher in der Partei lieber heute als morgen zurück in Deutschland sehen würde – gerade angesichts der zunehmenden Schwäche des angezählten Parteichefs Horst Seehofer. Und: „Es gibt schon Gerüchte, ob das die letzten vier Jahre der Kanzlerin sind und ob so ein Ergebnis nicht in ein paar Jahren Konsequenzen haben muss.“ „Gerüchte“, das klang nach genügend Distanz zu einer Palastrevolte – trotzdem dürfte die Botschaft, die Guttenberg in größtmöglicher Externalisierung vermittelte, in München wohl verstanden worden sein. Immerhin zwingt einen niemand dazu, „Gerüchte“ zu offener Kritik zu machen, indem man sie scheinbar beiläufig erwähnt.

          Merkel habe in den zwölf Jahren ihrer Regierung einen „großartigen Job gemacht“, sagte Guttenberg dann. „Aber Parteien sind skrupellos, wenn es darum geht, wer für ein bestimmtes Ergebnis verantwortlich ist.“ Es sei nicht nur die AfD, die für Merkels „Niederlage“ verantwortlich sei, sondern auch das Verhalten der konservativen Parteien in den vergangenen Jahren. Ob Guttenberg damit auch Horst Seehofer meinte, mochte da mancher in der CSU sich fragen, deren Landtagsfraktion am Mittwoch in München ihr Scherbengericht über den angeschlagenen Parteivorsitzenden abhält. Das Lager von Seehofers Intimfeind Markus Söder wetzt seit dem Wahlsonntag jedenfalls schon die Messer und fordert Seehofers Rückzug – angesichts dieser unerfreulichen Aussichten könnte mancher Christsoziale umso bereitwilliger in süße Träume von neuen Alternativen verfallen, die nicht Horst, Markus, Manfred, Ilse oder Joachim heißen.

          Bislang reagiert Guttenberg auf derlei Sympathiebekundungen seiner CSU, in der viele seine Plagiatsaffäre längst vergessen haben, stets gleich: Maximal geschmeichelt, aber auch maximal kategorisch, dass er keine Rückkehr in die Bundespolitik anstrebe. Trotzdem ist seine sukzessive Wiedereingliederung in die deutsche Politik nicht erst seit der heißen Phase des Wahlkampfs, als Guttenberg auf Seehofers Drängen hin sieben Auftritte in Bayern absolvierte, durchaus bemerkt worden – auch wenn Guttenberg stets betont, dass er lediglich „ein paar Mal“ im Wahlkampf geholfen habe und es damit nun aber auch gut sei.

          Wieder Sachwalter bayerischer Angelegenheiten?

          Trotzdem wirkte Guttenberg auch im Bloomberg-Interview nicht eben so, als wolle er sich auch nach der Wahl nicht weiter zu Wort melden. Es sei eine „Schande“, dass die AfD als drittstärkste Partei in den Bundestag gewählt worden sei, sagte er und bezeichnete eine Jamaika-Koalition als „intellektuelle Herausforderung“. „Die CSU wird das Leben in der Koalition nicht leichter machen.“ Merkel werde nicht nur gegenüber den Grünen und der FDP Zugeständnisse machen müssen, sondern auch gegenüber der CSU – auch das war so ein Satz, bei dem hinter dem unbeteiligten transatlantischen Beobachter, der Guttenberg nach eigener Aussage weiterhin ist, plötzlich wieder der Sachwalter bayerischer Angelegenheiten aufzublitzen schien.

          Ja, er sei sicher, dass es der Kanzlerin gelingen werde, eine Jamaika-Koalition zu bilden, sagte Guttenberg gegen Ende des Interviews. „Angela Merkel ist eine Meisterin, wenn es um Kompromisse geht.“ Doch es ist noch ein anderer Satz, der in der CSU gerade in diesen Tagen der Pein haften bleiben könnte: „Es gibt nicht eben viele Talente in den Parteien“, antwortete Guttenberg auf die Frage, wer Angela Merkel dereinst nachfolgen könne.

          Auch wenn er das nicht weiter ausführte, dürfte mancher in München längst eine genaue Vorstellung davon haben, wer unter den wenigen Talenten sei. Und vielleicht denkt er an diesem Mittwoch, wenn das Scherbengericht über Seehofer abgehalten wird: Es muss ja auch nicht gleich Merkel sein.

          Quelle: FAZ.NET

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