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Heinz Riesenhuber im Gespräch : „Strauß wäre heute in Schwierigkeiten“

Scheidet nach 41 Jahren als Bundestagsabgeordneter aus dem Parlament aus: der frühere Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber Bild: Frank Röth

Heinz Riesenhuber war Forschungsminister und 41 Jahre Abgeordneter im Bundestag. Ein Gespräch über Bier beim Mauerfall, die Vorteile des Querbinders – und falsche Scham von Politikern gegenüber der Wirtschaft.

          Herr Riesenhuber, mit 81 Jahren, 41 davon im Bundestag, scheiden Sie jetzt aus dem Parlament aus. Haben Sie kurz darüber nachgedacht, doch noch weiter zu machen?

          Natürlich, und das nicht nur kurz, sondern sogar ziemlich lang. Die Arbeit in der Politik macht mir immer noch Freude, und nach all den Jahren kann man‘s ja auch. Aber meine Frau hat mich davon überzeugt, dass nach 40 Jahren Arbeit und Lernen und 40 Jahren Politik jetzt 40 Jahre für die Familie an der Reihe sind. Das ist schon ein starkes Argument.

          Welcher Moment aus den 41 Jahren im Bundestag ist Ihnen am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?

          Vor allem der 1. Oktober 1982, als Helmut Kohl die Regierung übernommen hat. Das war eine Ruptur, die zwei Jahre vorher noch nicht absehbar war und die mich zutiefst bewegt hat. Der andere ist die Abstimmung vom 20. Juni 1991 über die künftige Bundeshauptstadt. Wolfgang Schäuble hat damals eine wirklich mutige Rede für Berlin gehalten. Er hat den Abgeordneten ins Gewissen geredet, dass es ein fatales Signal gegenüber dem Ausland, aber vor allem gegenüber den Deutschen in beiden Teilen wäre, wenn man ausgerechnet im Moment der Wiedervereinigung die Position aufgeben würde, dass Berlin die Hauptstadt ist. Das war eine historische Debatte.

          Am Tag, als die Mauer fiel, waren Sie mit Helmut Kohl in Warschau. Wie haben Sie den Tag erlebt?

          Am Anfang hat keiner von uns, Helmut Kohl eingeschlossen, geglaubt, dass die Mauer wirklich fällt. Aber über den Tag entwickelte sich die Lage immer dramatischer, und als wir am Abend in Warschau mit Kohl zusammensaßen, mit Horst Teltschik und den Ministern der Delegation, erinnerten wir uns an Konrad Adenauer, der 1961 nicht gleich nach Berlin geflogen ist, als die Mauer gebaut wurde. Kohl war deshalb schnell klar, dass er den Staatsbesuch unterbrechen musste, und wir sind nach Berlin geflogen. Bei der Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus mit Kohl, Willy Brandt und dem damaligen Berliner Bürgermeister Walter Momper gab es viele Pfiffe. Später, bei einer zweiten Kundgebung an der Gedächtniskirche, war die Freude der Menschen aber überwältigend. Als ich danach durch die Menge lief, kam eine Frau auf mich zu und sagte: Sie sehen aus wie der Riesenhuber. Ich sagte: Ja, ich bin‘s. Aber sie hat mir nicht geglaubt, weil ich ohne Sicherheitsleute unterwegs war. Sie hat mich gleich auf ein Bier eingeladen.

          Und, sind Sie mitgegangen?

          Ja, aber nicht sehr lange. Aber für ein Bier hat es gereicht. Ich wollte an diesem Abend mit vielen Menschen in Kontakt kommen, um zu spüren, wie sie jetzt, in dieser historischen Stunde, fühlen.

          Hatten Sie in diesen Stunden Angst, dass Deutschland diese historische Herausforderung nicht meistern könnte?

          Nein, in diesen Momenten empfand ich nur entspannte Freude. Die Probleme kamen ja erst danach. Wenn Helmut Kohl nicht so ein persönliches Vertrauensverhältnis zu den Staatschefs in Frankreich, Amerika und Großbritannien aufgebaut hätte, inklusive gemeinsamen Sauna-Besuchen mit den Ministerpräsidenten der Sowjetunion , dann wäre die Wiedervereinigung wohl nicht möglich gewesen. Und ohne seinen Zehn-Punkte-Plan auch nicht, den er mit niemandem abgestimmt hatte. Kohl sagte einfach: Das ist mein Plan, und so werden wir es machen.

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