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Grass, Steinbrück und die Folgen Blech trommeln

Die Kanzlerin eine Opportunistin, die Bundeswehr eine Söldnertruppe - diese Aussagen des Schriftstellers Günter Grass empören Politiker von SPD und CDU.

© Andreas Pein Vergrößern Günter Grass

Es gab eine Zeit, da scharten sich Schriftsteller, Musiker und Künstler um den SPD-Kanzlerkandidaten. Wortführer der Wählerinitiative für Willy Brandt war Günter Grass, der den Scheitelpunkt seiner Karriere als Mahner und Moralist der geteilten Nation noch nicht erreicht hatte. Er versprach, der alten Tante SPD eine Brücke zu bauen zur Studentenbewegung und zu Schichten, die der Partei bislang verschlossen waren. Das ist 44 Jahre her. 1969 ging die Sache gut: Brandt wurde Kanzler, ein gewisser Peer Steinbrück trat der SPD bei und Grass schrieb hernach das „Tagebuch einer Schnecke“ über seine Wahlkampferfahrung.

Majid Sattar Folgen:  

Heute ist der Mann 85 Jahre alt – doch obschon inzwischen Literaturnobelpreisträger taugt er, nachdem er sich mit sechs Jahrzehnten Verspätung wie eine Zwiebel gehäutet hatte, nicht mehr richtig als Moralist und Mahner. Auch schreibt er inzwischen Gedichte, mit denen die SPD nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Trotzdem fand es irgendjemand in der SPD, nein, im „Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses“ klug, den gegenwärtigen Kanzlerkandidaten gemeinsam mit Grass auf die Bühne zu setzen. Um der alten Zeiten willen?

So nahm die Sache ihren Lauf. Grass, der über sechs Jahrzehnte seine eigene Rolle als Angehöriger der Waffen SS nur im Selbstgespräch problematisierte (gleichwohl aber mit dem Finger auf andere Belastete zeigte), sagte am Mittwochabend über Angela Merkel, sie habe eine doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung erfahren: als FDJ-Sekretärin und dann bei Helmut Kohl; in der DDR habe sie „Anpassung und Opportunität“ gelernt, bei Kohl „den Umgang mit Macht und das Wegboxen von Nebenbuhlern“.

„Eine Söldnerarmee“

Auch inhaltlich setzte er sich intellektuell mit der Arbeit der Kanzlerin auseinander: Die „Abschaffung“ der Wehrpflicht nannte er beschämend, nun habe man den Salat: „eine Söldnerarmee, die in Auslandseinsätze geht“, man könne nur davon abraten, in diese Truppe einzutreten.

Steinbrück teilt weder das Urteil des Literaten über Angela Merkel noch das über die Bundeswehr. Er widersprach sogar deutlich. Die Frage ist aber, warum ein Kanzlerkandidat, der vor kurzem seinen Pressesprecher entlassen hat, weil er, Steinbrück, für einen Wahlkampf Verantwortung trage, der „höchst professionellen Abwägungen zu folgen“ habe, sich an die Seite eines Mannes setzt, dessen beste Jahre schon einige Jahrzehnte zurückliegen. Es ist ja nicht so, als hätte Steinbrück ansonsten keine Probleme.

Der Kanzlerkandidat hat stets deutlich gemacht, dass er sich keinem medialen Verhaltenskodex unterwerfen werde. Und die Forderung aus Union und FDP, er möge sich umgehend von Grass distanzieren, könnte ihm auch gleich sein.

Sellering: „Schmähungen sind unerträglich“

Doch auch in seiner eigenen Partei ist das Entsetzen groß. Erwin Sellering, Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns, erwiderte via „Bild“-Zeitung: Solche Schmähungen des Lebens in der DDR seien „unerträglich“. Auch die SPD-Verteidigungspolitiker Reinhold Robbe und Rainer Arnold gingen auf Distanz zu Grass. Der Schriftsteller sei in alten Zeiten verhaftet, sagte Arnold über Grass’ Auslassungen zur Bundeswehr.

Wolfgang Thierse, scheidender Vizepräsident des Bundestages und Moderator der Veranstaltung, verteidigte Steinbrück; dieser habe „in verschiedenen Punkten“ Grass widersprochen.

Dass die Veranstaltung als solche ein Fehler gewesen sei, hört man in der SPD nicht. Man wird in dieser Angelegenheit aber auch nicht behaupten können, „Berliner mediale Kreise“, über deren Treiben Steinbrück zuletzt öffentlich klagte, hätten ihm eine Falle gestellt. Zumindest heißt es inzwischen in der SPD, weitere Auftritte mit Grass seien nicht geplant. Dieser hatte übrigens in besseren Tagen dem abtrünnigen Oskar Lafontaine einen Rat erteilt: „Halt’s Maul! Trink deinen Rotwein, fahr in die Ferien, such dir eine sinnvolle Beschäftigung.“

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Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 28.06.2013, 17:38 Uhr