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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehduell Schwarz-rotes Gezüngel

Endlich saßen die Deutschen wieder einmal zusammen am Lagerfeuer. Beim Blick in die Flammen sahen sie aber nur Altbekanntes. Man hätte sich das Ganze auch sparen können.

© Greser & Lenz Vergrößern Nach dem TV-Duell: Entscheidet die Facebook-Generation die Wahl?

Da saß die Nation also endlich wieder einmal am Lagerfeuer, fast so wie in der guten alten Zeit, als es nur drei Programme im Fernsehen gab und man schon am Sonntagabend wusste, was am Montag neben den Bundesligaergebnissen Tagesgespräch sein würde. Doch dann kamen die babylonische Senderverwirrung, das Internet und Dieter Bohlen, und die Elefantenrunden schrumpften zu Pygmäenkreisen, um das Wort eines ehemaligen Elefanten zu variieren.

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Alle vier Jahre kennen aber auch die Großmeister der seichten Ablenkung, ob im Fernsehen oder im Netz, an einem Abend nur noch Parteien und Kandidaten; dann haben sogar der Musikantenstadl und die Jagd auf den Millionär Sendepause. Mit Stefan Raab ist jetzt das „missing link“ zwischen beiden Welten gefunden worden, wenigstens auf Seiten der Moderatoren. Nach dem Superkanzler, der es mit dem Superstar und der Supernanny aufnehmen kann, muss Deutschland aber noch suchen.

TV-Duell zur Bundestagswahl 2013

Die Politik macht diesen Zirkus mit, weil Auftritte auf Marktplätzen und Hausbesuche offenbar nicht mehr ausreichen, um die Deutschen an die Urne zu bringen. Das Interesse an Politik, jedenfalls an ihren bisherigen Darreichungsformen, ist rückläufig. Der politische Partizipationswille der nachwachsenden Generationen manifestiert sich kaum noch, wie zu Zeiten der „Neuen Sozialen Bewegungen“, in Menschenketten und Massendemonstrationen, sondern in den neuen „Sozialen Medien“ des Internets. Wer an die Jungwähler herankommen will, muss sie in ihren digitalen Schrebergärten „abholen“, wie es etwa die Kanzlerin mit ihrer wöchentlichen „Videobotschaft“ versucht.

Als gehe es um den Luftangriff auf Syrien

Doch was kommt von ihren politischen Botschaften, so enthalten, an? Nach dem hochgejazzten „TV-Duell“, das mit allen verfügbaren Mitteln auch ins Internet transportiert und mit Countdown-Uhren angekündigt wurde, als gehe es um den Luftangriff auf Syrien, setzte sich die Netzgemeinde sehr intensiv mit der Halskette der Kanzlerin auseinander. Weil die Regierungschefin nichts zu sagen hatte, der Kandidat zu schnell sprach und selbst nach dem Urteil von Edmund Stoiber zu sehr ins Detail ging, was etwas heißen will?

Steinbrück versuchte mit seinem Fakten- und Fragen-Stakkato „Kompetenz“ zu beweisen. Denn die Frage, ob er oder sie „es kann“, ist noch immer das Generalkriterium, an dem sich Wahlentscheidungen ausrichten. Von den vielen Unschlüssigen, die auch knapp drei Wochen vor der Wahl nicht wissen, ob sie wählen gehen, wird nur ein Bruchteil die Programme der Parteien anfordern und sie nächtens durcharbeiten.

TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 © dpa Vergrößern Moderator Stefan Raab neben der ARD-Kollegin Anne Will: Der „missing link“ in Zeiten babylonischer Senderverwirrung?

Aus dieser Verlegenheit halfen früher Klassenbewusstsein und Milieuzugehörigkeit heraus, doch spielen diese Leitplanken kaum noch eine Rolle. Die Leuchttürme der Ideologie sind weitgehend erloschen, seit der real existierende Sozialismus untergegangen, dafür aber die Kapitalismuskritik bis weit ins bürgerliche Lager hinein salonfähig geworden ist. Die Richtungsentscheidungen für Deutschland sind getroffen, die letzten großen Schlachten geschlagen: Die CDU hat sich von der Atomkraft verabschiedet, die Grünen sind unter Joseph Fischer im Dreiteiler in den Krieg gezogen. Da bleibt als Frage von Koalition oder Tod wirklich nur noch der Kampf um das Elterngeld.

Die große Koalition existiert schon

Doch auch in dieser TV-Debatte wollen die Fachleute für die Anatomie solcher Veranstaltungen wieder „versteckte Signale“ für eine große Koalition entdeckt haben. Was Wunder: Die große Koalition existiert schon längst, und sie umfasst bei weitem nicht nur Union und SPD, was man übrigens nicht zwingend als einen Beleg für Stillstand und Saturiertheit ansehen muss, sondern auch als Zeichen der Einigkeit in grundsätzlichen Dingen werten kann, für die man in manchen Ländern dankbar wäre.

Was nicht bedeutet, dass dieser stillschweigende Konsens nicht attackiert werden sollte. Eine TV-Show, in dem eine Moderatoren-Viererkette im Frontalunterricht auswendig gelernte Gedichte über den Kreisverkehr abhört, ist dafür jedoch offenkundig nicht das beste Format. Auch beim „Grillen“ von Politikern am Lagerfeuer gilt: Mit der Anzahl der Grillmeister(innen) steigt nicht zwangsläufig die Temperatur. Für richtige Hitze unter dem Rost würden bei solchen Gelegenheiten vermutlich nur Kombattanten aus anderen Parteien sorgen, weswegen man sie auch kaum dazu einladen wird. Dabei wäre das Einbeziehen der kleineren Kräfte gerechtfertigter denn je, denn schon lange nicht mehr war die politische Landschaft in Deutschland so bunt wie jetzt.

Infografik / Ein Duell, drei Ergebnisse © F.A.Z. Vergrößern Umfragen zur Fernsehdebatte

Wer in die Flammen des Lagerfeuers vom Sonntag blickte, sah aber nur schwarz-rotes Gezüngel. Die heißen Eisen Euro-Rettung und Syrien packte auch der Herausforderer nur ungern an, zu leicht hätte er sich selbst die Finger daran verbrennen können.

Die Kanzlerin lächelte die wenigen Punkte, die der Kandidat machte, in bewährter Manier weg. Jeder Zuschauer konnte sich in seinem Urteil über Merkel und Steinbrück bestätigt sehen; sogar noch die Umfragen, wer gewonnen habe, gingen passend aus, nämlich unterschiedlich. Man hätte sich das Ganze also auch sparen können. Freilich wüsste die Republik dann nicht, wer im deutschen Verfassungsgefüge der „King of Kotelett“ ist.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 02.09.2013, 18:20 Uhr