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Fernsehduell Medium und Botschaft

Sowohl auf Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch auf Herausforderer Peer Steinbrück lastete ein besonderer Druck. Denn Fernsehduelle haben Wahlergebnisse zuweilen maßgeblich beeinflusst. Ein Rückblick.

© dpa Vergrößern „Sie haben es in der Hand“: Aus dem Duell auf den Wahlplakaten in ganz Deutschland wird am Sonntag abend das direkte Aufeinandertreffen im Fernsehstudio - und vor einem Millionenpublikum vor den Bildschirmen

Jimmy Carter war sicher. „Wenn es die Debatten nicht gegeben hätte, wäre ich der Verlierer gewesen. Sie gaben mir die Gelegenheit, mich als in internationalen wie innenpolitischen Angelegenheiten erfahrenen Kandidaten darzustellen“, äußerte der amerikanische Präsident der Jahre 1977 bis 1981 im Rückblick auf die drei Fernsehduelle, die er als demokratischer Herausforderer des amtierenden Präsidenten Ford bestritt. Hat das Fernsehen also amerikanische Geschichte, wenn nicht Weltgeschichte geschrieben?

Daniel Deckers Folgen:  

Nicht ganz, und selbst das nicht zum ersten Mal. Denn wie die „Presidential Debates“ des Jahres 1976 den Wahlausgang beeinflussten, lässt sich nicht mit dem „Medium“ Fernsehen als solchem erklären, sondern mit der „Botschaft“. Dasselbe gilt für das erste Fernsehduell zweier Präsidentschaftskandidaten überhaupt, das legendäre Aufeinandertreffen von John F. Kennedy und Richard Nixon 16 Jahre zuvor.

Kennedy flogen die Sympathien zu

Am 26. September 1960, der Geburtsstunde der Teledemokratie, wurden 70 Millionen Amerikaner Zeuge, wie ein jugendlich-entspannter Senator einem unrasierten, schwitzenden, ja kränklich wirkenden Vizepräsidenten die Show stahl. Die Sympathien der Zuschauer flogen Kennedy zu. Wer indes die Debatte im Radio verfolgte, hielt nicht selten Nixon für den Gewinner des Duells. Später fanden Wahlforscher heraus, dass zehn Prozent der Wähler ihre Stimme unter dem Eindruck des Fernsehduells getroffen hatten. Bei einem Vorsprung Kennedys von 0,1 Punkten vor seinem Rivalen hatte sich das Erscheinungsbild Nixons und nicht die Macht der Argumente als wahlentscheidend erwiesen.

Als die Fernsehdebatten nach sechzehnjähriger Unterbrechung wiederaufgenommen wurden, gaben nicht Körperpflege oder Gestik den Ausschlag gegen Gerald Ford, sondern ein inhaltlicher Patzer. In der zweiten von drei Debatten bestritt der Präsident, dass Osteuropa unter der Herrschaft der Sowjetunion stehe. Die schockierende Wissenslücke ebnete Jimmy Carter als dem ersten Südstaaten-Präsidenten seit dem amerikanischen Bürgerkrieg den Weg ins Weiße Haus. Auch hier war nicht das Medium die Botschaft, sondern die Botschaft im Medium.

Das Fernsehstudio in Berlin-Adlershof © dpa Vergrößern Die Kulisse für das „Kanzlerduell“: Das Fernsehstudio in Berlin-Adlershof

Mit Überraschungen wie in den Vereinigten Staaten konnten die seit 2002 üblichen Fernsehduelle der Kanzlerkandidaten in Deutschland bislang nicht aufwarten (zuvor warben die Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien im Fernsehen um die Gunst des Publikums). Rahmen, Themen und Verlauf der Debatte werden vorab so sorgfältig abgesteckt, dass das Risiko von Unwägbarkeiten gleich null ist. Doch wie kann man nicht nur Fehler vermeiden, sondern am Ende einer Debatte auch als Sieger dastehen?

Um Bundeskanzler Schröder (SPD) wäre es im Jahr 2002 um ein Haar geschehen gewesen. In der ersten von zwei Debatten mit seinem CSU-Herausforderer Stoiber wirkte der „Medienkanzler“ unkonzentriert und fahrig - wie im vergangenen Jahr Präsident Obama im ersten Duell mit seinem Herausforderer Mitt Romney. Stoiber schlug sich weit besser als erwartet. Klare Aussagen an Stelle von mit „äh“ garnierten Bandwurmsätzen - so kannte die Republik den CSU-Ministerpräsidenten nicht. Der Herausforderer hatte das politische Momentum trotz des Oderhochwassers auf seiner Seite.

Denver Presidential Debate © dpa Vergrößern 2012: Im ersten Duell stand Mitt Romney überraschend wesentlich besser da als Obama

Die Wechselstimmung hielt nicht lange vor. Zwei Wochen nach dem ersten Duell hatte Schröder zur gewohnten Angriffslust zurückgefunden und punktete überdies mit einem klaren Nein zur Beteiligung Deutschlands an einem Irak-Krieg. Ende September erteilten die Bürger SPD und Grünen ein neues Mandat. Stoiber war es nicht gelungen, den hohen Anteil unentschiedener Wähler unter den jeweils fast 15 Millionen Zuschauern so zu beeindrucken, dass sie den Unionsparteien ihre Stimme gaben. Die Schrödersche Wahlkampfführung nach dem Motto „Er oder ich“ hatte die Chancen des neuen Fernsehformats perfekt genutzt.

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Veröffentlicht: 31.08.2013, 14:40 Uhr