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Veröffentlicht: 03.09.2013, 06:57 Uhr

FAZ.NET-Frühkritik: Wahlsendungen „Lassen Sie uns über Speiseeis reden“

Vorbereitung auf eine Wirtschaftswahl: Am Abend nach dem Kanzlerduell präsentiert die ARD einen zweistündigen Chaos-Talk mit sehr unausgewogener Themengewichtung, der ein schlechtes Licht auf den Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wirft.

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© dpa Politischer Dreikampf mit zwei Moderatoren im ARD-Fernsehstudio: Ein weiterer „Dienst an der Demokratie“?

Am Ende des zweiten „großen Fernsehabends“ zur Einstimmung auf die bevorstehende Bundestagswahl fühlte man sich so wie nach den inzwischen sehr chaotisch gewordenen Wettervorhersagen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: völlig besoffen gequatscht und beinahe ohne jegliche fassbare Erinnerung an das eben Gesehene und Gehörte.

Jan Wiele Folgen:

Der TV-Dreikampf zwischen Rainer Brüderle (FDP), Jürgen Trittin (Bündnis 90 / Die Grünen) und Gregor Gysi (Die Linke) verhedderte sich sogleich bei den Themen Rente und Steuern, wobei die Kombattanten ständig durcheinanderredeten. Auch die sich sehr souverän gebenden Moderatoren, WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn und BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb, vermochten den Politikern nicht recht Einhalt zu gebieten, lobten sich aber dennoch bisweilen selbst, so wie dies am Vorabend schon in peinlicher Weise Anne Will getan hatte: Sie hatte ja bei Günther Jauch nach dem von ihr mitmoderierten „Kanzlerduell“ diese Sendung hochtrabend als „Dienst an der Demokratie“ bezeichnet und es dabei für mitteilenswert gehalten, wie viel Spaß die Fernsehmoderatoren an der Ko-Produktion von ARD, ZDF, RTL und Pro Sieben gehabt hatten.

Beinahe eine Bankrotterklärung

Vielleicht hatten ja auch Schönenborn und Gottlieb mit den Streithähnen beim „Dreikampf“ so richtig Spaß. Was das Moderatoren-Duo oder vielmehr die Regie dabei allerdings vollkommen aus dem Blick verlor, war eine ausgewogene Aufteilung der Sendezeit nach allen relevanten Themen der Wahl am 22. September. Ein Zuschauer, der nur diese Sendung zur Informationsgrundlage genommen hätte, musste hier geradezu den Eindruck gewinnen, dass Deutschland eine reine Wirtschaftswahl bevorsteht.

Nicht mal auf die derzeit brisantesten Themen Syrien und NSA kam man hier zu sprechen - fast eine Bankrotterklärung eigentlich -, zumal auch die Bundeskanzlerin dazu am Vorabend herumlaviert und eine denkbar schlechte Figur gemacht hatte.

TV-Dreikampf zur Bundestagswahl © dpa Vergrößern Warben um unentschlossene Wähler: die Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi (Die Linke), Rainer Brüderle (FDP) und Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) vor dem TV-Dreikampf (von links nach rechts)

Die Themen Bildungs- und Integrationspolitik etwa, die ja vielleicht auch einige der Fernsehzuschauer interessieren dürften (anscheinend rechnet man bei den Öffentlich-Rechtlichen damit nicht mehr), blieben am Montagabend beim Steuern-Renten-Mindestlohntalk gänzlich ausgespart. Einmal fiel dann die verräterische Formulierung von Bildung als „wichtigstem Rohstoff“ - hier aus dem Munde Gysis. Ähnlich technokratisch klang auch der auflockernd gemeinte Einwurf Jörg Schönenborns, der plötzlich forderte: „Lassen Sei uns über Speiseeis reden!“, und erklärend hinzufügte, er meine damit einfach ein Thema, das die Menschen unmittelbar anspricht. Doch die Politiker wollten nicht über Speiseeis reden - nicht mal das. Von irgendwelchen auch nur ansatzweise ethischen Überlegungen, die einmal zur Gründung ihrer Parteien beigetragen haben, war somit an den zwei maßgeblichen Fernsehabenden zur Orientierung vor der Bundestagswahl (das „Duell“ wurde von nahezu 18 Millionen Zuschauern verfolgt) fast keine Spur.

Haltungsnoten für das Kanzlerduell bei „Hart aber fair“

Der „TV-Dreikampf“ des Jahres 2013 muss wohl so zum Vergessen gewesen sein, dass die nachfolgende „Hart aber fair“-Sendung auf ihn dann auch kaum noch einging - dort vergaben lieber weitere Fernsehmenschen und Politiker nochmals Haltungsnoten für das Kanzlerduell vom Vorabend, darunter der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen und sein Namensvetter, der Schauspieler Ulrich Pleitgen.

Während der erstere die Oberflächlichkeit der vorausgegangenen Wahl-Sendungen beklagte, konnte auch Moderator Frank Plasberg in seiner kaum in die Tiefe gehen, sondern sprang munter zwischen Angela Merkels Halskette, einem Einspielerfilm zum Satire-Faktor von Wahlplakaten und einigen saloppen Ansprachen seiner Gäste herum, wobei die Politiker Armin Laschet (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) sich sehr besonnen zeigten, aber in dem beschriebenen Themenchaos auch irgendwie verloren wirkten - eigentlich lautete der Titel der Sendung ja „Euro, Steuern, Syrien-Einsatz - haben wir wirklich eine Wahl?’’.

Die Viertelstunde über Syrien wurde dann endlich gut, weil Fritz Pleitgen, Armin Laschet und Thomas Oppermann hier gleichermaßen besonnen über die möglicherweise fatalen Folgen eines Einsatzes sprachen - aber andere wichtige Themen wie Bildungs- und Familienpolitik vermisste man auch in dieser Wahl-Spezialsendung.

Sie war jedenfalls mitnichten ein „Wahl-Check“ zur Grundsatzorientierung vor einer Bundestagswahl. Schließlich wurden darin auch noch, wie jetzt so häufig im Fernsehen, einige wenig aussagekräftige Zuschauerreaktionen aus den sozialen Medien präsentiert. Bei dieser Reflexion der Reflexion sagte die „Zuschaueranwältin“ der Sendung, Brigitte Büscher, einen denkwürdigen Satz: Über einen Internet-Kommentator, der in Sorge über Konsequenzen eines Syrien-Einsatzes war, äußerte sie die Vermutung, der sei wohl einer von den Menschen, die sich Gedanken machten, weil sie auch die Nachrichten schauen und nicht nur die TV-Duelle.

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Quelle: wahlrecht.de
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