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Fake News im Wahlkampf : Erfundene Geschichten spielen (noch) keine Rolle

Auch soziale Netzwerke wie Facebook wollen verstärkt gegen „Fake News“ vorgehen. Bild: dpa

Die massive Beeinflussung der Bundestagswahl durch Fake News, die mancher befürchtet hatte, ist bislang ausgeblieben. Trotzdem gibt es Falschnachrichten – und von ihnen profitiert vor allem eine Partei.

          Am 4. Dezember des vergangen Jahres stürmte ein Mann mit einem Sturmgewehr eine Pizzeria in Washington D.C. und gab mehrere Schüsse ab. Die Gäste und das Personal der Pizzeria blieben unverletzt und der Mann konnte von der Polizei festgenommen werden. Den Ordnungshütern sagte er, er sei in den Laden gegangen, um Kinder aus den Händen eines Pädophilenrings zu befreien, der im „Comet Ping Pong“ unter anderem von Hillary Clinton, der unterlegenen demokratischen Kandidatin in der amerikanischen Präsidentenwahl, betrieben werde.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Gefunden hat der Mann nichts. Er war einer erfundenen Geschichte aufgesessen, die in sozialen Netzwerken entstanden und dort immer weiter aufgeblasen worden war. Sie hatte sogar den Weg in die türkische Presse gefunden. Bald hatte sie sich von ihrem Ursprung gelöst und wurde für viele Menschen schon allein dadurch wahr, dass sie von vielen anderen Menschen geteilt und verbreitet wurde – ein Paradebeispiel für eine besonders erfolgreiche „Fake News“-Geschichte.

          Solche Lügengeschichten, besonders gegen Hillary Clinton gerichtet, haben wohl im amerikanischen Wahlkampf auch zur Niederlage der Demokratin beigetragen. Die ehemalige Außenministerin hatte sowieso schon extrem niedrige Beliebtheitswerte. Wenn dann noch von Quellen, denen man vertraut, verbreitet wird, dass sie in schlimme Machenschaften verwickelt sei, fällt die Wahlentscheidung manchem immer leichter.

          Ein deformierter Kern

          Dieses Beispiel für „Fake News“ ist besonders eindrücklich, weil es zu drastischen Konsequenzen führte und die Vorwürfe komplett erfunden waren. Doch nicht immer sind „Fake News“ völlig erdacht, oft haben sie einen wahren Kern und werden nur ein bisschen verdreht, so dass sie in eine bestimmte Richtung deuten. In der Parlamentswahl in den Niederlanden und auch in den Präsidentenwahlen in Frankreich tauchten solche Meldungen und Geschichten auf.

          Auch in Deutschland gab es vor der Bundestagswahl große Befürchtungen, Fake News könnten die Wahl beeinflussen – doch bislang sind solche Falschmeldungen nicht präsent, zumindest nicht in der breiten Öffentlichkeit. Dabei gebe es durchaus welche, sagt Alexander Sängerlaub von der „Stiftung Neue Verantwortung“, die die Verbreitung von „Fake News“ untersucht, im Gespräch mit FAZ.NET. Bislang habe es allerdings keinen spektakulären Fall gegeben, der auch von der breiten Öffentlichkeit rezipiert worden sei. Aber in bestimmten Zirkeln – besonders der Rechten – würden solche Geschichten durchaus geteilt und weiterverbreitet.

          Typischerweise, so Sängerlaub, hätten deutsche „Fake News“ einen wahren Kern. Dieser sei jedoch oft aus dem Zusammenhang gerissen oder deformiert. Der Großteil dieser Falschnachrichten beschäftige sich mit der Flüchtlingspolitik der amtierenden Regierung und ihren vorgeblich negativen Auswirkungen. Ein Opfer solcher Manipulationen wurde die evangelische Theologin Margot Käßmann. Sie hatte auf dem Kirchentag im Mai in Berlin die AfD kritisiert und deren Familienbild in Verbindung mit den Nürnberger Rassegesetzen der Nationalsozialisten gestellt. Zitiert wurde aber immer nur ein Teil ihrer Aussage, so dass es aussah, als ob sie alle Deutschen ohne Migrationshintergrund zu Nazis erkläre.

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