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Veröffentlicht: 16.06.2017, 12:13 Uhr

Deutschland vor der Wahl „Blüh im Glanze dieses Glückes“

Einst kamen sie aus Rumänien, Jemen oder Libyen – nun sind sie Deutsche. Im Rathaus von Saarbrücken feiern etwa 50 Personen ihre neue Staatsbürgerschaft. Aus der FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“.

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© Hedwig, Victor Brüderlich mit Herz und Hand: Aus aller Herren Länder ins Saarbrücker Rathaus

Blüh im Glanze dieses Glückes“, singen die neuen deutschen Staatsbürger. Hell leuchten über ihnen die Kronleuchter. Hinten an der Wand hängen zwei große deutsche Flaggen. Etwa 50 Personen haben sich im prunkvollen Festsaal des Rathauses von Saarbrücken für die Einbürgerungsfeier versammelt. Zusätzliche Stühle mussten hereingetragen werden, so viele sind gekommen. Die Frauen in bunten Kleidern, die Männer im Anzug, einige Kinder halten Luftballons in den Händen. Auch Freunde und Verwandte sind dabei. Sie filmen mit dem Handy. Die Eingebürgerten sprechen nacheinander vorne das Bekenntnis. „Ich erkläre hiermit feierlich, dass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte.“

Julian  Staib Folgen:

Den Satz hört man an diesem Tag in den unterschiedlichsten Akzenten. Unter anderem aus Rumänien, dem Jemen, Libyen, Kamerun, Ghana und Bosnien-Hercegovina stammen die Leute. Manche sprechen ausgezeichnet Deutsch, andere nur ein wenig. Ein Mitarbeiter der Stadt überreicht ihnen eine Urkunde und ein Grundgesetz. Einmal im Monat gibt es diese Zeremonie für alle, die in Saarbrücken die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Der Vertreter der Bürgermeisterin, Thomas Brück, erinnert die neuen Staatsbürger an deutsche Besonderheiten. „Wie Sie ja wissen, hat Deutschland eine sehr bewegte Vergangenheit.“ Daraus ergebe sich auch für die Zugezogenen eine „ganz spezielle Verantwortung“ – was sich etwa in dem „besonderen Verhältnis zu Israel“, aber auch im „Binnenverhältnis“ zeige. Da gelte es, insbesondere die Religionsfreiheit zu verteidigen.

Mehr zum Thema

So etwas kennen die neuen Staatsbürger schon. Schließlich mussten alle den Einbürgerungstest absolvieren mit Fragen unter anderem zu „Geschichte und Verantwortung“. „Interessant“ sei das Thema, sagt einer in Saarbrücken vorsichtig. Für die Einbürgerung musste jeder zudem mindestens das Sprachniveau B1 vorweisen sowie ein Einkommen. „Es wurde ja auch Zeit“, sagt ein Mann aus dem Jemen, der heute zusammen mit einem Freund aus der Heimat Deutscher wird. Beide leben seit elf Jahren in Deutschland, kamen für die Ausbildung und das Studium, sprechen perfekt Deutsch. Nun arbeitet der eine in der Uniklinik, der andere in einem Restaurant. Im Herbst werden sie das erste Mal den Bundestag mitwählen. Der eine neigt zur Linkspartei, der andere ist noch unentschieden. Ein Dritter hat im Internet seine Parteienpräferenz getestet: SPD, Grüne, Linkspartei. Aber eigentlich finde er Angela Merkel gut.


Deutschland vor der Bundestagswahl – was bewegt die Menschen im Land?

© Greser&Lenz

    In unserer Serie machen wir uns in der Republik auf die Suche – von Hamburg bis Berchtesgaden, von Flüchtlingskrise bis Rentenpolitik.

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    Im Osten Deutschlands fühlen sich die Menschen im Stich gelassen. Die Plattenbauten zeugen von geplatzten Träumen und tiefer Enttäuschung. Wird hier die AfD das Sprachrohr der Leute? Start der neuen FAZ.NET-Serie „Deutschland vor der Wahl“. Zum Artikel

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    (8) „Blüh' im Glanze dieses Glückes“

    Einst kamen sie aus Rumänien, Jemen oder Libyen – nun sind sie Deutsche. Im Rathaus von Saarbrücken feiern etwa 50 Personen ihre neue Staatsbürgerschaft. Aus der FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“. Zum Artikel

    (9) Am See

    Die Stadt Brüssow in der Uckermark wurde oft mit rechtsextremer Gewalt in Verbindung gebracht. Jetzt will die Mehrheit der Bewohner die Region voranbringen. Zum Artikel


Auch eine „Integrationsklasse“ ist hier. Jugendliche syrische Flüchtlinge, die still in der letzten Reihe sitzen. Sie schauten sich das nur an, sagt einer von ihnen. Anerkannte Flüchtlinge können bereits nach sechs Jahren Aufenthalt Deutsche werden. Einwanderer brauchen dafür acht Jahre, es sei denn, sie verfügen über besonders gute Sprachkenntnisse, dann dauert es ebenfalls sechs Jahre. In vier, fünf Jahren werden in diesem Saal vermutlich viele Syrer und Afghanen stehen. Sie bilden die größten Gruppe der 2015 und 2016 ins Land gereisten Asylbewerber.

Einwohnerzahl Saarbrückens wächst

Die Einwohnerzahl Saarbrückens wuchs in den vergangenen Jahren. Mittlerweile liegt sie bei rund 183.000. Ohne Einwanderer würde die Stadt schrumpfen, denn die Zahl der Deutschen ohne Migrationshintergrund geht seit Jahren zurück. Die Tendenz wird sich wie in vielen anderen Großstädten noch verstärken. Das kann man auch an der Bevölkerungspyramide Saarbrückens ablesen. Bei Deutschen ohne Migrationshintergrund ist sie am breitesten bei den Fünfundfünfzigjährigen, bei Ausländern und Einwohnern mit Migrationshintergrund bei den 25 bis 30 Jahre alten Personen. Im städtischen Bevölkerungsbericht heißt es, die wachsende Einwohnerzahl sei „maßgeblich“ von der Zuweisung von Flüchtlingen und dem weiterhin starken Zuzug von Rumänen und Bulgaren bestimmt.

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Osteuropäer nehmen hier häufig die deutsche Staatsbürgerschaft an. Manchmal sind auch Franzosen dabei, die Grenze ist ja nicht weit. Francesco Crifò, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität, ist eine Ausnahme. Crifò wurde in Rom geboren und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Nun hat er neben der italienischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Für die Entscheidung gebe es keine praktischen Gründe, sagt Crifò. Aber emotionale. Hier gehe es gerechter zu. Hätte er Kinder, würde er sie nicht auf eine italienische Schule schicken. Und – noch ein Beispiel – zweimal habe er seinen Geldbeutel verloren, ihn aber jeweils zurückbekommen, ohne dass etwas fehlte. Über eine Sache aber wundert er sich heute. In der Urkunde fehle der Akzent bei seinem Nachnamen. Ob das dann im Personalausweis auch so sein wird? Sein Name werde hier auf die eigentümlichsten Weisen ausgesprochen. Vielleicht gehöre das nun einfach dazu.

Quelle: wahlrecht.de
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