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Comeback von Hubertus Heil : Eine zweite Chance

Zurück in die Zukunft: Heil und Barley auf dem Wannsee. Bild: dpa

Mission impossible? Hubertus Heil kehrt als Generalsekretär zurück in die Parteizentrale. Er soll eine Struktur in den Wahlkampf der SPD bringen. Auch soll der Kanzlerkandidat besser zur Geltung kommen.

          Die kurze Bedenkzeit, die Hubertus Heil sich am Dienstagvormittag erbeten hatte, nutzte er für ein Telefonat mit seiner Frau. Was sagt man in einer solchen Situation: Du, Schatz, wir sehen uns in vier Monaten wieder. Alles Liebe – und pass gut auf die Kinder auf? Der SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gerade eröffnet, dass er Katarina Barley als Generalsekretär folgen müsse. Dass Heil zusagen würde, war keine Frage. Obwohl er bis zum 24. September die Tage, die er zuhause verbringen wird, wahrscheinlich an einer Hand abzählen kann.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Abends nimmt der 44 Jahre alte Niedersachse an der traditionsreichen Spargelfahrt des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD teil. Heil ist gemeinhin ein Mann, der sich etwas zutraut und auch keinen Hehl daraus macht. An Deck der „MS Havelqueen“ auf dem Wannsee sieht man ihm allerdings die Bürde seines künftigen Amtes an. Es ist keine gespielte Demut. Die Umstände der Personalrochade sind ernst. In Gang gesetzt wurde sie durch die Krebserkrankung des mecklenburg-vorpommerschen Ministerpräsidenten Erwin Sellering. Und die Ausgangssituation für den künftigen Wahlkampfleiter, der vier Monate vor der Bundestagswahl eine Großorganisation übernehmen muss, ist nach drei verlorenen Landtagswahlen und dem Absturz der Bundespartei in den Umfragen alles andere als gut.

          Gründungsmitglied von Schröders Prätorianergarde

          Warum Schulz, der selbst erst am frühen Montagabend von Sellering informiert worden war, sich nach Abwägung der Chancen und Risiken eines Personalwechsels für den ungewöhnlichen Schritt entschied, gab Thomas Oppermann am Mittwoch indirekt zu erkennen: Heil verstehe auch etwas von Organisation – „und genau das brauchen wir jetzt in einer solchen Situation“, sagte er. Im Willy-Brandt-Haus waren zuletzt einige Dinge ziemlich schiefgelaufen, darunter die Präsentation des Wahlprogramms. Heil sagt von sich, er verfüge über eine gewisse Erfahrung. Einen Bundestagswahlkampf hat er bisher aber nur formal geleitet. 2009 herrschte im Willy-Brandt-Haus nämlich mindestens soviel Chaos wie derzeit.

          Doch der Reihe nach. Heil kehrt auf einen Posten zurück, den er schon einmal von Ende 2005 bis Ende 2009 inne hatte. Er war mit der Bildung des ersten großen Koalition unter Angela Merkel Generalsekretär geworden, weil der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering seinen Kandidaten Kajo Wasserhövel in der Parteiführung nicht durchsetzen konnte, weshalb auch Müntefering selbst hinschmiss. Heil, einst Gründungsmitglied von Gerhard Schröders Prätorianergarde „Netzwerk Berlin“, diente seiner Partei in holprigen Zeiten – zunächst sehr engagiert unter dem Vorsitzenden Matthias Platzeck, dann loyal unter Kurt Beck. Die Nachwehen der Agenda 2010, die Rente mit 67, Andrea Ypsilanti und der Umgang mit der Linkspartei bestimmten die Debatten. Die SPD war eine depressive Partei und Heil war dafür zuständig, den Laden am Laufen zu halten.

          Dreiecksverhältnis zwischen Kanzlerkandidat, Generalsekretär und Vizekanzler

          Als Müntefering nach dem Sturz Kurt Becks 2008 am Schwielowsee an die Parteispitze zurückkehrte, wurden Heil und andere im Willy-Brandt-Haus, denen der neue, alte Parteivorsitzende misstraute, kaltgestellt. Wasserhövel, der langjährige enge Vertraute Münteferings übernahm als neuer Bundesgeschäftsführer faktisch die Rolle des Wahlkampfleiters. Aus jener Zeit kennen sich Heil, der fortan nur noch die montäglichen Pressekonferenzen abhalten durfte, und Markus Engels, heute technischer Wahlkampfleiter und damals Leiter des Büros des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.

          Diesmal ist vieles anders. Engels wird wie bisher die Angelegenheiten des Kanzlerkandidaten verantworten – und Heil alles andere. Das heißt, diesmal soll ihm die satzungsgemäße Aufgabe als Wahlkampfleiter tatsächlich zukommen. Der künftige Generalsekretär und der neue Parteivorsitzende wiederum haben sich 1994 kennengelernt. Enger zusammengearbeitet haben sie aber erst in den vergangenen Monaten bei der Erarbeitung des Wahlprogramms. Eine der zentralen Fragen wird es nun sein, wie sich das Dreiecksverhältnis zwischen Kanzlerkandidat, Generalsekretär und Vizekanzler gestaltet.

          Nachfolge Brigitte Zypries‘ als Wirtschaftsminister

          Schulz pflegt ein kompliziertes Verhältnis zu Sigmar Gabriel. Auch früher schon hat es zwischen beiden Freunden mal geknallt. Seit dem Absturz der SPD in den Umfragen befindet sich der Kanzlerkandidat in einem Dilemma. Von außen kommend, spürt der mit 100 Prozent zum Vorsitzenden Gewählte, wie schwierig es ist, ohne Hausmacht und ohne Netzwerke die Partei zu steuern. In der Führung der SPD ist er auf Gabriel angewiesen. Der neue Außenminister nutzt derweil die Möglichkeiten seines Amtes, um sich mit voller Wucht in den Wahlkampf einzuschalten. Hinweise, er möge doch den Kanzlerkandidaten nicht überschatten, nimmt er an, um sie dann wieder zu vergessen.

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          Heil, der 2009 die Nachfolge Gabriels als Vorsitzender der einflussreichen Parteibezirks Braunschweig antrat, weiß um das ambivalente Treiben des Außenministers, dessen Ziel es ist, über den Herbst hinaus sein neues Amt zu behalten. Engels und er müssen nun einen Weg finden, Schulz besser zur Geltung zu bringen. Schaffen das beide, könnte Heil im Herbst – im Falle einer Fortsetzung der großen Koalition – die Nachfolge Brigitte Zypries‘ als Wirtschaftsminister antreten. Im Januar noch war er sehr zu seinem Ärger übergangen worden.

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