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Veröffentlicht: 30.06.2013, 17:59 Uhr

Die Grünen und Steinbrück Augen zu und durch!

Die Grünen sind frustriert von Steinbrücks Wahlkampf. Doch eine Debatte über Schwarz-Grün wollen sie unbedingt vermeiden.

von Friederike Haupt und
© dpa Spitzenkandidaten unter sich: Trittin und Steinbrück

Es ist lausig kalt am Mittwochabend, der Himmel bewölkt, der Biergarten des „Zollpackhofs“ mit einem Zelt überdacht. Er liegt direkt gegenüber dem Kanzleramt. „Von da weht die soziale Kälte herüber“, scherzt Thomas Oppermann von der SPD. Eine grüne Abgeordnete, die auf ihr Grillwürstchen wartet, spricht hingegen selbstironisch vom „rot-grünen Winter“, der angebrochen sei. Kurz vor den Parlamentsferien haben zwei Abgeordnete, Kerstin Andreae von den Grünen und Hubertus Heil von der SPD, zum rot-grünen Stelldichein eingeladen. Ein rot-grünes Manifest mit dem sportlichen Titel „Bewegung jetzt“ wurde geschrieben, eine Internetseite freigeschaltet. Frank-Walter Steinmeier und Andrea Nahles sind gekommen, Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt, Abgeordnete und Mitarbeiter der Fraktionen.

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Die Redner betonen die Gemeinsamkeiten zwischen SPD und Grünen. Steinmeier warnt davor, das Land falle unter Angela Merkel zurück in „Biedermeierlichkeit“, und er erinnert daran, dass Rot-Grün „in den neunziger Jahren Frieden gestiftet“ habe. Trittin sieht eine „neoliberale APO“ derer auf dem Weg, die im Fall eines rot-grünen Wahlsiegs etwas zu verlieren hätten. Und Renate Künast bestätigt, dass sie Peer Steinbrück bei einem Fest am Vorabend eine Currywurst gebracht hat. Der so beglückte Kanzlerkandidat ist nicht da. Er würde wohl auch lieber ein Bier trinken, muss sich aber im Willy-Brandt-Haus mit Günter Grass herumschlagen.

Manche haben die Hoffnung aufgegeben

Dass keine Stimmung aufkommt, liegt nicht zuletzt an Steinbrück. „Die Frustration über den Kanzlerkandidaten und die SPD steigt bei unseren Leuten, gerade bei denen ganz vorne“, sagt ein grüner Abgeordneter. Auch ihm selbst, so gibt er zu, sei Angela Merkel viel sympathischer als der SPD-Kandidat. Der wirke verunsichert, so, als ob er nicht ganz bei sich sei. Die charakterliche Robustheit, die ein Kanzler brauche, fehle ihm. Gesehen habe er Steinbrück im Parlament ohnehin kaum, und wenn, dann habe der ihn ignoriert.

Wer so raus gewesen sei aus der Politik wie Steinbrück, der könne kein erfolgreicher Kandidat sein, sagt ein anderer Abgeordneter. Rot-Grün sei nicht mehr möglich, denn die Grünen könnten nicht die Menge an Stimmen zulegen, die von der Sozialdemokratie kommen müssten. Was bleibt da, als zu hoffen, dass in den verbleibenden 84 Tagen bis zur Bundestagswahl noch ein Wunder geschieht? Eine offene Debatte darüber gibt es natürlich nicht. Augen zu und durch, heißt die Parole. „Wir kämpfen für Rot-Grün und reden nicht über den Kanzlerkandidaten“, sagt ein weiterer Bundestagsabgeordneter.

Auch in den Landesparlamenten sind die Grünen frustriert. Manche haben die Hoffnung auf eine rot-grüne Regierung im Bund aufgegeben. „Fast aussichtslos“ sei das, sagt ein Landtagsabgeordneter. „Wenn in den Umfragen nur zwei, drei Prozent fehlen würden, wär’s was anderes - aber so?“ Der Wunsch nach Abgrenzung von der SPD wächst. Die Initiative „Bewegung jetzt“ sehen einige mit Missmut. Die grüne Bundesspitze habe da gezeigt, dass es mit der oft beteuerten Eigenständigkeit doch nicht so weit her sei, sagt ein Abgeordneter.

„Wir Grünen kämpfen eigenständig“

Über Steinbrück äußern sich viele verärgert. Ein Grüner sagt, der SPD-Kanzlerkandidat mache den Eindruck, er sei zu einem Tausend-Meter-Lauf angetreten mit dem Ehrgeiz, nicht Letzter zu werden. „Das funktioniert weder in der Politik noch im Sport.“ Alles, was der Kandidat sage, sei darauf ausgerichtet, dass seine Performance nicht noch schlechter werde; der Mut zu klaren inhaltlichen Positionierungen fehle. Die Grünen litten nun darunter, dass ihre Chancen auf eine Regierungsbeteiligung so stark mit denen der SPD verknüpft seien. „Wir haben uns einen Steinbrück ans Bein gebunden“, sagt einer.

Mit seinem Namen will zwar noch kaum ein Grüner zu solchen Einschätzungen stehen. Aber es gibt Einzelne, die ihrem Ärger über die SPD offen Luft machen. Der hessische Landtagsabgeordnete Daniel Mack zum Beispiel. Er ist enttäuscht darüber, wie die Kanzlerkandidatur Steinbrücks in den vergangenen Wochen und Monaten verlief. „Irritierende Äußerungen und die permanente Beschäftigung der SPD mit sich selbst hätte ich nicht erwartet“, sagt Mack. Als Kanzlerkandidat müsse man eine klare Alternative zur Kanzlerin bieten. „Und Merkel, das muss man sagen, wandert eben nicht von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen.“

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Quelle: wahlrecht.de
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