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Deutschland vor der Wahl : In der Studentenkneipe

  • -Aktualisiert am

Die Stimmung unter den Marburger Studenten ist gut. Bild: Frank Röth

Im linken Studentenmilieu von Marburg hat die AfD keine Chance. Zufrieden mit dem politischen System scheint aber trotzdem niemand – und dann gibt es da ja noch die Burschenschaftler. Aus der neuen FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“.

          Schummriges Licht, alte Stoffbänke, kleine Holztische und überall Sticker. Die Marburger Kneipe „Delirium mit Frazzkeller“ gehört zum Stadtbild wie das Schloss. Im Erdgeschoss befindet sich das „Deli“, wie die Einheimischen es nennen, der „Frazzkeller“ ist der Raucherbereich und mit einer Treppe nach unten zu erreichen. Eine typische Studentenkneipe in Marburg, unkonventionell, günstig und vor allem politisch links. Wände und Holzbalken der Kneipe und sogar die Toilettentüren sind mit Hunderten von Sprüchen und Aufklebern übersät. Zwischen nichtssagenden studentischen Anekdoten sind solche mit linken Parolen kaum zu übersehen. Darunter „Atomkraft Nein Danke“, „FCK AFD“, aber auch „NB – Nazis boxen“. Gewaltsame Ideologien unterstützt hier zwar keiner offen, links sind dafür alle.

          Geht es aber darum, welche Partei die Studenten bei der kommenden Bundestagswahl unterstützen sollen, machen die meisten ein ratloses Gesicht. „Ich würde ja Martin Schulz wählen, wenn er einhalten würde, was er verspricht. Aber er macht es eh nicht, von daher ist das Quatsch“, sagt der 27 Jahre alte Iskander, der sich, wie alle hier, nur mit seinem Vornamen vorstellt. Die Rockmusik im Hintergrund hat gerade noch eine Lautstärke, bei der man sich unterhalten kann. Iskander ist für die Anhebung des Mindestlohns und mehr Umweltschutz, wie er zwischen zwei Schlücken seines großen Radlers erklärt. Er studiert Politik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens, eine der vielen Geisteswissenschaften, für die die Universität Marburg bekannt ist. Sein Mitbewohner Rachid nickt. Er glaube, dass viele dieses Jahr einfach nicht wüssten, was sie wählen sollten. Die beiden sind zum Dartspielen in die Kneipe gekommen. Die Pfeile kann man sich kostenlos ausleihen. „Vielleicht wähle ich die Linke, weil sie noch nie Teil der Regierung war. Sie ändert ja vielleicht etwas, wenn sie an der Macht ist. Aber mal gucken“, sagt Iskander, bevor er zur Dartscheibe geht. Sie ist zwar belegt, aber Mitspielen ist natürlich kein Problem.

          Die AfD hat keine Chance

          Dann gesellt sich das SPD-Mitglied Stefan dazu und bestellt Apfelwein pur. Anders als gedacht, scheint auch er ziemlich unentschlossen zu sein. Er sei sich nicht sicher, ob er überhaupt zur Wahl gehen solle: „Nur weil man Mitglied in einer Partei ist, heißt es nicht, dass man diese auch wählen muss. Die Partei muss es sich auch verdienen, und das hat die SPD nicht getan.“ Aber dann würde man ja der AfD seine Stimme schenken, wendet Rachid ein. Alle stimmen zu – das möchte hier keiner.

          Für unsere FAZ.NET-Serie haben wir uns in der Republik umgehört – wie geht es den Menschen in der Uckermark, in Oberbayern oder in Düren? Klicken Sie auf die Karte, um zu erfahren, was die Deutschen vor der Bundestagswahl bewegt.

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          Grafik: F.A.Z. Multimedia




          Am Tisch gegenüber steht ein Blumenstrauß in einem Bierkrug mit Wasser. Katharina hat ihn bei ihrem Nebenjob geschenkt bekommen und möchte nicht, dass er verwelkt. Auf die AfD ist die Gruppe nicht gut zu sprechen. Die Partei sei zu Beginn massiv unterschätzt worden und jetzt „irgendwie“ außer Kontrolle geraten. „Ich habe inzwischen einfach nur Angst. Lieber wähle ich irgendetwas, als der AfD meine Stimme zu schenken“, sagt Katharina. Sie habe sogar schon überlegt, die Tierschutzpartei zu wählen. „Ich bin einfach nur noch frustriert, weil sich ja eh nichts ändert. Also ist es egal, wen man wählt“, sagt ihr Kumpel Max. Dass man überhaupt wählen gehe, stehe aber außer Frage, und: auf jeden Fall eine linke Partei. Ob man hier jemanden treffen könne, der sich offen für die AfD oder rechte Parteien ausspreche? „Offen hier im ,Deli‘ bestimmt nicht. Wenn du Burschis suchst, musst du woanders suchen.“

          Die sogenannten Burschis sind Mitglieder der vielen Marburger Burschenschaften. Beliebt sind sie unter den meisten der mehr als 26.500 Studenten der Stadt nicht. Das zeigen Demonstrationen von linken Vereinigungen der vergangenen Jahre. „Marburg ist links, da können die Burschis nichts gegen machen“, sagt ein weiterer Kommilitone.

          Die Linkspartei hat in der Stadt ihr stärkstes Ergebnis in Hessen bei den Kommunalwahlen 2016 geholt: 13,8 Prozent. Die Dartspieler haben inzwischen eine Runde Schnaps bestellt, pro Roter Korn ein Euro. Am Ende zahlt Stefan für drei Apfelwein und fünf Schnäpse nur 14 Euro, „Deli halt“, sagt er. In der Ecke neben der Theke bestellen sich drei Herren mittleren Alters derweil Sambuca. Man trifft hier eben nicht nur Studenten. Sie waren vor 30 Jahren bereits hier und sind gerne wiedergekommen. Es sei die lockere, ungezwungene Atmosphäre der ganzen Stadt – und eben auch der Kneipe. Selbst der SPD-Stammwähler Holger ist dieses Mal unsicher: „Die Parteien sind so nah aneinandergerückt, dass es schwieriger geworden ist.“ Dann betrachten die Männer verwundert ein Porträt von Jesus hinter ihnen und müssen lachen. Denn gleich daneben hängt ein Poster der Blues Brothers.

          Quelle: F.A.Z.

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