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Deutschland vor der Bundestagswahl Mehr Streusel, bitte!

 ·  Deutschland ist eine Insel. Der Häuptling ist eine Frau. Sie lässt die Menschen in Ruhe. Das mögen sie am liebsten.

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© dpa Vergrößern

Wer von oben auf Deutschland schauen würde, müsste das Land trotz seiner kontinentalen Lage für eine Insel halten. Eine schöne Insel, auf der zu leben es eine Freude ist, gelegen allerdings inmitten eines rauen Ozeans. Auf den Nachbarinseln geht es den Menschen nicht so gut, sie sind nämlich flacher als die Insel Deutschland. Die Wellen donnern an ihre Gefilde, manche dieser Inseln drohen sogar überspült zu werden. Die Bewohner der Insel Deutschland sehen das wohl oder lesen es in der Zeitung. Aber die anderen Inseln scheinen so weit weg zu sein, dass die Menschen auf der Sonneninsel nicht um ihr schönes Dasein fürchten.

Das ist gefährlich. Denn irgendwann könnte es auch mit dem friedlichen Leben auf der Insel Deutschland ein Ende haben. Niemand könnte dann sagen, es habe keine Zeichen, keine Warnungen gegeben. Vor zwölf Jahren war es auf einer großen Nachbarinsel im Westen zu einem schrecklichen Anschlag gekommen mit fast dreitausend Toten. Die Bewohner der Insel Deutschland fanden das schlimm. Dann passierte etwas Ähnliches auf Inseln im Südwesten und im Norden. Auch das fanden die Deutschen Insulaner schlimm. Sogar bei ihnen zuhause gab es Vorbereitungen für Anschläge. Sie wurden aber früh genug entdeckt und verhindert. Die Sache war schnell vergessen.

Einige Jahre später passierte schon wieder etwas Schreckliches auf der großen Insel im Westen. Eine Bank, die deutsche Insulaner namens Lehmann dort vor langer Zeit aufgebaut hatten, brach zusammen und vernichtete Milliardenvermögen. Viele Menschen verloren das Geld, mit dem sie im Alter hatten leben wollen. Andere Banken wurden angesteckt. Auch auf der Insel Deutschland kam es zu einem Banken-Crash.

Für einen kurzen Moment wurden die vom Glück verwöhnten Inselbewohner unruhig. Was würde mit ihrem Geld passieren? Die Unruhe wuchs, als eine südliche Nachbarinsel nach der anderen - es waren enge Nachbarn - in große wirtschaftliche Schwierigkeiten kamen. Deutsches Geld wurde bereitgestellt, um Abhilfe zu schaffen. Aber die Oberen auf der Insel Deutschland erzählten den Menschen, das Geld sei nicht verloren, man werde alles zurückbekommen, an den Zinsen sogar noch verdienen. Eine kleine Protestgruppe gründete sich und trommelte ein wenig gegen diesen Kurs. Sie verschwand schnell in der Bedeutungslosigkeit. Die deutschen Insulaner hatten die Angelegenheit bald aus ihrem Bewusstsein verdrängt. Die Sache würde schon gutgehen, dachten die meisten, während sich die unsichtbaren Milliardentürme immer höher in den Himmel schraubten.

Das Leben war zu schön

Auch andere Schreckensereignisse, Bürgerkriege und Blutbäder in erheblicher Zahl, berührten die Menschen auf der Insel Deutschland nicht wirklich. Dass man im Süden schon umringt war von einer ins Mark erschütterten Weltregion, wurde nicht als Problem erkannt.

Das Leben war zu schön auf der Insel Deutschland. Die Zeiten, in denen von 80 Bewohnern fünf keine Arbeit hatten, waren ja längst vorbei. Nur noch drei von achtzig waren in solch beklagenswerter Lage. Dass eine ganze Menge Menschen von ihrer Arbeit kaum leben konnten und heimlich von der Inselverwaltung noch etwas dazu bekommen mussten, wollte man nicht so recht sehen. Dass viele Kinder in Armut groß wurden und die Inselbehörden sie sogar ihren Eltern weg nahmen aus Angst, diese könnten nicht für sie sorgen, führte ebenfalls nicht zu einem Aufschrei.

Alle vier Jahre dürfen die Inselbewohner einen neuen Häuptling wählen. Deutschland ist eine moderne Insel. Seit acht Jahren ist der Häuptling eine Frau. Weil es kein Wort für einen weiblichen Häuptling gibt, nennt sie sich Bundeskanzlerin. Sie ist furchtbar gerne Häuptling, wie sie ihren Untertanen immer wieder sagt. In ein paar Wochen ist wieder so eine Wahl, und die Kanzlerin möchte unbedingt Häuptling bleiben.

Schon vorher werden die Inselbewohner ständig gefragt, was sie von ihr halten. Obwohl sie schon so lange regiert, sagen immer noch ganz viele der Befragten, dass sie sie gut finden. Sie sei sehr beliebt, sagt die Partei, zu der die Kanzlerin gehört. Damit die Menschen merken, was sie für einen tollen Häuptling haben, werden lauter Bilder der Kanzlerin verteilt und überall aufgehängt. Nur von ihr. Daneben steht, was sie alles für die Insel getan hat. Und dass ihr Mann sich beschwert, wenn sie zu wenig Streusel auf den Kuchen tut. Das ist die einzige Kritik, die die Kanzlerin an sich zulässt.

Angela Merkel ist nicht unbeliebt. Sie ist aber auch nicht über die Maßen beliebt. Die Menschen liegen ihr nicht zu Füßen, als wäre sie eine fränkische Baronesse. Sie sind auch nicht gespalten in Bewunderer und Feinde, wie es einst bei einem süddeutschen Stammesführer der Fall war. Sie sind schlicht zufrieden damit, dass im Häuptlingszelt jemand sitzt, der das macht, was die Mehrheit will und die Menschen ansonsten in Ruhe lässt. Noch mehr Streusel, bitte!

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18.08.2013, 12:02 Uhr

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