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Wahlkampf der Linken : Bitte keine Experimente

Schon lange keine Stalinistin mehr: Sarah Wagenknecht Bild: dpa

Im Kampf um den Bundestag schlägt die Linke biedere Töne an und setzt auf Bewährtes. Das Rezept scheint aufzugehen. Wäre da nicht ein Risikogebiet in der ehemaligen Hochburg der Partei.

          Die Zahl der alten Leute, die Flaschen aus den Mülltonnen sammeln, scheint in Deutschland schlagartig zugenommen zu haben. Zumindest tauchen sie in diesen Tagen in jeder Rede von Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch auf, den Frontleuten und Spitzenkandidaten der Linkspartei. Und auch im Wahlwerbespot wird im Mülleimer gewühlt. Dass die Flaschensammler in den großen deutschen Städten eher Obdachlose sind als arme Rentner – geschenkt. Schließlich geht es um eingängige Bilder und einfache Botschaften. Höhere Renten statt Flaschensammeln, Kita-Plätze statt teurer Waffen, Millionäre kräftig besteuern statt kleine Leute schröpfen. Und ein höherer Mindestlohn von zwölf Euro. Das ist alles nichts besonders Neues. Aber Originalität ist keine entscheidende Kategorie für Wahlkämpfe. Da geht es darum, ob ein Angebot auf Bedarf im Wahlvolk trifft. Die Linkspartei verhält sich in diesem Sinne marktkonform wie die beste konservative Wirtschaftspartei. In den Umfragen steht sie zwei Wochen vor der Wahl zwischen acht und zehn Prozent. Das ist immerhin so viel oder gar etwas mehr als vor vier Jahren, als sie 8,6 Prozent der Zweitstimmen bekam.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Wahlkampf waren eigentlich schlecht. Die Deutschen sind in ihrer übergroßen Mehrheit mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden, jedenfalls deutlich zufriedener als vor Jahren. Wenn die Massen nicht verelenden, hat es eine sozialistische Partei schwer, die auf Umverteilung setzt. Zumal die Partei den Reiz des Neuen längst verloren hat. Ihre alten Top-Wahlkämpfer Oskar Lafontaine und Gregor Gysi haben sich zurückgezogen. Und auch die Themen, die bei der Bundestagswahl 2009 zum bisher größten Erfolg mit 11,9 Prozent der Stimmen geführt hatten, sind längst keine Renner mehr. Der Streit um Hartz IV und die Agenda 2010 ist in der Versenkung verschwunden. Warum aber steht die Partei dennoch gut da?

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          Die Gysi-Lücke ist erfolgreich gefüllt worden

          Ein Grund sind die Spitzenkandidaten: Sie haben die Gysi-Lücke erfolgreich gefüllt. Sahra Wagenknecht kommt dabei der wichtigere Teil zu. Sie füllt, wie Gysi, Theatersäle in Ost und West. Die Leute wollen sie hören, selbst wenn sie keine Linken-Fans sind. Sie ist eine versierte Rednerin, kann unterhalten und versteht etwas von Zuspitzung und rhetorischer Attacke. Das hat sie auch im Bundestag gezeigt. Und sie ist telegen, seit Jahren Lieblingsgast in den politischen Talkshows. Ihrem kühlen Intellekt, der manche abstößt, will sie eine warme Note hinzufügen. Sie zeigt sich als begeisterte Radfahrerin und Naturfreundin. Und sie spricht in Interviews von Liebe, Glück und der Zweisamkeit mit ihrem Ehemann Oskar Lafontaine, von einem Zuhause, das wichtiger sei als jeder politische Erfolg. Sahra, der Büchermensch, die unnahbare Fachfrau für Wirtschafts- und Finanzfragen, kann plötzlich über Gefühle reden. Dafür hat sie einen weiten Weg zurückgelegt. Von der Stalinistin, die zur Kommunistischen Plattform der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) gehörte und die nach der Wende sogar die Mauer rechtfertigte, ist wenig übrig geblieben. Ein bisschen linke Folklore muss freilich sein, wenn sie weiter Amerika zum Hort des Bösen macht, für russische Aggressionen jedoch sehr viel Verständnis aufbringt.

          Wagenknecht allein ist allerdings für alle Wähler der Linken kein ausreichendes Angebot. Bartsch muss den Rest der Gysi-Lücke füllen. Er kann im Osten die alten PDS-Wähler ansprechen, die schon immer, anders als Wagenknecht, fürs Regieren und für eine pragmatische Politik waren. Bartsch ist auch bei Wählern, die der SPD nahestehen, wohlgelitten – anders als Wagenknecht, für die viele Jahre lang die Sozialdemokratie der Hauptfeind war.

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