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Bundestagswahl : Wo die Nichtwähler wohnen

„Das ist hier Brennpunkt“: der Düsseldorfer Stadtteil Garath Bild: Stefan Finger

Jede Großstadt hat einen Bezirk, in dem besonders wenig Menschen zur Wahl gehen – auch Düsseldorf. Was fehlt den Menschen dort?

          Wenn es dunkel wird, fängt der Krach an. Erst sind es nur laute Gespräche, dann beginnen die Gesänge, das Gegröle und das Klirren von Glasflaschen. Eine Gruppe von jungen Männern trifft sich häufig am Wochenende auf der Düsseldorfer Bürgerwiese zwischen den Mehrfamilienhäusern. Eine Anwohnerin, die nur ihren Vornamen Marion nennen will, ärgert sich darüber jedes Mal. Ihre beiden Kinder können manchmal nicht schlafen, so laut ist es. Die Männer, die feiern, kämen vor allem aus dem „Ostblock“, ist die Frau überzeugt. Auch die Nachbarn grollen. „Kann nicht sein“, schimpft ein Nachbar.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Warum tun Polizei und Ordnungsamt nichts? Das fragt sich Marion auch. Sie hat sogar mal überlegt, wegzuziehen, in einen Stadtteil, in dem die Schulen besser sind. Aber ihr fehlte das Geld. Dann hat sie überlegt, die Polizei zu rufen, aber sie wolle nicht die „Anklägerin“ sein und Ärger bekommen. Auch die anderen Nachbarn haben innerhalb eines Jahres nur ein Mal die Polizei und zwei Mal das Ordnungsamt gerufen.

          „Was sollen die schon machen?“, fragt Marion. Im Stadtteil, in dem sie seit zehn Jahren lebt, tue sich generell nichts. „Garath ist eben Problemviertel – damit muss man leben.“ Viele hier reden so. Sie glauben nicht, dass die Polizei ihnen im Alltag helfen kann, aber auch von der Politik fühlen sie sich vergessen. Ob über das lokale Ordnungsamt gesprochen wird oder die große Politik, die Verbitterung ist in allen Bereichen groß. Fast 60 Prozent blieben bei der Landtagswahl im Mai zu Hause, jeder zweite vor vier Jahren bei der Bundestagswahl. In Ostdeutschland, in Gegenden wie dem Harz, sind solche Zahlen keine Ausnahme. In einer Stadt wie Düsseldorf hingegen erwarten viele eine hohe Wahlbeteiligung – dabei sind die Zustände in ärmeren Stadtteilen wie Garath ein Paradebeispiel für Politikverdrossenheit.

          Uwe Sandt leitet seit vier Jahren die Bezirksverwaltungsstelle im Stadtteil Garath. Er redet mit vielen Leuten, er grüßt auf der Straße, klopft auf Schultern. Wenn man so will, ist er der Statthalter der Düsseldorfer Verwaltung im tiefen Süden. Von den Problemen im Park hat er erst nach einiger Zeit erfahren. „Wenn sowas in Oberkassel passieren würde, gäbe es jedes Mal binnen Minuten neunzig Beschwerden“, sagt Sandt. Wenn er die zuständigen Behördenleiter aber auf die Probleme in seinem Stadtteil anspricht, stutzen die. Es gibt keine Beschwerden. „Manche hier haben abgeschlossen, die nehmen nicht am öffentlichen Leben teil“, sagt Sandt.

          Garath ist kein einfacher Stadtbezirk. Hier leben besonders viele Hartz IV-Bezieher, besonders viele Kinder, besonders viele Alleinerziehende und besonders viele Migranten. Als man den Stadtteil in den fünfziger Jahren plante, herrschte Wohnungsnot. Große Architekten wurden engagiert, um die Stadt der Zukunft am Reißbrett zu entwerfen: In der Mitte verlaufen eine S-Bahn-Trasse und die Autobahn. Die Anbindung ist gut, in 15 Minuten ist man am Düsseldorfer, in 35 am Kölner Hauptbahnhof. Im Zentrum gibt es Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, eine Hand voll Restaurants und Kneipen. Vier Quartiere schließen sich wie Kleeblätter an, in denen jeweils Schulen, Kindergärten und Kirchen sind. Weil man schon damals für unterschiedliche Zielgruppen baute, stehen im Westen vor allem Reihenhäuser und nur wenige Wohntürme, hier ist es ruhig und grün. Im Osten sind große Mehrfamilienhäuser, ein paar Hochhäuser. Hier sollten diejenigen leben, die weniger Geld haben.

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