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Bundestagswahl : Russland rechnet mit Merkel

Da weiß man, was man hat: Der russischen Präsident Putin wird von Kanzlerin Merkel beim G20-Gipfel in Hamburg begrüßt. Bild: AFP

In Moskau wird über die Bundestagswahl in viel milderem Ton gesprochen, als über die Präsidentenwahlen in Amerika und Frankreich. Man will Berlin schließlich wieder als Partner gewinnen.

          Der Blick ins russische Fernsehen ist so trügerisch wie aufschlussreich – weil die Zahl der Mythen und Märchen über ein Thema die Aufmerksamkeit des Kremls veranschaulicht. Der Bundestagswahl widmen die Sender deutlich weniger und nüchternere Berichte als dem französischen Wahlkampf im Frühjahr, dem Brexit oder der amerikanischen Präsidentenwahl im vorigen Jahr. Wer sich dieser Tage in Moskau mit Leuten aus dem politischen Betrieb über den deutschen Wahlkampf unterhält, der hört oft das Wort „langweilig“ – aber als Kompliment: Deutschland erscheint gegenüber seinen westlichen Partnern als Hort der Stabilität.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das hat das Gewicht des Landes, das aus Moskauer Sicht traditionell beträchtlich ist, noch vergrößert, auch das seiner Politiker, allen voran von Angela Merkel. Mit der Kanzlerin wird es Präsident Wladimir Putin, so der Eindruck in Moskau, voraussichtlich weiter zu tun haben; doch selbst wenn eine wundersame Fügung das verhinderte, dürfte sich demnach für Russland wenig ändern. Weil auch die SPD nicht aus lauter Gerhard Schröders besteht.

          Der frühere Bundeskanzler, der kurz nach dem Ausscheiden aus dem Amt zu Moskaus Gasvertreter wurde, ist wie Merkel einer der wenigen lebenden deutschen Politiker, die in Russland einer größeren Öffentlichkeit bekannt sind. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zählt als langjähriger Außenminister auch dazu. Danach wird es schnell dünn, was nicht heißt, dass einzelne Politiker es nicht in das Staatsfernsehen und den Kreml schaffen würden, wenn das opportun ist. Was aber die Nähe zum russischen Machtapparat anbelangt, übertrifft Schröder sie alle.

          Vor kurzem wurde bekannt, dass er in den Verwaltungsrat des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Rosneft einziehen soll. Wie es nach Kritik in Deutschland hieß, sogar als Vorsitzender. In der Theorie könnte Schröder dann den Rosneft-Vorstandsvorsitzenden kontrollieren: Igor Setschin, der von Putins Kofferträger in Petersburger Jahren zum wohl mächtigsten Mann nach dem Präsidenten aufstieg und Rosneft zu einem Instrument des Kremls formte. Die offizielle Linie zur Personalie Schröder kleidet Andrej Klimow, der stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Oberhaus, in die Worte: „Das ist keine politische Entscheidung, sondern eine kommerzielle Entscheidung von Rosneft.“ Schröder, sagt Klimow, habe eben lange Erfahrung in der russischen Wirtschaft. Der Senator von der Machtpartei „Einiges Russland“ berichtet, er habe mehrmals mit Schröder gesprochen und den Eindruck eines angenehmen, vernünftigen Mannes gewonnen.

          Große Kritik am Engagement des Altkanzlers

          Auch bei Putin hinterließ Schröder beste Eindrücke. Der Präsident erzählte im April 2015 sogar im Fernsehen eine Anekdote dazu. Demnach war er mit Schröder in einer Banja, dem russischen Dampfbad. Die sei in Brand geraten. Putin: „Gerhard, wir brennen.“ Schröder: „Ich trinke erst mein Bier aus, dann gehen wir.“ So sei es gekommen.

          Putin lobte Schröder als „Mann mit Ausdauer“. Entsprechend wird der neue Posten Schröders in Moskau vor allem so gesehen: Damit werde die Freundschaft zu Putin honoriert. Niemand glaubt, dass Schröder auf seinem neuen Posten zum Beispiel prüft, ob die Übernahme eines Rosneft-Konkurrenten lupenrein war.

          Oder wo die mit Milliarden Dollar im Voraus bezahlten Öllieferungen aus dem klammen, aber befreundeten Venezuela bleiben. Wladimir Ryschkow, ein liberaler Politiker aus der bedrängten Opposition und früherer Abgeordneter im Unterhaus, vergleicht Schröders Engagement mit dem Einkauf eines Fußballstars: Für den Kreml sei es wichtig, zu zeigen, „dass auch westliche Politiker korrumpierbar sind“, als Retourkutsche auf entsprechende Vorwürfe gegen russische Entscheider. Aber wen man kauft, den achtet man nicht. Er jedenfalls, sagt Ryschkow, bemerke bei Machtvertretern „keinerlei Respekt vor Schröder“.

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