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Wie wählt der Wähler? : Am Ende ist alles reine Taktik

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Welche Stimme geben die Wähler am Sonntag wem – und welche taktischen Überlegungen spielen dabei eine Rolle? Bild: dpa

Das Ergebnis der Bundestagswahl könnte anders aussehen als erwartet – weil viele Wähler auf den letzten Metern taktisch wählen. Welche Koalition sie sich wünschen und für wahrscheinlich halten, könnte den Ausschlag geben. Ein Gastbeitrag.

          In der jüngeren Vergangenheit hat es eine Reihe von Wahlkämpfen und Wahlen gegeben, die am Ende zu einem überraschenden, weil unerwarteten Ergebnis geführt haben. Die Dynamik, die es dabei auf den letzten Metern gegeben hat, lässt sich durchweg mit einem ganz bestimmten Bündel von Faktoren in Verbindung bringen: Koalitionen in Kombination mit Demoskopie.

          Beispiele gefällig? Die Bundestagswahl 2013 und das historische Ausscheiden der Liberalen aus dem Parlament. Ein Resultat von Koalitionserwägungen? Durchaus. Umfragen im Vorfeld hatten damals vermuten lassen, dass es die FDP aus eigener Kraft über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen würde. An Unionswähler mit einer Präferenz für eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition haben diese Zahlen ein klares Signal gesendet, dass keine koalitionstaktische Leihstimme nötig sei. Am Ende rutschen die Werte der FDP unter fünf Prozent und die Liberalen aus dem Bundestag – ein (negativer) Koalitionseffekt.

          Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz 2016. Für eine Fortsetzung der grün-roten beziehungsweise der rot-grünen Landesregierung sah es – ausweislich demoskopischer Umfragen – vor den Wahlen schlecht aus. Und was passiert? Die Anhänger des jeweils kleineren Koalitionspartners laufen über zum größeren Partner und ihren jeweiligen Galionsfiguren: Winfried Kretschmann in Stuttgart, Malu Dreyer in Mainz. Wenigstens diese sollen im Amt gestützt werden, wenn es schon für die Koalition eher düster aussieht. Auch eine Art von Koalitionseffekt.

          Überall Koalitionseffekte

          Saarland 2017. Der „Schulz-Zug“ rast durchs Land. Ein rot-rotes-Bündnis an der Saar scheint möglich – ist aber von vielen Menschen im Saarland nicht gewollt, auch nicht in Teilen der SPD. Was passiert? Bei den Anhängern der großen Koalition kommt es zu einem Austausch weg von der SPD hin zur CDU. Ein Koalitionseffekt.

          Überall also Koalitionseffekte, wenn auch sehr verschiedener Art. Klar aber ist: Koalitionsüberlegungen können auf den letzten Metern einer Wahl für eine heftige Dynamik sorgen. Daran ändert auch – überraschenderweise – die Tatsache nichts, dass solche Überlegungen in jüngerer Zeit extrem komplex geworden sind. Immerhin müssen sich die Wähler heutzutage zu Koalitionsoptionen überhaupt erst einmal eine Meinung bilden, von denen sie lange nicht einmal ahnten. Auf der Ebene der 16 deutschen Bundesländer gibt es inzwischen 13 verschiedene Regierungsmodelle. Ampel, Jamaika, R2G, Schwarz-Rot-Grün – alles dabei. Seit kurzem gibt es sogar wieder eine „einfache“ schwarz-gelbe Koalition, nämlich in Nordrhein-Westfalen. All das will in einem ersten Schritt vom geneigten Wähler eingeschätzt und bewertet werden.

          Wer will mit wem?

          Wenn dieser erste Schritt getan ist, folgt sogleich der zweite: Mag ja sein, dass der Wähler bestimmte Koalitionen gut oder schlecht findet. Wie die Parteien bestimmte Koalitionen finden und welche Koalitionssignale sie aussenden, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Zwar sind die Zeiten der „Ausschließeritis“ vorbei (alle wollen möglichst viel von ihrem eigenen Programm umsetzen und analysieren, mit wem das am besten geht), aber dennoch scheinen manche Koalitionen für die Parteien viel erstrebenswerter als andere. Das heißt: Selbst wenn es Wähler gibt, die ein Jamaika-Bündnis gut finden, ist noch lange nicht klar, ob FDP und Grüne oder auch CSU und Grüne am Ende wirklich zusammenkommen. Genau diese andere Seite muss ein Wähler aber eigentlich mit bedenken, wenn er eine Wahlentscheidung im Lichte von Koalitionsüberlegungen treffen will.

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