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Kommentar : Angreifen, Martin Schulz!

Attacke? Martin Schulz (SPD) Bild: AFP

Martin Schulz müsste Angela Merkel angreifen, unerbittlich sein, den Wählern seine Botschaft eintrichtern, bis sie ihnen aus den Ohren herauskommt. Stattdessen bettelt er um ein zweites TV-Duell. Attacke geht anders.

          Anderthalb Wochen vor der Bundestagswahl und in den Umfragen weit zurück – was könnte ein Kanzlerkandidat da machen? Er könnte einen letzten Angriff starten, selbst wenn es einer aus Verzweiflung ist. Er könnte aufhören, über die großen Linien in der Außenpolitik zu reden, in der es kaum Dissens gibt, und endlich ein kontroverses Thema besetzen, das die Wähler in ihrem Alltag berührt und das vom Gegner ausgespart wird. Er könnte den Wählern seine Botschaft so eintrichtern, dass sie ihnen am Ende vielleicht aus den Ohren herauskommt, sie aber endlich das Gefühl bekommen: Dieser Kandidat mag keine Chance mehr haben, aber immerhin hat er ein Thema.

          All das könnte Martin Schulz tun, aber was macht er? Er greift kurz vor dem Wahltag noch mal so richtig an und schreibt einen freundlich formulierten Brief an die Kanzlerin, in dem er ein zweites TV-Duell fordert – und freut sich über seinen „Coup“ wie ein Schneekönig. Das macht die ganze Tragik dieses SPD-Wahlkampfs deutlich: Ihr Kandidat gibt sich alle Mühe, er beißt tapfer die Zähne zusammen und bleibt stets formvollendet – nur ein Kampf ist das Ganze nicht, und erst recht keine Attacke.

          Natürlich hat Martin Schulz recht damit, dass wichtige Punkte, die die Bürger bewegen, im ersten TV-Duell nicht angesprochen wurden und dringend einer Klärung bedürften. Und natürlich kann man ihm nicht vorwerfen, dass er, auch in einer scheinbar ausweglosen Situation, nicht klein beigeben und Kampfgeist demonstrieren will.

          Aber warum steht er dann nicht auf und macht die angespannte Wohnsituation in den Städten zum Thema, die immer höheren Mieten, die Entvölkerung mancher Innenstädte, in denen sich viele schon jetzt keine bezahlbare Wohnung mehr leisten können? Warum spricht er nicht viel deutlicher über den Pflegenotstand, die Ganztagsbetreuung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Wieso greift er die Kanzlerin nicht unerbittlich an einer ihrer schwächsten Flanken an – der Rente mit 70, über die ihr Finanzminister immer wieder laut nachdenkt und die für viele SPD-Anhänger ein so rotes Tuch ist, dass es sich trefflich mit ihm mobilisieren ließe?

          Im ersten TV-Duell, dessen Einmütigkeit zum Einschläfern war, hat Schulz sich bei Merkel für seinen einzigen wirklichen Angriff im Wahlkampf entschuldigt – seine Aussage, dass sie mit einer Verweigerung von Zukunftsdebatten einen „Anschlag auf die Demokratie“ verübe. Und jetzt bettelt er bei ebenjener Kanzlerin um ein zweites Duell, das sie von Anfang an ohnehin kategorisch ausgeschlossen hat?

          Mit dieser Unterwürfigkeit holt Martin Schulz im Endspurt keine Punkte. Sondern verstärkt nur noch den Eindruck, den er in diesem Wahlkampf auf viele macht: den der Hilflosigkeit.

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