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Die Kanzlerin im Gespräch : Wir brauchen Mut

„Neugier ohne Sorge ist tollkühn“: Merkel im Gespräch mit der F.A.S. im Kanzleramt. Bild: Frank Röth

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel über den Kampf gegen Hass und Feigheit. Sie beschreibt, wie wichtig dabei Sprache ist. Und was Europa gewinnen kann.

          Was denken Sie über Menschen, Frau Bundeskanzlerin?

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich freue mich, dass Menschen so unterschiedlich sind. Das ist im Grunde eine meiner Triebkräfte: Neugier auf Menschen. In der DDR mit meiner Arbeit in der theoretischen physikalischen Chemie habe ich nur sehr wenige Menschen getroffen. Eigentlich nur in der Freizeit, sonst nur die Kollegen. Den wesentlichen Teil des Tages habe ich damals schweigend und denkend verbracht. Als dann die Mauer fiel und ich zum Demokratischen Aufbruch ging, merkte ich, wie gerne ich mit anderen Menschen spreche. Damals dachte ich, dass es ja sein könnte, dass man als Politiker irgendwann nicht mehr neugierig ist. Doch wenn ich meinen Terminplan gut einhalte, dann ist es einfach wunderbar, wie viele Menschen ich kennenlernen kann, in wie vielen verschiedenen Situationen; ganz normale Menschen wie auch solche, die von vielen bewundert werden.

          Hat sich Ihr Bild von Menschen durch Ihr Amt verändert? Haben Sie Einsichten gewonnen, die man nicht haben kann, wenn man nicht Bundeskanzler ist?

          Das weiß ich nicht. Es gibt ja auch andere Berufe, Journalist und Pfarrer zum Beispiel, in denen man sehr viele Menschen kennenlernen kann. Ich bin in einem Pfarrhaushalt aufgewachsen. Meine Eltern hatten dort immer viele Menschen zu Gast.

          In der Politik lernt man die Menschen nicht nur von ihren guten Seiten kennen.

          Ja, man lernt immer wieder Menschen mit ihren Schwächen kennen. Jeder von uns hat ja Schwächen. Ich versuche, in jedem Menschen zunächst einmal das Gute zu sehen. Gar nicht mag ich, wenn Menschen sich nicht trauen, einem etwas ins Gesicht zu sagen, sondern hintenherum reden. Das kommt in der Politik vor, aber sicher nicht nur dort. Und ich weiß: Mut könnte in der Menschheit noch ausgeprägter sein – nicht Übermut oder Hasardeurstum, das haben wir reichlich. Ich meine den Mut eines Menschen, der vorher die Dinge bis zum Ende durchdacht hat und sie dann auch durchhält.

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          Also ist Mut auch eine demokratische Tugend?

          Ja. Mut, jemandem etwas direkt zu sagen. Mut, für etwas lange zu kämpfen. Denken wir mal an die Geschichte der deutschen Einheit: Wenn ich jetzt zum Beispiel so höre, die russische Annexion der Krim müsse man einfach akzeptieren, dann überlege ich: Was wäre denn passiert, wenn man damals so mit uns in der DDR umgegangen wäre, nach dem Motto, ist ja klar, dass Deutschland geteilt bleibt, daran wird sich nichts mehr ändern? Ich finde es mutig, dass es damals Menschen gab, die bereit waren, ein ganzes Leben an etwas festzuhalten; die Teilung Deutschlands hat dann ja zum Glück kein Menschenleben gedauert. Solchen Mut betrachte ich als große Tugend.

          Müssen Menschen ermutigt werden, oder schaffen die das aus sich selber raus?

          Ich denke, in der Politik sind wir in gewisser Weise im Guten wie im Schlechten beispielgebend. Ich will gar nicht von Vorbild reden. Aber jeder Mensch wird von anderen geprägt, von seinen Eltern, Freunden, Bekannten, von Vorbildern oder Idolen. Sie alle wirken daran mit, wie sich das, was in einem steckt, entwickeln kann. Es ist also wichtig, Ermutigung zu bekommen. Je mehr, desto besser. Auch in einer Demokratie brauchen wir Zivilcourage, also Mut.

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