22.09.2002 · Grün gewinnt - und Gelb ist gefallen. Die kleinen Parteien haben bei dieser Wahl für die eigentliche Überraschung gesorgt. Ein Kommentar.
Von Thea BrachtSo ein Schlussspurt war selten. Die Wahl war gelaufen - und doch stundenlang nicht entschieden. Auf Grund der Pattsituation zwischen den großen Parteien hat letztlich das Ergebnis der beiden kleineren die Wahl entschieden. Obwohl die Unionsparteien am Deutlichsten zugelegt haben, sind die eigentlichen Wahlsieger die Grünen. Nur weil sie auf Bundesebene das beste Ergebnis ihrer Geschichte einfuhren, kann Rot-Grün weiterregieren. Dagegen haben die Liberalen allen Grund, über sich und ihre Zukunft nachzudenken.
Wäre doch endlich der 22. September, hat Bundesaußenminister Joschka Fischer vor wenigen Tagen geseufzt - und damit vielen Wählern aus dem Herzen gesprochen. Obwohl alle Parteien lauthals den Richtungswahlkampf ausriefen, haben die Bürger am Ende zwischen Union und SPD kaum unterscheiden können. Gründe, den amtierenden Kanzler abzuwählen, hatten sie genug. Das hätten sie wahrscheinlich auch gern und deutlich getan, wenn der Herausforderer sie überzeugt hätte. So richtig scheint Edmund Stoiber dies nicht gelungen zu sein. Trotz zweier TV-Duelle war der Kampf der Giganten eine eher langweilige Schau.
Chance für die Kleinen
Das war eine Chance für die kleinen Parteien. Selbstbewusst pries sich die FDP als Alternative an, legte sich bewusst auf keinen Koalitionspartner fest, dafür aber großspurig auf die Zahl 18. Sogar einen eigenen Kanzlerkandidaten stellte man auf. Vielleicht hätte dies sogar zu einem beachtlichen Ergebnis geführt, wenn da nicht die Möllemann-Affäre und Westerwelles Zick-Zack-Kurs gewesen wären.
Immer lauter wurden die Stimmen, die riefen, die Liberalen seien nunmehr unwählbar. Selbst wer die politischen Konzepte für richtig hielt, sagte nun Nein zu den Köpfen. Dass die Liberalen gar weniger als acht Prozent der Stimmen erzielt haben, werden sie so schnell nicht verschmerzen. Der Spaß ist vorbei. Wollen sie wieder eine ernst zu nehmende Partei auf Bundesebene werden, stehen ihnen - zumindest in personeller Hinsicht - schwierige Entscheidungen bevor. Den ersten, längst überfälligen Schritt haben sie getan: Jürgen W. Möllemann soll sein Amt als stellvertetender Parteivorsitzender niederlegen. Ob Guido Westerwelle wohl Parteichef bleibt?
Im Vergleich zur FDP bescheiden
Während die FDP von der Schwäche der Großen nicht profitieren konnte, haben die Grünen ihr Potenzial voll ausschöpfen können. Statt einen Kanzlerkandidaten stellten sie „nur“ einen Spitzenkandidaten auf. Statt für 18 Prozent warben sie für acht Prozent. Das wirkte vergleichsweise bescheiden und brachte Wählersympathien. Profitiert haben die Grünen aber auch von der Irak-Krise - vermutlich sogar mehr als die SPD. Denn der Außenminister sagte zwar deutlich Nein zu einem US-Angriff, agierte jedoch viel zurückhaltender als der Kanzler und wirkte umso glaubwürdiger.
Geholfen hat den Grünen zudem, dass sich Politiker wie Herta Däubler-Gmelin auf den letzten Metern vergaloppierten. Mancher, der zwischen Rot und Grün schwankte, hat vermutlich spontan dem Bündnis seine Zweitstimme gegeben. Vor einigen Wochen noch, als die Bonusmeilen in den Umfragen Punkte kosteten, hätte niemand ein solches Ergebnis erwartet. Am Allerwenigsten wohl Joschka Fischer selbst, der trotzdem unermüdlich durch die Republik reiste und kämpfte. Der beliebteste deutsche Politiker hat es verstanden, Inhalte und Person im Wahlkampf geschickt zu verbinden. Für die Grünen war die Spitzenkandidatur ein Novum. Fischer hat das Beste daraus gemacht - und damit zugleich den Bundeskanzler gerettet.