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Bundestagswahl Hybris ist die größte Gefahr

02.09.2005 ·  Kommt alles auf den guten Eindruck an? Wird am Sonntag die Wahl entschieden? Oder spielt das „Duell“ überhaupt keine Rolle? Vor dem Fernseh-Streitgespräch zwischen Schröder und Merkel.

Von Günter Bannas
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Ein einziges Streitgespräch im Fernsehen - quotensteigernd gerne „Duell“ genannt - habe in der Bundesrepublik einmal eine Wahl entschieden, glauben die Fachleute, die in dem Gewerbe der Politikberatung und auch in den Stabsstellen der Parteien tätig sind.

Das sei jenes im Februar während des Wahlkampfes in Schleswig-Holstein gewesen, das zwischen der damaligen Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) und dem CDU-Spitzenkandidaten Carstensen. Frau Simonis, erklärte man sich später auch in der Berliner SPD-Zentrale den Ausgang der Wahl, habe den Herausforderer nicht ernst genug genommen. Sie habe einen müden, beinahe amtsmüden Eindruck gemacht.

Sie habe sich zu sehr auf Umfragen verlassen, sie sei angesehener und beliebter, und weil auch die rot-grüne Koalition in Kiel in den Prognosen vorne lag, habe sie wohl geglaubt, die Wahl sei zu ihren Gunsten entschieden. Es kam anders. Ob es wirklich am „TV-Duell“ lag?

Den Umschwung von den Meinungsumfragen zum Endergebnis erklären sich die Fachleute jedenfalls mit dem Fernsehauftritt der beiden. Die Lehre lautet, nur wenn einer der beiden Wettbewerber einen ganz und gar schlechten Eindruck hinterlasse und wenn überdies die Wahl überaus knapp ausgehe, könne eine Fernsehdebatte sich auf die Mehrheit auswirken.

Die These schien sich beim Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen zu bestätigen. Dem Fernseh-Streitgespräch zwischen Ministerpräsident Steinbrück (SPD) und Herausforderer Rüttgers (CDU) wurde nicht nachgesagt, es habe die Wahl entschieden.

Diesmal vier Fragesteller

Am Sonntag werden nun Bundeskanzler Schröder und die Kanzlerkandidatin Angela Merkel zu einem „Duell“ antreten, zu dessen Besonderheiten es gehört, daß die Zahl der Fragesteller größer ist als die der Antwortgeber. Das lag daran, daß es - anders als vor drei Jahren - in diesem Wahlkampf nur einen Auftritt der beiden Kanzlerkandidaten geben wird.

2003 hatten sich Schröder und der damalige Unions-Kanzlerkandidat Stoiber auf zwei Auftritte dieser Art verständigt, die auf die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten und auf zwei Privatsender verteilt wurden. Nun gibt es vier Fragesteller. Die Berater Frau Merkels hatten die Begründung gefunden, wegen der Wahlkampftermine fehle die Zeit für eine zweite Runde. Schröder hätte sie gerne gehabt.

Doch mag sich der Wahlkampfstab der Union an Analysen erinnert haben, Stoiber habe vor drei Jahren in der ersten Runde gegen den „Medienkanzler“ einen Überraschungseffekt zu nutzen verstanden und gut abgeschnitten. In der zweiten Runde vor der Wahl habe Schröder obsiegt. Insofern hält man im Koalitionslager die Taktik der Union für logisch.

Nachbereitung ebenso wichtig wie Duell

Nun werden sie doch noch einmal im Fernsehen aufeinandertreffen - in einer Runde, an der auch Spitzenkandidaten anderer Parteien teilnehmen. Schröder „vertritt“ den ursprünglich benannten SPD-Vorsitzenden Müntefering, der an einer Trauerfeier für den verstorbenen Sozialdemokraten Peter Glotz teilnimmt. Überdies kommt es im Bundestag zu einer Aussprache. Am Mittwoch kommender Woche gibt Schröder eine Regierungserklärung ab. Anschließend gibt es eine drei Stunden lange Debatte.

Das Medienspektakel am Sonntag wird wieder von Bewertungen und Analysen von Beratern und Freunden der beiden Kandidaten, von Politikwissenschaftlern und anderen „Beobachtern“ begleitet werden. Die halten sich nicht im Studio auf, sondern in einem benachbarten Saal, in dem eine größere Schar von Neugierigen die Sendung anschaut.

Dann werden sie den Journalisten sagen, welche Leistungen und/oder Fehlleistungen die beiden Diskutanten soeben erbracht hätten, damit das noch am Abend im Fernsehen oder später dann in der Zeitung seinen Niederschlag finden werde. Die „Nachbereitung“ des „TV-Duells“ gilt als beinahe ebenso wichtig wie die Fernsehsendung selbst. Doch fällt in diesem Wahlkampf auf, daß die Wahlkampfmanager und Berater der beiden Kandidaten weniger öffentlich in Erscheinung treten als vor drei Jahren.

Abstand beträgt 10 Prozentpunkte

Womöglich wird es für Schröder mit Frau Merkel schwieriger als vor drei Jahren mit Stoiber. Schröder dürfe nicht als „Macho“ auftreten, wurde ein Medienforscher zitiert. Schröder, versicherte dessen Sprecher, werde Frau Merkel nicht anders als andere Kontrahenten behandeln. Frau Merkel könne in dem „Duell“ nur gewinnen, fürchten manche Berater Schröders, die seit einiger Zeit zudem den Eindruck haben, die „Medien“ interessierten sich nicht mehr für „Inhalte“ der Politik, sondern nur noch für Koalitions- und Bündnisfragen.

Zu den Umständen des Streitgesprächs gehören auch die Daten aus den Umfragen zum Ausgang der Bundestagswahl. In vergleichbarer Zeit damals befand sich die SPD gerade im demoskopischen Aufwind; der Abstand zur Union wurde gering. Dieses Mal beträgt er etwa zehn Prozentpunkte. Nun gab es Prognosen vom Institut Infratest/dimap, fast zwei Drittel der Befragten glaubten, Schröder werde besser als Frau Merkel abschneiden; 28 Prozent sagten das Umgekehrte.

Wiederum meinten 75 Prozent, die Fernsehsendung werde keinen nennenswerten Einfluß auf ihr Wahlverhalten haben; 23 Prozent hielten sie für wichtig, und unter den Unentschlossenen sagten das 34 Prozent. Bekannt wurde auch, die Rednerpulte, an denen Schröder und Stoiber 2002 im Fernsehen diskutierten, lägen nun verpackt im Haus der Geschichte in Bonn.

Quelle: F.A.Z., 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 1
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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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