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Veröffentlicht: 19.03.2017, 20:11 Uhr

Deutschland vor der Wahl (2) Das Weltbild der Schützen

Im Schützenverein im hessischen Seulberg werden nicht nur die Waffen, sondern auch Werte und Traditionen in Ehren gehalten. Doch wie steht es um die politischen Ansichten? Aus der neuen FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“.

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© Marcus Kaufhold FridayNight-Shooting der Schützengesellschaft in Seulberg: zwischen Mettwurst, Waffen und Politik

Die Schützengesellschaft in Seulberg hat zum FridayNight-Shooting geladen. Laut Ankündigung ist das ein Turnier der etwas anderen Art. Mit Discoatmosphäre. Draußen am Vereinshaus leuchtet der Vereinsname, die Jahreszahl 1524. Das Schießen hat hier im Vordertaunus, kurz vor den Toren Frankfurts, eine lange Tradition.

Philip Eppelsheim Folgen:

Im Infokasten am Eingang heißt es: „Die eigenartige Verquickung der Schützengesellschaft mit der politischen Verwaltung hat sich in modernisierter Form erhalten.“ Noch heute ist der Bürgermeister „kraft Amtes“ auch der 2. Schützenmeister. Er ist ein Grüner.


Deutschland vor der Bundestagswahl – was bewegt die Menschen im Land?

© Greser&Lenz

    In unserer Serie machen wir uns in der Republik auf die Suche – von Hamburg bis Berchtesgaden, von Flüchtlingskrise bis Rentenpolitik.

    (1) In der Plattenbausiedlung

    Im Osten Deutschlands fühlen sich die Menschen im Stich gelassen. Die Plattenbauten zeugen von geplatzten Träumen und tiefer Enttäuschung. Wird hier die AfD das Sprachrohr der Leute? Start der neuen FAZ.NET-Serie „Deutschland vor der Wahl“. Zum Artikel

    (2) Im Schützenhaus

    Im Schützenverein Seulberg werden nicht nur die Waffen, sondern auch Werte und Traditionen in Ehren gehalten. Doch wie sieht es mit dem politischen Weltbild aus? Zum Artikel

    (3) Auf Auswärtsfahrt

    Alle zwei Wochen trifft sich der harte Kern der Fans des SV Darmstadt. Bisher blieb die Politik in ihren Gesprächen draußen. Gedanken machen sie sich trotzdem. Zum Artikel

    (4) In der After-Work-Bar

    Wie fühlen sich die Deutschen vor der Bundestagswahl im Herbst? Zukunftsangst oder vorsichtiger Optimismus? Ein Besuch in einer After-Work-Bar in Frankfurt. Zum Artikel

    (5) Der Gottesdienst

    Im sächsischen Delitzsch wollen die Kirchgänger keine Politik auf der Kanzel. Aber wie stehen sie zum kommenden Wahlkampf? Zum Artikel

    (6) Auf dem Volksfest

    Auf dem Cannstatter Volksfest feiern Mitglieder des Hotel- und Gastronomieverbands in Dirndl und Lederhosen. Auch Wolfgang Schäuble schaut vorbei. Aus der neuen FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“. Zum Artikel

    (7) Beim Trachtenverein

    Im Trachtenverein von Dorfen, Oberbayern, legt man Wert auf Brauchtum, Dialekt und Gaudi. Wie denken traditionsbewusste Bayern über die kommende Bundestagswahl? Aus der FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“. Zum Artikel


Drinnen wummert die Musik. „Hip Teens Don‘t Wear Blue Jeans“ und „Celebrate Good Times“. An den Wänden hängen Freiheitsscheiben, auf die in vergangenen Zeiten geschossen wurde. Früher wurde der Sieger des Freiheitsschießens für ein Jahr von allen Abgaben, Fron- und Spanndiensten befreit. Aber Zeiten ändern sich. Von einer Scheibe blickt ein Hasenkopf mit Rehbockgeweih, ein sogenannter Rasselbock. Von der Decke baumelt eine Geweihlampe. Es gibt Zwiebelmettbrötchen und Wurst.

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Knapp 50 Schützen, mehrere Vereine aus der Region, sind beim FridayNight-Shooting. Distanz zehn Meter, Luftpistole oder Luftgewehr. Am Schießstand drehen sich Discokugeln. Hin und wieder Rotlichter. Dann gibt es Gewinne: Für den besten Schützen einen Caipirinha, für den schlechtesten auch mal einen Lockstedter. Kräuterlikör.

„Alkohol und Waffen vertragen sich nicht“

„Alkohol und Waffen vertragen sich nicht“, sagt einer; deshalb trinke er erst hinterher. Im Schützensport müsse man eine gewisse Ethik haben, sagt er. Moral haben, sagt er. Auf seinem T-Shirt ist ein Totenkopf abgebildet: „Zombie Outbreak Response Team“. Vom Hals baumelt an einer Kette ein umgedrehtes Pentagramm. Das sei ein altes keltisches Symbol, das für Wahrhaftigkeit, Jagdglück und Ausdauer steht, sagt er. An einer anderen Kette hängt der äußere Ring einer Zwei-Euro-Münze. Eine Wette: die Münze, fünfzig Meter, 44er Magnum. Beim siebten Schuss hat‘s geklappt, sagt er. Fünfzigjahregesicht und Baseballkappe. Auf der steht „No Fear“. Genug Mut, seinen Namen oder den seines Vereins zu nennen, hat er trotzdem nicht. Immerhin hat er mehr Mut als seine Freunde. Die gehen vor die Tür, bevor sie sich noch „das Maul verbrennen“. Politik? Nein, danke.

Der Mann sagt, dass er Ethik und Moral in der Politik vermisse. Immer wieder würden Politiker etwas versprechen und dann nicht einlösen. Vielleicht sei Martin Schulz eine Hoffnung. So viel liege im Argen. Rente, Sozialpolitik, Flüchtlinge, Verkehrspolitik, Tierhaltung. Uferlos sei das. Er sagt Sätze wie: „Demokratie ist das einzige, was wirksam ist.“ – „Das Pendel sollte in der Mitte bleiben.“ – „Extremisten, egal ob links oder rechts, sind die übelsten Leute. Das ist der Anfang vom Ende.“ – „Ich gehe wählen, weil es meine Bürgerpflicht ist.“ Er sagt aber auch Sätze wie: „Im Bundestag sülzt nur der eine den anderen voll.“ – „Politik ist wie der Dreck unter meinen Fingernägeln.“ – „Wenn du Politiker in einen Sack steckst und draufschlägst, triffst du immer den Richtigen.“

Das ganze politische Spektrum vertreten

Drumherum gucken andere Schützen stumm. Ob sie auch mit dicken Knarren auf Münzen schießen? „Gott bewahre.“ Nichts liege ihnen ferner. Ob sie genauso über Politik denken? Kopfschütteln. „Jedem seine Meinung.“ Blick aufs Notizbuch. „Gerade rausreißen und wegschmeißen.“ Der, der das sagt, hat kein Problem, seinen Namen zu nennen: Torsten Klauer. „Es gibt nun einmal solche und solche Schützen“, sagt Klauer. Im Schützensport sei „alles vertreten. Rechte Spinner, Reichsbürger. Blödsinn gibt es überall.“ Wie sollte es auch anders sein, wo jedes Örtchen sein eigenes Schützenhaus hat. Mehr Leute in den Schützenvereinen sind als CDU und SPD Mitglieder haben. „Es soll schließlich auch gewisse AfDler geben, die Lehrer sind“, sagt Klauer. So ist das mit den Klischees. Es gibt immer den einen, bei dem sie stimmen. Der wütet und hasst. Vor allem im Schutz der Anonymität. Und die vielen, bei denen das nicht so ist. Sei es im Schützenhaus, auf der Straße oder im Internet.

Klauer, Anfang dreißig, ist Sportschütze seit er vier ist. Die ganze Familie schießt. Auch seine Frau hat Klauer am Schießstand kennengelernt. Klauer spricht nicht von Pistolen und Gewehren, sondern vom Sportgerät. Er erzählt von der Zusammenarbeit von Körper und Geist, der Konzentration, die es in seinem Sport braucht. Dass Sport eigentlich kein Politikum sein sollte. Dass es immer ein paar Leute gebe, die meinen, „sie müssen austicken“. Dass es gut sei, wenn miteinander geredet wird. „Das wird viel zu selten gemacht.“

Ein Zugeständnis an Trump

Von Rainer Hermann

Militärisch ändert der Beitritt der Nato zur Anti-IS-Koalition wenig. Doch sie nimmt Amerikas Präsidenten Wind aus den Segeln. Dafür wird ein anderes Mitglied der Allianz zum Unsicherheitsfaktor. Ein Kommentar. Mehr 16

Quelle: wahlrecht.de
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