21.11.2005 · Wenn eine politische Karriere ihren Höhepunkt erreicht: Jeder Bundeskanzler hatte seine Besonderheiten. Angela Merkel stand an diesem Dienstag als erste Frau zur Wahl.
Von Majid Sattar109 Abgeordnete stimmten bei der Bundeskanzlerwahl gegen den Kandidaten der Koalition aus Union und SPD, 29 enthielten sich der Stimme. Viele Verweigerer kamen aus dem eigenen Lager - die Opposition hatte nur 43 Abgeordnete. „Sicher ist, daß in der SPD-Fraktion eine bestimmte Anzahl von Abgeordneten dagegen gestimmt hat, wenn auch nicht gegen mich persönlich. Einer der Männer, die entschieden gegen die Große Koalition votiert hatten, hat mir ausdrücklich erklärt, daß er mich dennoch gewählt habe. Das Votum der Gegenstimmen richtete sich gegen den Abschluß der Großen Koalition.“
Die Worte aus dem Dezember 1966 stammen von Kurt Georg Kiesinger kurz nach seiner Wahl zum Bundeskanzler der Großen Koalition. Angela Merkel, die an diesem Dienstag zur ersten Bundeskanzlerin Deutschlands gewählt werden soll, muß sich wohl eine ähnliche Formulierung zurechtlegen. Auch sie könnte etliche Gegenstimmen aus den künftigen Regierungsfraktionen bekommen. Je größer die Mehrheit, um so größer die Versuchung der Abgeordneten, Unabhängigkeit zu demonstrieren.
„Ich bin glücklich, und ich bin auch stolz“
Wenn Artikel 63 des Grundgesetzes im Bundestag zur Anwendung kommt, nähert sich ein politischer Werdegang seinem Höhepunkt. Was in ihr oder ihm in dieser Situation vorgeht, gibt der Gewählte freilich nicht immer preis. Als Gerhard Schröder kurz vor seiner ersten Wahl zum Bundeskanzler am 27. Oktober 1998 durch die Lobby des Bonner Bundeshauses schritt, rief ihm ein Journalist aus einem Pulk heraus zu: „Ist das Ihr Tag?“ Schröder drehte sich um: „Ein Tag“ sei es.
Als Schröder im Anschluß an seine Wahl nach seinen Empfindungen gefragt wurde, sagte er dann: „Ich bin glücklich, und ich bin auch stolz.“ Es sind fast dieselben Worte, die knapp 30 Jahre vor ihm Willy Brandt wählte, nachdem er den Eid als Bundeskanzler geleistet hatte: „Ich bin zufrieden, dankbar für das Vertrauen und ein bißchen stolz.“ Schröder hat sich wahlweise als politischer Enkel Brandts oder als Bewunderer von dessen sozialdemokratischem Antipoden Helmut Schmidt ausgegeben, des rechten Sozialdemokraten.
Mit Brandt bewährte sich die Demokratie
1969 wurde der Anfang der sozialdemokratischen Regentschaft von Pathos begleitet. Da wurde hervorgehoben, Brandt sei der erste sozialdemokratische Kanzler seit Hermann Müller, seit der Weimarer Republik. Was schwang da nicht alles mit: Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes durch die SPD-Reichstagsfraktion, Widerstand, Emigration.
Als Gustav Heinemann Brandt nach seiner Ernennung gratulierte, schossen dem Bundespräsidenten Tränen in die Augen. Die Bundesrepublik hatte - nach der Übergangszeit der Großen Koalition - ihren ersten wirklichen Regierungswechsel vollzogen, die Demokratie, so sahen es sympathisierende Zeitgenossen, hatte sich bewährt. Jetzt, so kündigte es Willy Brandt in seiner ersten Regierungserklärung an, wolle man mehr Demokratie wagen.
Helmut Schmidt preschte voran
Fünf Jahre später, im Mai 1974, wohnte dem nächsten Anfang weit weniger Zauber inne. Pathos war nicht die Sache Helmut Schmidts - es sei denn, man versteht die Inszenierung preußischer Nüchternheit als solche. Die politische Lage erforderte Demut. Brandt, der charismatische Volkskanzler, der Friedensnobelpreisträger, war - nachdem er an Rückhalt in der SPD-Führung verloren hatte - wegen der Guillaume-Affäre zurückgetreten. Nun mußte sein Nachfolger mit aller Kraft ausstrahlen, wie ungern er der Pflicht nachkomme, sein Amt anzutreten.
Der Korrespondent dieser Zeitung schilderte den Tag in Bonn: „Helmut Schmidt prescht in atemberaubendem Tempo durch Parlaments- und Regierungsstuben, und wer mithalten will, braucht Kondition. Wer hat da noch Zeit, zum Gruppenbild mit dem Bundespräsidenten in den Cut zu steigen? Typisch für den Amtsgalopp des neuen Herrn ist diese Szene im Treppenhaus des Palais Schaumburg: Schmidt hat es so eilig, daß er bei der Ankunft auf dem Weg ins Arbeitszimmer gerade noch die Blumen in Empfang nehmen konnte.“
Sicher ist: Sie wird stilbildend sein
Es war nicht nur der Lage angemessen, es kam auch Schmidts Naturell entgegen, sich als bloßer Anwalt des Möglichen zu stilisieren: schwarzer Anzug anstelle eines festlichen Cuts. Überhaupt, die Kleidung. In seinen jetzt veröffentlichten Erinnerungen über seine Regierungsjahre bis zur deutschen Einheit berichtet Helmut Kohl über den 1. Oktober 1982: Bundespräsident Karl Carstens hatte soeben Schmidt und dessen Minderheitskabinett verabschiedet, da betrat der mittels konstruktiven Mißtrauensvotums gegen seinen Vorgänger ins Amt Gewählte die Villa Hammerschmidt - „in einem grauen Cut, wie es protokollarisch gefordert und seit Gründung der Bundesrepublik üblich war“.
Das sei, so fügt Kohl an, seinerzeit manchem aufgefallen, weil Schmidt einst um Erlaubnis gebeten hatte, im schwarzen Anzug kommen zu dürfen. Kohls Geste war eindeutig: Die angekündigte „geistig-moralische Wende“ sollte sich in einem Bekenntnis zur Tradition konkretisieren. Angela Merkel wird sich ihre Gedanken darüber gemacht haben, was sie an diesem Dienstag sagen und worüber sie lieber schweigen wird. Soviel ist sicher: Für das Protokoll der Ernennung des Bundeskanzlers durch den Bundespräsidenten wird sie stilbildend sein.