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Bundesministerium des Inneren und Bundesarchiv (Herausgeber): Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsch-deutscher Menschenhandel

Nach dem Mauerbau war die Bundesrepublik aus humanitären Gründen zu Geheimverhandlungen mit der DDR bereit. Bis Ende 1969 kaufte Bonn 5015 Personen von Ost-Berlin frei.

© picture-alliance / dpa Vergrößern

Seit 1962/63 verhandelten alle Bundesregierungen insgeheim mit dem SED-Regime, obwohl deren Führung durch den Mauerbau die Teilung die Deutschlands zementiert und durch den Schießbefehl zusätzlich belastet hatte. Dabei ging es um Häftlingsfreikauf, Familienzusammenführung, Kinderrückführung und Agentenaustausch. Die Bundesrepublik war aus humanitären Gründen bereit, für entsprechende Hilfs- und Betreuungsmaßnahmen hohe, von der Gegenseite erpresste „Kopfquoten“ zu zahlen. Bei dieser ungewohnten Staatsaufgabe stellte Bonn rechtsstaatliche Bedenken zurück und ließ sich auf Vorleistungen ein. Das gewagte Unternehmen wurde im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen unter dem Stichwort „besondere Bemühungen“ getarnt. Die komplizierten Verhandlungen über das für die DDR ebenso ergiebige wie bald planbare Tauschgeschäft liefen über den „Rechtsanwaltskanal“ Jürgen Stange in West-Berlin und Wolfgang Vogel in Ost-Berlin. Die Abwicklung erfolgte über das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche. Selten wurde cash gezahlt.

Da das amtliche Schriftgut über dieses kostspielige, aber für zahllose Menschen lebensrettende Unternehmen komplett „geheim“ gestempelt war, ist es erst mit der Sonderedition der Reihe „Dokumente zur Deutschlandpolitik“ zugänglich geworden, allerdings keineswegs annähernd vollständig. Denn weiterhin sind Bestände gesperrt, komplett jene des Bundesnachrichtendienstes. DDR-Unterlagen lieferten nur spärliche Informationen, ein Nachlass von Rechtsanwalt Vogel war nicht zugänglich. Von etwaigen Akten aus der Kanzlei Stanges ist keine Rede, auch nicht von möglichen Ergänzungen aus Unterlagen der Alliierten. Dennoch bilden die edierten und kommentierten 442 Dokumente eine gesicherte Grundlage, um die sonderbaren „besonderen Bemühungen“ der Bundesrepublik überblicken und würdigen zu können.

Auch nach dem Mauerbau schwankte der Sprachgebrauch in den Bundesressorts weiter zwischen SBZ, Zone, Sowjetzone, DDR, Mitteldeutschland und Währungsgebiet Ost, jeweils mit und ohne Anführungszeichen. Gustav Heinemann (SPD) sprach ungerührt von der „Demarkationslinie“. Bereits 1962 rechnete man in Bonn mit etwa 12 000 „politischen Häftlingen“, aus deren Reihen die für einen „Freikauf“ vorgesehenen Personen ausgewählt werden mussten. Dabei galt es zu unterscheiden zwischen „Lang-“ und „Kurzstrafern“, zwischen gesundheitlich akut Gefährdeten und „Schwersthäftlingen“, zwischen Jungen, insbesondere Fluchthelfern aus der Studentenschaft, und Alten. Das geschah anfangs bisweilen „recht willkürlich“. Noch unter Bundeskanzler Adenauer (CDU) kam die erste Vereinbarung zustande, allerdings ohne dass er sich damit - wie der Verleger Axel Springer unterstellte - einen „sehr guten Abschied“ verschaffen wollte. Auch weiterhin blieb der innerdeutsche Handel die wichtigste Klammer zwischen beiden Teilstaaten und von den „besonderen Bemühungen“ getrennt. Deswegen bot er kein Druckmittel im archaischen „Menschenhandel“. Mit der von der DDR verlangten strikten Geheimhaltung baute sie allerdings allmählich innenpolitischen Druck auf, da an dem wachsenden Tauschgeschäft zahlreiche Verwaltungsstellen beteiligt werden mussten.

Treibende Kraft bei Beginn und Ausweitung der humanitären Maßnahmen waren die beiden Kirchen, deren Drängen auf Entgegenkommen die Ostseite ausnutzte. Ludwig Geißel, der Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche für Wirtschaftsverhandlungen mit der DDR, wickelte den Bonner Millionen-Transfer diskret ab. Dafür genügte eine formlose Vereinbarung mit einem DDR-Vertreter, auf Papier ohne Kopfbogen, Absender und Adressat, nur mit Angabe der Mengen und Preise für die jeweils geforderten Lieferungen an Lebensmitteln, Rohstoffen und Industriegütern. Dass Bürger der Bundesrepublik in der DDR verhaftet wurden, um sie als Tauschobjekte zu benutzen, war ebenso wenig zu verhindern wie die Einschleusung von Agenten. Der Kopfpreis für „Langstrafer“ pendelte sich bei 40 000 DM ein.

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Veröffentlicht: 03.01.2013, 12:23 Uhr

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