05.08.2010 · Die Charta der Heimatvertriebenen war in manchem ihrer Zeit voraus: Sie ist ein Dokument des Willens zur Versöhnung, zur Integration und zum Wiederaufbau. Daran sollten sich im Kampf um die Deutungshoheit der Vertriebenengeschichte manche erinnern.
Von Berthold KohlerZu den „Gay Games“, die Vizekanzler und Außenminister Westerwelle als Schirmherr eröffnete, wird er leichteren Herzens gefahren sein als zur Feier anlässlich der Verkündung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen vor sechzig Jahren, wo er erwartungsgemäß mit Buh-Rufen begrüßt wurde. Bei den Vertriebenen ist der FDP-Vorsitzende nicht mehr recht gelitten, seit er auf Biegen und Brechen durchsetzte, dass deren Präsidentin Steinbach nicht Mitglied im Rat der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ werden durfte.
Er tat es im Namen der Versöhnung mit den Nachbarn im Osten. Deshalb blieb ihm nun auch gar nichts anderes übrig, als die Einladung nach Stuttgart zu akzeptieren. Denn die Charta der Heimatvertriebenen ist ein früher Meilenstein auf dem Weg der Aussöhnung zwischen Vertriebenen und Vertreibern, aber auch zwischen den sogenannten Binnendeutschen und den Millionen Flüchtlingen.
„Wenn man die Bedeutung dieser Charta ausreichend würdigen will, muss man sich die Situation vor Augen führen, in der sich die Vertriebenen 1950 befanden.“ Bevor sich jemand aufregt: Dieser Rat stammt vom früheren Bundeskanzler und SPD-Vorsitzenden Schröder. Er befolgte ihn selbst und nannte die Charta schon vor zehn Jahren „ein Dokument der Versöhnung“ und „eine historische Leistung“.
„Vertreibung lässt sich niemals rechtfertigen“
Auch für unkonditionierte Sätze wie „Vertreibung lässt sich niemals rechtfertigen“, „Vertreibung, daran kann es keinen Zweifel geben, ist stets ein Unrecht“, muss man ihm noch im Nachhinein danken - wenn man sieht, wie armselig das ist, was seine Parteigenossen, die sich dazu berufen fühlen, heutzutage auf diesem Feld äußern. Der Kampf um die Deutungshoheit über die Vertreibungsgeschichte ist nach wie vor im Gange, wie auch der Versuch, den Stiftungsrat von weiteren unliebsamen Vertretern der Vertriebenen zu säubern.
Die Charta der Heimatvertriebenen ist, wie sollte es anders sein, ein Kind ihrer Zeit. In manchem war sie dieser Zeit aber auch voraus, etwa im Blick auf ein geeintes Europa. Geblieben ist sie ein Dokument des Willens zur Versöhnung, zur Integration und zum Wiederaufbau. Das kann auch der Vorwurf nicht verdunkeln, die Vertriebenen hätten schon 1950 in dieser Charta Bekenntnisse ablegen sollen, zu denen sich nach allgemeinem linken Urteil die ganze deutsche Gesellschaft erst Jahrzehnte später durchrang.
Nur zeitgeschichtlich wertvoll
Harald Dechant (H.Dechant)
- 06.08.2010, 00:37 Uhr