Home
http://www.faz.net/-gpf-15i8r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bund der Vertriebenen Bis zur Harmlosigkeit verstrickt

20.02.2010 ·  Etliche Gründungsfunktionäre des Bundes der Vertriebenen (BdV) standen zuvor auf der Täterseite. Die Aufarbeitung ihrer Geschichte gerät zum Politikum. Ergebnisse einer durch das Innenministerium gesponserte Studie sind laut BdV-Präsidentin Steinbach bisher „nicht veröffentlichungsfähig“.

Von Peter Carstens
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Erika Steinbach hat dem Bund der Vertriebenen (BdV) Transparenz und Offenheit verschrieben. Seit 2007 bemüht sie sich, die Anfangsjahre ihres Verbandes zu erhellen. Denn unter den Gründern der Zentralvertretung aller Landsmannschaften der Vertriebenen waren einige, die über ihr Vorleben in den dreißiger und vierziger Jahren geschwiegen haben, oft bis zum Tod. Öffentlich bekannt waren Vorwürfe, die seit den fünfziger Jahren die DDR gegen angebliche „Revanchisten“ erhob. Sie betrafen Mitläufertum in der NS-Zeit ebenso wie mögliche Verstrickungen in Kriegsverbrechen. So wurde dem ersten BdV-Präsidenten Hans Krüger seine Beteiligung als Richter (in Parteiuniform) an einem Sondergericht in Konitz im heutigen Polen zur Last gelegt. Krüger, der den BdV bis 1963 führte und danach bis 1964 Vertriebenenminister war, sollte demnach als überzeugter Nationalsozialist an Todesurteilen mitgewirkt haben, was er jedoch bestritt. Seinem Rücktritt als Minister folgten lange Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bonn, die nach seinem Tod 1971 eingestellt wurden.

Nachdem die letzten Gründungsfunktionäre gestorben sind, will die heutige BdV-Präsidentin Erika Steinbach herausfinden lassen, welche Hitler-Mitläufer oder gar NS-Täter nach dem verlorenen Krieg wichtige Funktionen in ihrem Verband innehatten. Das Interesse daran hatte 2006 die Zeitschrift „Der Spiegel“ wachgerüttelt. Das Blatt fand heraus, dass von rund zweihundert Vertriebenen-Funktionären der ersten Stunde etwa ein Drittel der Partei Adolf Hitlers angehört hatten, deutlich mehr als im damaligen Bevölkerungsdurchschnitt. Damit konfrontiert, teilte Frau Steinbach zunächst mit, zur historischen Aufarbeitung fehle das nötige Geld.

Dann aber fand sich ein großzügiger Förderer, das Bundesinnenministerium. Es hat inzwischen mehr als 100.000 Euro aus Steuermitteln dem renommierten Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München zur Verfügung gestellt, das 2007 den Forschungsauftrag übernahm. Der dort tätige Professor Manfred Kittel wurde vorübergehend Koordinator des Projekts. Inzwischen ist Kittel Gründungsdirektor des geplanten Vertreibungsmuseums in Berlin.

Hier endet der gute Teil der Geschichte. Denn das bisher einzige Resultat der IfZ-Arbeit besteht in einer missglückten Zwischenstudie vom Frühjahr 2008, die den Verantwortlichen inzwischen derart unangenehm ist, dass sie sich variantenreich davon distanzieren und versuchen, fachkundige Einsichtnahme oder gar öffentliche Verbreitung der 113 Seiten umfassenden Schrift zu verhindern.

Neun der 15 untersuchten Vertriebenen waren NSDAP-Mitglieder

Vielleicht begann die Sache schon schiefzulaufen, als sich im Institut für Zeitgeschichte niemand fand, der das historisch und politisch brisante Projekt inhaltlich betreuen wollte. Auf Empfehlung Kittels schloss Institutsdirektor Horst Möller einen Werkvertrag mit einem freien Mitarbeiter, Magister Matthias Lempart, der wegen seiner oberschlesischen Herkunft gut Polnisch spricht und seinerzeit an einer Promotion über die NSDAP in Schlesien saß. Lempart legte im Frühjahr 2008 eine Arbeit mit dem Titel „Machbarkeitsstudie für ein prosopographisches Projekt über Lebensläufe von Präsidialmitgliedern des Bundes der Vertriebenen“ vor. Bezahlt hatten sie das Innenministerium (13.190 Euro) und der BdV (1000 Euro). Beteiligt an der Archivrecherche war nach IfZ-Angaben außerdem der frühere Vertriebenen-Funktionär und Vorstandsangehörige der „Union der Vertriebenen“ in der CSU, Raimund Paleczek, der Tschechisch spricht.

Der Auftrag lautete: Das IfZ sollte das Vorleben der ersten dreizehn Mitglieder des BdV-Präsidiums erhellen und außerdem die Geschichten von zwei weiteren Vertriebenen-Funktionären erforschen, die schon früher in den Verdacht geraten waren, unmittelbar in den Völkermord an den Juden und die Massenmorde in Osteuropa verstrickt gewesen zu sein: Gemeint waren der Bukowina-Deutsche und frühere SS-Obersturmführer (Oberleutnant) Rudolf Wagner und der langjährige Landesvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, der frühere SS-Rottenführer Friedrich-Wilhelm Schallwig.

Lempart sollte die Archivlage sichten und den Aufwand eines „Gruppenbiographischen Projekts“ ergründen und dann weitere Forschungsansätze beschreiben. Statt sich aber auf diese Aufgaben zu konzentrieren, versuchte sich der IfZ-Autor ausführlich an einer Demontage der „Spiegel“-Recherchen. Er hielt der Zeitschrift, die ihm umfassenden Zugang zu ihren Materialien gewährt hatte, Unterschlagungen vor und kam zu dem Urteil, das Blatt habe zwar „nicht ähnlich unwissenschaftlich-propagandistisch“ gearbeitet wie die frühere DDR, aber es an „wissenschaftlicher Gründlichkeit“ fehlen lassen. So sei es zu „mehreren Pannen und teilweise falschen Schlussfolgerungen“ gekommen. Die weitere Forschung solle, so die Anregung des Autors, „dartun, wie oft Vorwürfe zu Unrecht erhoben wurden“. Die Munitionierung einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung zwischen dem BdV und der Zeitschrift kann allerdings kaum Zweck der Projektförderung durch das Innenministerium sein. Auch Frau Steinbach wunderte sich über die „Spiegel-Lastigkeit“ der „Machbarkeitsstudie“. Das Innenministerium aber genehmigte auf dieser Grundlage weitere 90.000 Euro.

Studie gesponsert vom Innenministerium

Niemandem schien außerdem aufzufallen, dass sich der IfZ-Autor über den eigentlichen Zweck seiner Arbeit hinaus an einer Gesamtwürdigung der Vertriebenen-Funktionäre versuchte, indem er neben ihrer unterschiedlich intensiven NS-Verstrickung auch ausführlich deren erfolgreiche Anpassungsleistung in der Nachkriegsrepublik beschrieb. So entsteht in etlichen Einzelfällen der fatale Eindruck, NS-Verstrickungen würden gegen Nachkriegserfolge aufgewogen.

Von den fünfzehn untersuchten Vertriebenen-Funktionären waren, das zeigt die Studie, neun NSDAP-Mitglieder, die meisten wohl aus Karrieregründen. Von den übrigen ist vor allem der BdV-Vorsitzende Wenzel Jaksch, ein Sozialdemokrat, über alle Zweifel erhaben. Ein Präsidiumsmitglied, Linus Kather, wird als Nazi-Gegner bezeichnet, kandidierte allerdings 1969 für die NPD; ein weiteres gehörte jahrelang der „SS-Leibstandarte Adolf Hitler“ an. Von Josef Trischler heißt es, er sei „Opportunist, nicht Nationalsozialist gewesen“. Das Präsidiumsmitglied Lodgman von Auen hatte im Sudetenland vor 1938 eine Partei auf „streng antisemitischer Grundlage“ geführt. Hitlers Einmarsch in seiner Heimat bejubelte er in einem persönlichen Glückwunschtelegramm („Ich begrüße Sie, mein Führer, mit übervollem Herzen . . .“). Lodgman, nach dem heute der große Saal im „Sudetendeutschen Haus“ in München benannt ist, trat der NSDAP unter anderem deshalb nicht bei, weil er in deren örtlichem Führer Henlein den „Exponenten des homosexuellen Kameradschaftsbundes“ sah. Zur „Judenfrage“ schrieb Lodgman angeblich im Jahre 1938, dass sie „ohnehin auf einem anderen Wege nicht zu lösen sei“ als durch „Umsiedlung“. Immerhin erhielt Lodgman für seine Bemühungen den „Goldenen (NSDAP-)Gauehrenschild“. In der Studie heißt es über ihn, nach 1945 habe er sich „unter schwierigen Bedingungen und großem persönlichen Einsatz der Organisation der vertriebenen Sudetendeutschen angenommen“. Dafür erhielt er unter anderem das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.

Einem anderen Träger des „Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP“, dem Oberschlesier Otto Ulitz, hält Lempart zugute, dass er „seine jüdische Sekretärin bis 1935 halten konnte, was angesichts seiner äußerst exponierten Stellung wohl ein schwieriges Unterfangen“ gewesen sei. Gerne erführe man, was danach mit der Frau geschah. Auch Ulitz gehörte bis zu seinem Tod 1972 dem BdV-Präsidium an, zu seiner früher mehrfach behaupteten Tätigkeit für den Sicherheitsdienst der SS fand Lempart keinen Hinweis.

Mit „großem Engagement und sozialer Sachkenntnis“ habe sich auch das frühere NSDAP-Mitglied Schellhaus seinen „vertriebenen Schicksalsgenossen gewidmet“, heißt es an anderer Stelle. Auch glaubt der Autor zu wissen, dass der Schlesier „wohl zur Absicherung bzw. Förderung seiner Laufbahn“ und „vielleicht im Hinblick auf die beabsichtigte Familiengründung“ 1933 der Hitler-Partei beigetreten sei. Belege dafür bleibt er schuldig. Die sozialdemokratische Historikerin Helga Grebing bezeichnete Schellhaus, der später CDU-Abgeordneter und Vertriebenen-Minister in Niedersachsen war, 1990 als „verdeckten Neonazi“ in der regionalen Vertriebenen-Szene. Der Autor des Instituts für Zeitgeschichte hält dem entgegen: „Nach 1945 hat sich Schellhaus in den demokratischen Strukturen des Staates erfolgreich engagiert und bewährt.“

Das gilt auch für den, nach Lempart, „wichtigsten Bukowiner Historiker des 20. Jahrhunderts“, Rudolf Wagner. Wagner gehörte nicht zum BdV-Präsidium, war aber als baden-württembergischer Vertriebenen-Funktionär und Erstunterzeichner der „Charta der Heimatvertriebenen“ (1950) schon früher wegen seines Vorlebens aufgefallen. Deshalb wurde er in die „Machbarkeitsstudie“ aufgenommen. Der „grauen Eminenz der Bukowiner“ war es gelungen, zeit seines langen Lebens (1911-2004) entscheidende Passagen seiner Biographie zu verheimlichen.

Noch 2002 schrieb ein renommierter Autor, der von Wagners Zeit am Osteuropa-Institut in Berlin berichtete, Wagner sei „zur Wehrmacht eingezogen“ worden; „Parteimitglied wurde er nicht, aber in Russland verwundet“. Tatsächlich war Rudolf Wagner als früherer SS-Obersturmführer und NSDAP-Mitglied ins Massenmorden verstrickt. Während des Krieges findet man ihn nach derzeitiger Quellenlage unter anderem als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes (SD) im Reichssicherheitshauptamt in Berlin, als Mitarbeiter am SS-Wannsee-Institut. Ende 1940 wird er zum „sicherheitspolizeilichen Einsatz im Osten“ entsandt, worunter man im Allgemeinen Mordaktionen versteht. 1941 dient Wagner dem NS-Vernichtungsapparat bei der „Einsatzgruppe Fuchs“ in Belgrad. 1944, nach schwerer Kriegsverwundung, kehrte er zurück ins Reichssicherheitshauptamt in Berlin.

Probleme der Studie: Mängel, Fehlurteile und Verzerrungen

War Wagner Nazi?, fragt sich der Autor der „Machbarkeitsstudie“ und zweifelt: „Inwiefern Wagner auch innerlich nationalsozialistisch ausgerichtet war, konnte (oder kann) nicht zweifelsfrei geklärt werden.“ Dass Wagners Vorgesetzte ihn als „in seiner nationalsozialistischen Haltung klar ausgerichtet und kompromisslos“ beschrieben, könne, so der Autor, „alles bedeuten, von einer reinen Gefälligkeitsübung (. . .) bis zur Beschreibung von Wagners tatsächlicher Einstellung“. Auf solcher Grundlage ließe sich wohl auch die nationalsozialistische Grundüberzeugung Heinrich Himmlers in Zweifel ziehen.

Die Mängel, Fehlurteile und Verzerrungen fielen nach Aushändigung der „Machbarkeitsstudie“ im März 2008 auch Erika Steinbach auf. Das Zwischenergebnis sei „nicht veröffentlichungsfähig“, sagt sie heute und weist auf die „Spiegel“-Fixierung hin sowie auf nicht näher bestimmte „Fehler“. Beim BdV wundert man sich inzwischen über den schleppenden Fortgang des Gesamtprojekts, der dem Verband gegenüber mit „personellen Engpässen“ begründet worden sein soll. Das Institut für Zeitgeschichte wollte sich zunächst wochenlang nicht äußern und warnte dann drohend vor der Veröffentlichung von „Gerüchten und Fehlinformationen“. Der frühere Koordinator Kittel sagte dieser Zeitung, er habe nur eine „technische Zuständigkeit“ für das Projekt gehabt, eine Textredaktion habe es nicht gegeben, er sei nicht mehr am Institut für Zeitgeschichte.

Im Innenministerium hat eine fachliche Erörterung der „Machbarkeitsstudie“ offenbar nicht stattgefunden. Auf Erkundigungen hin musste erst einmal tagelang ein Exemplar gesucht werden. In einer Erklärung des Ministeriums heißt es nun, das Ganze sei eine „vorläufige Skizze“, die als „Vorstudie“ nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen und daher „in dem Sprachduktus freier Mitarbeiter“ abgefasst sei. Die Urteile der Autoren seien, heißt es nun, ausdrücklich als „vorläufige Erstbefunde“ anzusehen. Das Institut für Zeitgeschichte verbot Lempart und Paleczek, sich zu äußern. Es erklärte vergangene Woche auf Nachfrage, die vorliegenden Ergebnisse seien „nicht die Grundlage eines wissenschaftlich fundierten Urteils, sondern sind Teil des Weges, der zu diesem führt“. Das kann man nur hoffen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge

Das Erdbeben ist ausgeblieben

Von Matthias Wyssuwa

Nach grauenvollen Monaten hat sich die Linkspartei eine neue Doppelspitze gegeben. Ob Kipping und Riexinger die Gräben in der Partei überwinden können, bleibt offen. Ein Zeichen von Stärke ist diese Wahl nicht. Mehr 2 9