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Veröffentlicht: 20.02.2010, 10:06 Uhr

Bund der Vertriebenen Bis zur Harmlosigkeit verstrickt

Etliche Gründungsfunktionäre des Bundes der Vertriebenen (BdV) standen zuvor auf der Täterseite. Die Aufarbeitung ihrer Geschichte gerät zum Politikum. Ergebnisse einer durch das Innenministerium gesponserte Studie sind laut BdV-Präsidentin Steinbach bisher „nicht veröffentlichungsfähig“.

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© Der Richter als Kläger: Der erste Präsident des Bund der Vertriebenen, Hans Krüger, auf dem Treffen der Landsmannschaft der Schlesier

Erika Steinbach hat dem Bund der Vertriebenen (BdV) Transparenz und Offenheit verschrieben. Seit 2007 bemüht sie sich, die Anfangsjahre ihres Verbandes zu erhellen. Denn unter den Gründern der Zentralvertretung aller Landsmannschaften der Vertriebenen waren einige, die über ihr Vorleben in den dreißiger und vierziger Jahren geschwiegen haben, oft bis zum Tod. Öffentlich bekannt waren Vorwürfe, die seit den fünfziger Jahren die DDR gegen angebliche „Revanchisten“ erhob. Sie betrafen Mitläufertum in der NS-Zeit ebenso wie mögliche Verstrickungen in Kriegsverbrechen. So wurde dem ersten BdV-Präsidenten Hans Krüger seine Beteiligung als Richter (in Parteiuniform) an einem Sondergericht in Konitz im heutigen Polen zur Last gelegt. Krüger, der den BdV bis 1963 führte und danach bis 1964 Vertriebenenminister war, sollte demnach als überzeugter Nationalsozialist an Todesurteilen mitgewirkt haben, was er jedoch bestritt. Seinem Rücktritt als Minister folgten lange Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bonn, die nach seinem Tod 1971 eingestellt wurden.

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Nachdem die letzten Gründungsfunktionäre gestorben sind, will die heutige BdV-Präsidentin Erika Steinbach herausfinden lassen, welche Hitler-Mitläufer oder gar NS-Täter nach dem verlorenen Krieg wichtige Funktionen in ihrem Verband innehatten. Das Interesse daran hatte 2006 die Zeitschrift „Der Spiegel“ wachgerüttelt. Das Blatt fand heraus, dass von rund zweihundert Vertriebenen-Funktionären der ersten Stunde etwa ein Drittel der Partei Adolf Hitlers angehört hatten, deutlich mehr als im damaligen Bevölkerungsdurchschnitt. Damit konfrontiert, teilte Frau Steinbach zunächst mit, zur historischen Aufarbeitung fehle das nötige Geld.

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Dann aber fand sich ein großzügiger Förderer, das Bundesinnenministerium. Es hat inzwischen mehr als 100.000 Euro aus Steuermitteln dem renommierten Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München zur Verfügung gestellt, das 2007 den Forschungsauftrag übernahm. Der dort tätige Professor Manfred Kittel wurde vorübergehend Koordinator des Projekts. Inzwischen ist Kittel Gründungsdirektor des geplanten Vertreibungsmuseums in Berlin.

BdV © dpa Vergrößern Will herausfinden lassen, welche Unterstützer der Nationalsozialisten nach dem Krieg wichtige Funktionen in ihrem Verband innehatten: BdV-Präsidentin Steinbach

Hier endet der gute Teil der Geschichte. Denn das bisher einzige Resultat der IfZ-Arbeit besteht in einer missglückten Zwischenstudie vom Frühjahr 2008, die den Verantwortlichen inzwischen derart unangenehm ist, dass sie sich variantenreich davon distanzieren und versuchen, fachkundige Einsichtnahme oder gar öffentliche Verbreitung der 113 Seiten umfassenden Schrift zu verhindern.

Neun der 15 untersuchten Vertriebenen waren NSDAP-Mitglieder

Vielleicht begann die Sache schon schiefzulaufen, als sich im Institut für Zeitgeschichte niemand fand, der das historisch und politisch brisante Projekt inhaltlich betreuen wollte. Auf Empfehlung Kittels schloss Institutsdirektor Horst Möller einen Werkvertrag mit einem freien Mitarbeiter, Magister Matthias Lempart, der wegen seiner oberschlesischen Herkunft gut Polnisch spricht und seinerzeit an einer Promotion über die NSDAP in Schlesien saß. Lempart legte im Frühjahr 2008 eine Arbeit mit dem Titel „Machbarkeitsstudie für ein prosopographisches Projekt über Lebensläufe von Präsidialmitgliedern des Bundes der Vertriebenen“ vor. Bezahlt hatten sie das Innenministerium (13.190 Euro) und der BdV (1000 Euro). Beteiligt an der Archivrecherche war nach IfZ-Angaben außerdem der frühere Vertriebenen-Funktionär und Vorstandsangehörige der „Union der Vertriebenen“ in der CSU, Raimund Paleczek, der Tschechisch spricht.

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