06.07.2009 · Es ist also tatsächlich so gekommen: Die Fabrik der Illusionen, Produktionsstandort Bulgarien, hat wieder geöffnet, und zum Direktor haben die etwa 6,6 Millionen stimmberechtigten Teilhaber diesmal ihren Landsmann Bojko Borissow bestimmt.
Von Michael MartensEs ist also tatsächlich so gekommen: Die Fabrik der Illusionen, Produktionsstandort Bulgarien, hat wieder geöffnet, und zum Direktor haben die etwa 6,6 Millionen stimmberechtigten Teilhaber diesmal ihren Landsmann Bojko Borissow bestimmt. Die Firmengeschichte ist wechselhaft und doch beständig. Auf kurzfristige Schließungen folgten immer wieder überraschende Neueröffnungen.
Die 1997 vom damaligen Staatspräsidenten Stojanow erhobene Forderung, das Land müsse die Fabrik der Illusionen endlich schließen, hat sich bisher auf Dauer nicht durchsetzen lassen. Die Bulgaren, in den neunziger Jahren wirtschaftlich schweren Zeiten ausgesetzt und noch immer die ärmsten EU-Europäer, möchten auf Illusionen ungern verzichten. Verdenken kann man es ihnen nicht, obschon sich auch zwischen Balkangebirge und Schwarzem Meer herumgesprochen haben sollte, dass die Fabrik der Illusionen eine unpopuläre Filiale hat, deren Erzeugnisse stets unaufgefordert mitgeliefert werden - die Manufaktur der Enttäuschungen.
Wundersame Entscheidungen der Wechselwähler
Bulgaren sind passionierte Wechselwähler. Seit sie sich nach 1989 des eigentlich für unabwählbar gehaltenen kommunistischen Diktators Todor Schiwkow entledigt hatten, experimentierten sie mit allen möglichen und unmöglichen Parteien - und diese dann mit ihnen. Kommunisten, Antikommunisten, Postkommunisten, eine Notregierung, Reformer, eine „Zarenbewegung“, schließlich vorsichtig gewendete Postpostkommunisten, fast alles haben die bulgarischen Wähler schon versucht.
Die bislang wundersamste Entscheidung trafen sie 2001, als sie dem nach mehr als einem halben Jahrhundert aus der Emigration heimgekehrten ehemaligen Zaren Simeon II. die Regierungsverantwortung anvertrauten, auf dass Milch und Honig flössen. Vier Jahre später einen in der Ukraine geborenen Sohn einer russischen Mutter (den scheidenden Ministerpräsidenten Sergej Stanischew) zum neuen starken Mann in Sofia zu machen war dagegen eine fast biedere Entscheidung. Mit ihrem jüngsten Einfall haben die Bulgaren nun den Ruf bestätigt, die originellsten Wähler des Balkans zu sein: Der Mann, von dem sie sich in den kommenden vier Jahren enttäuschen lassen wollen, ist mit dem Attribut „schillernd“ zwar nicht umfassend, aber treffend beschrieben. In den neunziger Jahren, als er noch eine Personenschutz- und Inkassofirma in Sofia führte, gehörte er zu jenen Männern, wie man sie damals oft sah auf den Straßen osteuropäischer Städte. Wenn sie auftauchten, war es eine weise Entscheidung, die Straßenseite zu wechseln oder das Lokal zu verlassen.
Bayerische Hilfe für den Bulgaren
Seinen Aufstieg zu landesweiter Popularität verdankt Borissow der Schwäche der etablierten Parteien, aber auch tatkräftiger Unterstützung aus dem Ausland, nicht zuletzt aus Deutschland. Vor allem die Hanns-Seidel-Stiftung war für Borissow anfangs ein unentbehrlicher Vermittler und Berater. Die Verbindungen zur Stiftung reichen noch in dessen Zeit als zweiter Mann des bulgarischen Innenministeriums zurück. Damals machte er sich bei seinen Landsleuten als oberster Mafiajäger einen Namen. Seltsamerweise störte sich kaum jemand daran, dass dem vermeintlichen Jäger niemals Jagdglück beschieden war.
Dass sich die Seidel-Stiftung dennoch für die Unterstützung Borissows entschied, dürfte auch ein Ausweis der Verzweiflung gewesen sein. Denn im sogenannten bürgerlichen Lager Bulgariens gab es nach dem Machtverlust des Ministerpräsidenten Iwan Kostow im Jahr 2001 keinen Partner mehr, der Aussichten gehabt hätte, künftig eine maßgebliche Rolle zu spielen. Erst das Erstarken Borissows schien die Aussicht zu bieten, hier entstehe eine neue „bürgerliche Kraft“. Tatsache ist, dass Borissow seine Karriere schon in kommunistischer Zeit im Innenministerium begann und später aufs engste mit den postkommunistischen Kreisen in Verbindung blieb.
Aber die Entscheidung der Bulgaren ist eindeutig: Sie glauben Borissows Beteuerung, er werde endlich mit Korruption und Misswirtschaft aufräumen. Er soll der starke Mann sein, den sie sich im „Zaren“ Simeon vergeblich erhofft hatten. Das wohl nicht zufällig an Barack Obamas Ausspruch erinnernde Motto von Borissows Kampagne „Wir beweisen, dass Bulgarien (es) kann“ hat sie anscheinend überzeugt.
Markige Sprüche
Die Aufgaben, die vor der neuen Regierung stehen, hat die EU-Kommission im Februar in ihrem Zwischenbericht über die Fortschritte Bulgariens im sogenannten Kooperations- und Kontrollverfahren aufgelistet. Es ist eine sehr lange Liste. Das Verfahren soll Bulgarien helfen, „bestimmte Mängel“ bei der Justizreform und bei der Bekämpfung von Korruption und organisiertem Verbrechen zu beseitigen „und die einschlägigen Fortschritte mittels regelmäßiger Berichte zu kontrollieren“. Der nächste Bericht wird noch in diesem Sommer veröffentlicht werden und sich auf die Arbeit der am Sonntag abgewählten Regierung beziehen. Danach tickt die Uhr für Illusionsdirektor Borissow. Sein bisheriges Erfolgsrezept wird ihm dann nicht mehr helfen. Denn um Brüssel zu überzeugen, sind markige Sprüche nicht genug.
Hallo aus Bulgarien
Boris Pavlovich (pavlovich)
- 08.07.2009, 08:55 Uhr
Wie sieht der Realist aus?
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- 08.07.2009, 19:31 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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