16.10.2005 · Sachbücher mit wirklich neuen Fragen sucht man fast vergebens auf der Frankfurter Buchmesse. Vielmehr finden sich Bücher, die in ihrer Widerborstigkeit dem Selbstverständnis neue Horizonte eröffnen, Aufklärungsschriften, die sich durch die biologischen Herausforderungen produktiv verunsichern lassen.
Von Christian GeyerWas gibt es Neues auf der Frankfurter Buchmesse, die an diesem Dienstag beginnt? Natürlich lassen sich auch im aktuellen Herbst wieder Tausende Neuerscheinungen sichten. Aber Sachbücher, die wirklich neue Fragen stellen, und sei es, daß sie alte Fragen im Licht neuer Wissensbestände dringlich machten - solche Bücher sind gezählt.
Es sind Bücher, die den Leser über eingespielte Begriffe stolpern lassen, weil deren Reichweite plötzlich in Frage steht. Bücher also, bei denen uns dämmert: Dieses Argument trägt ja gar nicht so weit, wie wir bisher dachten; das, was wir für eine zutreffende Beschreibung eines Problems hielten, war offenbar zu kurz gegriffen. Neue Bücher sind Bücher, die aufklären, und Aufklärung ist seit Sokrates nur ein anderes Wort für Verunsicherung.
Ist es da ein Wunder, daß die anregendsten Sachbücher schon seit längerem im weitesten Sinne der Biologie geschuldet sind? Längst hat sich die Biologie zu einer Leitwissenschaft entwickelt, die andere Wissenschaften zum Anschluß an ihre Fragestellungen zwingt. Allein die Tatsache, daß Lebensprozesse heute auf molekularer Ebene beschrieben werden können, macht aus der Biologie eine Art Superdisziplin für alle Fragen, die mit dem Selbst- und Weltbild zu tun haben. Welcher Philosoph möchte noch über den Geist philosophieren, ohne dessen evolutions- und neurobiologische Bedingtheiten in Betracht zu ziehen? Welcher Psychologe traute sich noch ein Urteil über das Seelenleben zu, ohne grundsätzlich auch naturwissenschaftliche Methoden anzuwenden?
Der Sachbuchmarkt legt, wo er innovativ und nicht bloß imitierend verfährt, beredtes Zeugnis dafür ab, wie die Biologie die Geisteswissenschaften zwingt, sich mit ihr auseinanderzusetzen - sich in ein Verhältnis zu dem zu setzen, was die Naturwissenschaften als die Natur der Dinge glauben ausfindig zu machen. Dabei wird deutlich, daß die Geisteswissenschaften dieser Aufgabe nur gewachsen sind, wenn sie von ihren eigenen Mitteln nicht absehen. Der überzogene forschungspolitische Anspruch, wonach die Biologie von vorneherein den konzeptionellen Rahmen für alle Sozial- und Geisteswissenschaften bilden soll, ist zwar seit dem Aufkommen der Soziobiologie nicht mehr verstummt. Doch herrscht heute weitgehend Einigkeit, daß dieser Wahn einer All- und Alleinzuständigkeit geradewegs in den Biologismus führt, statt die Biologie als Schrittmacher der Erkenntnis zu nutzen.
Wissenschaftsfeindliches Ressentiment
Zu den wirkmächtigsten Versuchen der jüngsten Zeit, den Ball der Naturwissenschaften mit genuin geisteswissenschaftlichen Mitteln aufzunehmen, gehören von philosophischer Seite die entsprechenden Bücher von Jürgen Habermas (“Zwischen Naturalismus und Religion“) sowie von Robert Spaemann (“Natürliche Ziele“ als Neubearbeitung der „Frage wozu?“). Beide Autoren stellen mit teilweise ganz unterschiedlichen Folgerungen den Befund ins Zentrum, daß der Mensch sich selbst zum Anthropomorphismus geworden ist, sich also auch im Alltag immer öfter in der experimentellen Laborperspektive wahrnimmt. Höchst inspiriert wird hier nach den Grenzen einer wissenschaftlichen Vergegenständlichung gefragt, die aus sich heraus keine derartigen Grenzen kennt.
In Büchern wie diesen faßt man die gründliche Auseinandersetzung mit einem Thema, das wie kein zweites die Zukunft der Gattung betrifft. Es sind Bücher, die in ihrer Widerborstigkeit dem Selbstverständnis neue Horizonte eröffnen, Aufklärungsschriften, die sich durch die biologischen Herausforderungen produktiv verunsichern lassen. Auf einem solchen Niveau muß man das Thema durchdenken und dann in die populäre Lesewelt übersetzen, will man es nicht dem boomenden Buchmarkt der Esoteriker und Obskuranten überlassen. Das wissenschaftsfeindliche Ressentiment, das dieser Boom zur Buchmesse wieder freisetzt, hält sich für Kulturkritik und kokettiert doch nur mit der Ignoranz.
Illusorische Erforschung
Naturgemäß treten die Herausforderungen der Biologie nicht unabhängig von der Kultur auf, in der sie sich artikulieren. Daß sie sich quer durch die Kulturen im wesentlichen aber doch ähneln, läßt sich besonders konzentriert am Gang der Diskussion beobachten, die der Dalai Lama seit Jahren mit den Kognitionswissenschaften führt. All die Fragen nach dem Ausmaß der Determiniertheit durch Gene und Neuronen werden im östlichen Kulturkreis ja dadurch entschärft, daß dort der Fluchtpunkt des Selbst auf den ersten Blick ohnehin eher im Nichtselbst liegt. So scheinen buddhistische Traditionen mit der wissenschaftlichen Neutralisierung des Ich-Begriffs zunächst erheblich weniger Probleme zu haben als westliche.
Um so aufschlußreicher ist das entschiedene Plädoyer des Dalai Lama, die Perspektive der ersten Person in die wissenschaftliche Methodik zu integrieren. Eine breitgefächerte Erforschung des Bewußtseins sei illusorisch, wenn sie einer Perspektive der dritten Person verhaftet bleibe, schreibt er in dem neuen Buch „Die Welt in einem einzigen Atom“. Offenbar ist man, was die Risikobeurteilung des Szientismus angeht, im Westen wie im Osten bei allen Unterschieden nicht weit auseinander.
In keiner Figur wird dieses große Zukunftsthema so faßbar wie in Charles Darwin, dem Markennamen für umwälzende Erkenntnis, dessen Evolutionstheorie im Mittelpunkt der Biologie steht. In Frankfurt wirft das Darwin-Jahr 2009, in das der zweihundertste Geburtstag des Naturforschers fällt, seine Schatten in mehreren Werken voraus. In dem Buch „Darwins Korallen“ zeigt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp an einem Detail, wie sich der Einfluß der Evolutionstheorie weit über die Biologie und Politik hinaus auch auf die schönen Künste erstreckt. Bredekamps schmaler Band, so angreifbar er in seiner Methodik im ganzen auch ist, hat doch ein Genre miteröffnet.
Die Fragen, die Darwin unserem Selbstbild hinterlassen hat, werden uns in den nächsten Jahren nicht mehr loslassen. Sie werden in vielen noch zu schreibenden Büchern neu aufbrechen.