Ein kleines Zitat aus einem spätbyzantinischen Werk, das Papst Benedikt XVI. unlängst in seine Vorlesung in Regensburg einbaute, war in der Lage, den sogenannten „Kampf der Kulturen“ wieder anzuheizen, jedenfalls was die muslimische Seite betrifft. Was ist das für ein Buch?
Es heißt im griechischen Original „Dialogos“ („Streitgespräch“) und wurde von Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350-1425) aufgezeichnet, wohl um das Jahr 1400 herum, als er den byzantinischen Thron innehatte. Der Kaiser widmete das Werk seinem Bruder Theodoros, dem Despoten von Morea (Peloponnes).
Unaufgeregter Umgang
Der Herausgeber, Adel Theodor Khoury, ein melkitischer Christ aus dem Libanon, heute emeritierter Professor in Münster, hat nicht nur den Originaltext der sogenannten Siebten Kontroverse (dialexis) im byzantinischen Griechisch publiziert und ins Französische übersetzt, sondern in einer ausführlichen Einführung dieses Streitgespräch zwischen dem Kaiser (Basileus) und einem Perser (Perses) namens Mudarris auch in seinen unmittelbaren historischen Zusammenhang gestellt. Als Fazit bemerkt der Herausgeber übrigens, in welch unaufgeregter, alles andere als haßerfüllter Weise die beiden Disputanten miteinander umgegangen sind, jedenfalls wenn man den Aufzeichnungen Kaiser Manuels glaubt.
Das Gespräch fand im Jahre 1391 im Winterlager in Ancyra statt. Manuel war damals, bevor er entweichen und sich erfolgreich in die konstantinopolitanischen Thronwirren stürzen konnte, am Hof des Sultans Beyazit Yildirim faktisch als Faustpfand, denn die Byzantiner waren längst Vasallen der unwiderstehlich siegreichen osmanischen Türken geworden. Diese hatten die Stadt Konstantinopel eingekreist, schon war dort auch eine Moschee errichtet worden. Die Türken kontrollierten nicht allein die Dardanellen, sondern übten mit der Zwingfeste Anadolu Hisar auch schon die Kontrolle über den Zugang nach Konstantinopel vom Schwarzen Meer aus aus.
„Ich habe euch einen leichten Weg gewiesen“
In dieser für das einstmals so mächtige Reich, das unter Justinian und Herakleios drei Kontinente umspannt hatte, fast schon letalen Situation kam es zu jenem denkwürdigen Religionsgespräch. Wie der Dialogos zeigt, waren sich Manuel und der Perser rasch darüber einig, daß die Juden durch das Gesetz des Moses zu Kindern Gottes geworden seien. Der Christ merkt freilich - anscheinend als Anspielung auf die Regelhaftigkeit des jüdischen Gesetzes - an, daß der Glaube (pistis) eine Frucht der Seele (psyches), nicht des Körpers (somatos) sei.
Zuvor hatte er beiläufig gefragt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes (apanthropotaton) finden, wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben durch das Schwert zu verbreiten . . .“ (S. 143). Der Muslim bestätigt, daß die christlichen Doktrinen den jüdischen überlegen seien: „Ich habe gesagt, ich sage und ich werde sagen, daß das Gesetz Christi gut und schön ist und besser als das alte.“ Damit meint er das jüdische, die Tora.
Dann fügt er hinzu: „Doch überlegen über beide ist das meinige.“ Am Christentum bemängelt er, es sei „sehr hart und schwer (zu erfüllen). Der Prophet Mohammed hingegen habe einen mittleren Weg gewiesen, sein Gesetz sei sanfter und „menschlicher“ (philanthropotera). Mudarris greift hier eine Argumentation auf, die Muslimen vertraut ist und die in dem Vers gipfelt: „Ich habe euch einen leichten Weg gewiesen.“
Mohammed als „Siegel der Propheten“
Tatsächlich kennt das islamische Gesetz vielerlei Dispense - vom Fasten angefangen bis zum Krieg. Der Perser moniert, wie schwer es sei, „die Feinde zu lieben und für sie zu beten“ oder auch „seine Eltern und Brüder, ja die Seele selbst zu hassen“ und anderes. Die Juden hätten die wahre Religion gehabt bis zur Ankunft Christi, die Christen dann bis zur Ankunft Mohammeds, der das „vollkommene Gesetz“ (ton nomon ton teleotaton) überbracht habe.
Letzteres Wort enthält ein Element der Zielgerichtetheit (telos, Teleologie), an die der Islam bis heute glaubt: Daß der Prophet Mohammed kommen mußte, um als „Siegel der Propheten“ den monotheistischen Glauben zu perfektionieren. Danach kann es keine Offenbarung mehr geben. Der Kaiser antwortet, die christlichen Tugenden seien, wenn man sie recht verstünde, sehr wohl zu verwirklichen, widersprächen nicht der Natur, habe Jesus doch gesagt, er sei gekommen, „das Gesetz zu erfüllen“, nicht es aufzuheben. Der Disput kreist insgesamt um die Frage, welches der drei „Gesetze“ besser sei. In seiner damaligen bedrückenden und bedrängten Lage hatte der byzantinische Kaiser wenig Anlaß, den Islam als friedfertig zu preisen.
Manuel II Paléologue. Entretiens avec un Musulman; introduction, texte critique, traduction et notes par Théodore Khoury, Editions du cerf, Paris 1966.
Nicht neu.
(DWeiers)
- 26.09.2006, 13:36 Uhr