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Brücke von Mostar Versöhnung durch Dekret

22.07.2004 ·  Die Alte Brücke von Mostar steht wieder, die neue Friedensordnung noch nicht.

Von Michael Martens, Belgrad
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Der Balkan liegt seit Wochen unter einer Hitzeglocke, doch an diesem Freitag wird es wohl hageln in Mostar. Mit Allegorien und Metaphern zur Einweihung des neuen "Stari Most", der "Alten Brücke", die in der Hauptstadt der Hercegovina wieder über die Neretva führt, wurde schon in den vergangenen Tagen nicht gespart, und in den Festreden dürften sie ebenfalls auf die Zuhörer niederprasseln, die Bilder von der Brücke der Versöhnung, der Brücke zwischen den Epochen, Völkern, Religionen und Kulturen.

Ein Jahrzehnt und acht Monate nach ihrer Zerstörung durch gezielten kroatischen Beschuß am 9. November 1993 wird das originalgetreu und mit alten Handwerkstechniken wiedererrichtete Bauwerk, dessen durch die Jahrhunderte hindurch von Reisenden bewundertes Vorbild 1566 unter osmanischer Herrschaft entstanden war, nun wieder der Öffentlichkeit übergeben. Viel ist geschehen seit jenem Kriegsnovembertag in der Hercegovina.

Spuren des Krieges unübersehbar

Die meisten befehlsgebenden Täter von damals sind hinter Schloß und Riegel oder tot. Slobodan Praljak, ein ehemaliger Theatermacher, Filmproduzent und Philosophiedozent, der während des Krieges bis zum stellvertretenden Verteidigungsminister Kroatiens aufstieg und als Befehlshaber der bosnisch-kroatischen Truppen die Zerstörung der Brücke angeordnet haben soll, wurde mit fünf anderen Führern jener Zeit im März dieses Jahres vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag angeklagt. Er hat sich gestellt und wartet nun in den Niederlanden auf seinen Prozeß. Auch die baulichen Wunden der Stadt vernarben langsam, obwohl die Spuren des Krieges noch in vielen Straßen unübersehbar sind.

Ein anderes Versöhnungswerk für Mostar, wo zu Beginn der neunziger Jahre erst Kroaten und (muslimische) Bosniaken gegen die Serben kämpften, um dann, nachdem der gemeinsame Gegner vertrieben war, übereinander herzufallen, ist noch nicht so weit fortgeschritten wie der Brückenneubau. Die Wiedervereinigung der zwischen Bosniaken und Kroaten geteilten Stadt macht nur langsame Fortschritte, und die Rückkehr vertriebener Serben findet eher auf dem Papier als in der Wirklichkeit statt.

Andauernde Teilung der Stadt

Zwar können Serben ihre oft mit den Spenden internationaler Hilfsorganisationen wieder aufgebauten, nicht selten von Kroaten oder Bosniaken besetzten Häuser und Wohnungen aus der Vorkriegszeit zurückerhalten, doch die meisten verkaufen sie dann umgehend, um rasch in jene Gebiete des Landes zurückzukehren, in denen ihr eigenes Volk in der Mehrheit ist, weil auch dort die Minderheiten vertrieben wurden.

So werden die ethnischen Säuberungen der neunziger Jahre vollendet, nun allerdings friedlich und mit Einträgen bei den Katasterämtern. Um die andauernde Teilung der Stadt in je drei voneinander abgeschottete kroatische und bosniakische Gemeinden zu überwinden, hat zu Beginn dieses Jahres Paddy Ashdown eingegriffen, der resolute, mächtige, aber nicht unumstrittene Hohe Vertreter der Staatengemeinschaft in Bosnien-Hercegovina.

Neues Statut

Nachdem zwei von ihm eingesetzte Kommissionen an der Aufgabe gescheitert waren, einen von allen Seiten akzeptierten Wiedervereinigungsplan für die Stadt auszuarbeiten (und die lokalen Parteien sich weiter uneinig zeigten), dekretierte er im Januar ein neues Statut für die Stadt. Die sechs Gemeinden sind nun abgeschafft, an der Zusammenführung der bisher getrennten städtischen Dienste, von der Feuerwehr bis zur Müllabfuhr, wird gearbeitet.

Damit die Interessen der Bosniaken gewahrt bleiben, die gegenüber den Kroaten seit dem Krieg in der Minderheit sind, schreibt das neue Statut eine Zweidrittelmehrheit für viele Entscheidungen im neuen Stadtrat vor. Das Quorum gilt für die Verabschiedung des Budgets, muß aber auch bei scheinbar weniger grundsätzlichen Entscheidungen erreicht werden, etwa für die Umbenennung von Straßen und Plätzen. Das ist nicht nebensächlich in Mostar, wo gegensätzliche Geschichtsbilder miteinander konkurrieren und eine Seite gern einen Boulevard nach einem "Freiheitskämpfer" benannt sähe, der dem anderen Volk als "Schlächter" in Erinnerung ist.

„Politische Brücke“

Ashdown bezeichnete das von ihm verfügte Statut als "die politische Brücke, die die Stadt Mostar wiedervereinigen wird", doch, kaum überraschend, stellte sein Vorstoß nicht alle zufrieden. Am ehesten entspricht die jetzige Lösung noch den wenigen verbliebenen Serben, denn ihnen sind in der städtischen Verfassung Posten garantiert, die ihrem Bevölkerungsanteil vor dem Krieg entsprechen. Im Stadtrat mit seinen 35 Mitgliedern sind den Serben deshalb mindestens vier Sitze sicher, was sie in Mostar zum Mehrheitsbeschaffer werden lassen kann.

Die kroatischen Politiker beschwerten sich prompt, daß ihr Volk zwar etwa 60 Prozent der Bevölkerung Mostars stelle, aber weniger als die Hälfte der Plätze im Stadtrat bekommen soll. Seit ihr Wahlvolk die Mehrheit in der Stadt stellt, sprechen sich vor allem die lokalen Vertreter der in Bosnien-Hercegovina noch immer nationalistischen Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft für die vollständige Vereinigung der Stadt aus, ohne lästige Sperrklauseln für die Minderheiten.

Die bosniakischen Parteien hingegen, allen voran die von dem im Oktober vergangenen Jahres verstorbenen Staatspräsidenten Alija Izetbegovic gegründete Partei der Demokratischen Aktion (SDA), die einst ebenfalls eine Vereinigung der Stadt verfocht, halten nicht mehr viel von dieser Idee, seit sie in der Minderheit sind. In einigen aufgelösten Stadtbezirken fanden Protestreferenden gegen die dekretiere, Vereinigung statt.

Weiter Weg zur Normalität

Dabei gab es Zeiten, als der ethnische Proporz in der Stadt kaum eine Rolle spielte. Mostar hatte einmal die höchste Rate an gemischten Ehen im alten Jugoslawien. Im Vorkriegs-Mostar stellten Bosniaken und Kroaten nach der letzten gesamtjugoslawischen Volkszählung je etwa ein Drittel der Einwohner. Knapp ein Fünftel der Befragten bezeichneten sich damals als Serben, von den übrigen zwölf Prozent gaben die meisten an, "Jugoslawen" zu sein. Im heutigen Dreivölkerbosnien, wo alle Posten streng nach ethnischem Proporz besetzt werden, ist das kaum noch vorstellbar.

Nirgends in Titos Diktatur schien die Verschmelzung zu einer Nation der Südslawen so gelungen wie in der Stadt an der Neretva. Doch das multiethnische Modell überstand auch dort nicht die Probe der neunziger Jahre. Mostar lebt heute in Frieden, aber der Weg von einem bosnischen Nikosia oder Belfast zur Normalität einer europäischen Großstadt ist noch weit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2004, Nr. 169 / Seite 10
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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