04.02.2010 · Großbritannien ist für viele Hochschulreformer vorbildhaft. Dort glauben viele stark ans schnelle, marktkonforme Studieren, an den so genannten „Impact“, den ein Studium haben muss. Wohin das führen kann, zeigen Londoner Pläne, die das Ende der Wissenschaftsfreiheit wären.
Von Christopher MetcalfIn England liegt alle Macht in Whitehall, dem Londoner Regierungsbezirk. Auch das Hochschulwesen wird zentral gelenkt, ein oder zwei maßgebliche Politiker verfügen über gewaltige Ausgaben für Lehre und Forschung. Kommt es - wie derzeit - zu einer schweren Haushaltskrise, sind Universitäten und Wissenschaften unmittelbar betroffen. Die sozialdemokratische Labour-Regierung hat deren Etat bereits um über 900 Millionen Pfund gekürzt. Doch die Universitäten sollen nicht bloß sparen, sondern das nur langsam wieder in Gang kommende Wirtschaftswachstum beschleunigen. Für die englische Hochschulpolitik ist seit dem vergangenen Juni das Wirtschaftsministerium verantwortlich, das „Department for Business, Innovation and Skills“ von Lord Mandelson. Wie sich jetzt zeigt, hat diese ungewöhnliche Ressorteinteilung ernste Folgen.
Nach den Plänen des Wirtschaftsministers werden künftig alle Hochschulen öffentlich darlegen müssen, inwiefern sie ihre Studenten auf die Arbeitswelt vorbereiten. Die Arbeitgeber erwarteten von den Absolventen nicht nur fachliche „hard skills“, sondern auch allgemein-praktische „soft skills“, erläuterte Mandelson im Oberhaus. Gemeint sind die Fähigkeit zu Teamarbeit, Geschäftssinn und kommunikatives Talent. Solche Fähigkeiten erwerben britische Studenten üblicherweise nebenher - im Debattierklub, beim Sport -, nun sollen sie offenbar im Curriculum formalisiert werden.
Rasch und marktorientiert
Das Wirtschaftsministerium sähe es auch gern, wenn die Universitäten künftig vermehrt zweijährige Express-Abschlüsse anböten, um die Studenten noch schneller in den Beruf zu bringen. Studiert wird nicht mehr nur zwischen Schule und Beruf, sondern auch später, neben oder sogar nach dem Beruf - vor allem aber so rasch und so marktorientiert wie möglich. Begriffe von akademischer Bildung sind in den Programmschriften der Regierung nicht zu finden, dafür ist überall von „skills“ die Rede.
Angesichts der schlechten Haushalts- und Wirtschaftslage ist das Geschick von Minister Mandelson - der zweitmächtigste Mann im Kabinett Brown - in der Tat besonders gefordert. Die bevorstehende Unterhauswahl, die spätestens bis Anfang Juni stattfinden muss, zwingt zu überzeugenden Maßnahmen. Das Haushaltsdefizit beträgt bereits 12,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, weshalb die Regierung Einsparungen in Höhe von 57 Milliarden Pfund durch Steuererhöhungen und Haushaltskürzungen plant. Ende Dezember bestätigte Mandelson Einsparungen von 315 Millionen Pfund bei den Universitäten. Zuvor hatte der Schatzkanzler das längerfristige Hochschul- und Wissenschaftsbudget bereits um 600 Millionen Pfund reduziert.
Die üblichen Weltuntergangsszenarien werden entworfen
Seither werden die üblichen Weltuntergangsszenarien entworfen. Über 800 Jahre habe man gebraucht, um ein weltweit führendes Bildungswesen hervorzubringen, klagt ein Verband britischer Spitzenuniversitäten, die sogenannte Russell Group. Nun spare die Regierung es innerhalb kürzester Zeit kaputt. Allerdings verweist die Regierung darauf, dass die Budgets der Universitäten in den letzten zehn Jahren gerade auch durch massive staatliche Direktinvestitionen stark gestiegen sind. Verfügte das gesamte britische Hochschulwesen (wovon das englische bei weitem den größten Teil ausmacht) im Jahr 1998/99 über Einnahmen von knapp über zwölf Milliarden Pfund, lagen die Einkünfte 2007/08 bei fast 23,5 Milliarden.
Über die Zukunft einer wichtigen Geldquelle, der Studiengebühren, die über vier Milliarden Pfund zum Etat beitragen, lässt Wirtschaftsminister Mandelson derzeit eine Kommission unter Vorsitz von Lord Browne beraten, dem früheren Vorstandsvorsitzenden der Ölfirma BP. Die Gebühren liegen bei etwas über 3000 Pfund für Briten und EU-Bürger, für Ausländer wesentlich höher. Der Arbeitgeberverband, auf dessen Rat Mandelson gerne hört, hat eine Anhebung für unvermeidlich erklärt. Außerdem solle der Staat seine Studienkredite künftig zu Marktkonditionen verzinsen. In Browne als erfolgreichem Geschäftsmann und Mitglied der Royal Society, einer britischen Akademie der Wissenschaften, sieht Mandelson wohl ein Vorbild für den gesamten Sektor. Die Kommission berichtet erst im Sommer oder Herbst, also nach der Unterhauswahl.
Zwischen Cambridge-Abschluss und Bachelor in Kräutermedizin
Wie sich die bereits angekündigten Kürzungen auswirken und ob weitere hinzukommen, wird sich im Laufe des Jahres erweisen. Der Begriff der Universität umfasst in England alles zwischen Cambridge und früheren Fachhochschulen wie der University of Westminster, die einen Bachelor in Kräutermedizin anbietet. Die Regierung hat nun deutlich gemacht, dass sie an den Ausgaben für Forschung nicht sparen will. Deshalb könnten vor allem die zahlreichen jüngeren Universitäten, die eher lehren als forschen und viele Studenten haben, unter Druck geraten. Im Gegensatz zu den wenigen älteren, reicheren Universitäten wären sie auch kaum in der Lage, ihre Aufwendungen für die Lehre aus anderen Budgets zu subventionieren.
Damit wäre das gesellschaftspolitische Ziel der Labour-Regierung gefährden, die Hälfte aller Achtzehn- bis Dreißigjährigen studieren zu lassen. Derzeit hält das Wirtschaftsministerium an der Quote fest, was angesichts der bevorstehenden Wahlen verständlich ist. Die oppositionellen Konservativen, die die Macht übernehmen könnten, lehnen dagegen jede Zahlensymbolik ab. Die Grundzüge ihrer eigenen Hochschulpolitik haben sie aber noch nicht klar umrissen. Trotz aller Kürzungen können sich jedenfalls die wirtschaftlich relevanten „Stem“-Fächer (=Mint-Fächer) - Naturwissenschaften, Technologie, Ingenieurwissenschaften, Mathematik - besonderer Förderung sicher sein. In der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft sieht Mandelson ein vorbildliches Beispiel für die Zusammenarbeit von universitärer Forschung und Industrie. Derzeit lässt er untersuchen, wie man dieses Modell in Großbritannien am besten nachahmen könnte.
Was ist mit den Geisteswissenschaften?
Was aber ist mit den Disziplinen, die nicht unmittelbar zur Wirtschaftsleistung beitragen? Nach den Plänen der Regierung werden künftig auch etwa Geisteswissenschaftler, sofern sie staatliche Forschungsmittel beantragen, die „wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung“ ihrer Arbeit nachweisen müssen. Dieser „economic and social impact“ soll in die regelmäßige Evaluierung der Forschungsleistungen der einzelnen Fakultäten einfließen, nach der sich die Vergabe staatlicher Mittel richtet.
Derzeit überlegt die zuständige Behörde, wie sich die recht vagen politischen Vorgaben am besten umsetzen ließen. Dazu hat sie auch Vorschläge aus den Universitäten eingeholt. Die Reaktionen fielen eher negativ aus. Eine Umfrage der Hochschulgewerkschaft unter sechshundert Professoren ergab eine Ablehnungsquote von fast siebzig Prozent. Es bestehe die Gefahr, schrieb die Universität Cambridge in ihrer Eingabe, erstklassige Universitäten zu zweitklassigen Unternehmen zu machen. Die Forschung müsse weiterhin ihren eigenen Gang gehen dürfen. Allenfalls ein Zehntel (die Regierung hatte ein Viertel vorgeschlagen) der „Bewertung“ von Forschungsleistungen solle von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung abhängen. Auch die Konservativen haben sich zuletzt skeptisch geäußert.
Die wissenschaftliche Qualität der Forschungsleistung wird zwar nach den bisher veröffentlichten Plänen das zentrale Kriterium bei der Evaluierung bleiben. Darüber hinaus soll aber jeder Forscher aktiv die wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz seiner Arbeit erhöhen. Hier setzt ein besonders listiges Verfahren an. Werden seine Forschungsergebnisse nur von anderen aufgegriffen - man denke an einen populären Film über Alexander den Großen, der sich wissenschaftliche Erkenntnisse zunutze macht -, kann der Forscher sich dies nicht anrechnen. Er muss schon selbst an einem Projekt mitwirken, das bewusst auf „impact“ zielt, das etwa zu einer gutbesuchten Museumsausstellung führt.
Zwei Szenarien sind denkbar
Genau besehen, hat die zuständige Behörde einen möglichst breiten Begriff von „impact“ vorgeschlagen: Darunter fällt alles, was sich wirtschaftlich und gesellschaftlich, aber auch politisch und kulturell sichtbar auswirkt oder die Lebensqualität verbessert. Denkbar sind nun zwei Szenarien. Zum einen könnte die Behörde gegen allen Widerstand eine strenge Definition des „impact“, des Erfolgsindikators, durchsetzen. Dies bedeutete, dass an englischen Universitäten nicht mehr nur um der Wissenschaft willen geforscht werden könnte. Die Folgen solch einer intellektuellen Katastrophe wären kaum abzusehen. Zum anderen könnte der Begriff „impact“ beibehalten, aber so weit verwässert werden, dass nur der bürokratische Mehraufwand übrig bliebe. Die Forscher würden dann weiter an ihren Projekten arbeiten, denen sie aber zusätzlich noch (irgend)eine wirtschaftliche oder gesellschaftliche Interpretation geben müssten.
Das Wirtschaftsministerium beteuert stets, die Autonomie der Hochschulen zu achten. Gleichzeitig kontrolliert die Regierung große Etats und greift auf diese Weise durch viele kleine Konditionen in die Autonomie ein. Die englischen Universitäten bemühen sich, auch auf Anraten der Regierung, eigenes Vermögen aufzubauen. So könnte es eines Tages dazu kommen, dass die reichsten unter ihnen genug angesammelt haben, um durch Zinseinnahmen die staatlichen Subventionen zu ersetzen. Dies sagt (noch) kaum jemand laut. Denn dann könnten einige Universitäten auf den Gedanken kommen, sich den immer neuen politischen Vorgaben zu entziehen und - privat zu werden.