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BND-Bericht „Wir sind in dieser Sache zusammen“

28.02.2006 ·  Als militärische Großmacht verfügen die Amerikaner selbst über eine gutausgestattete Aufklärung. Doch immer wieder wird über angebliche BND-Informationen aus dem Irak für sie berichtet - in wessen Interesse?

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Sie haben alle ihre Geheimdienstfachleute: die Zeitungen, die Radiostationen, die Fernsehsender in Amerika. Manche von ihnen beschäftigen sich seit Jahr und Tag mit der Arbeit und den Machenschaften der insgesamt 15 amerikanischen Geheimdienste, Überwachungs- und Abwehrbehörden. Die Informationen, welche die Reporter von ihren (stets als anonym bezeichneten) Quellen beziehen, werden exklusiv und oft prominent plaziert den Lesern, Zuhörern und Zuschauern zugänglich gemacht. Mitunter erkennt der aufmerksame Medienkonsument aber ein Muster, nach welchem verschiedene Berichterstatter - ohne voneinander zu wissen - von ihren Quellen gezielt mit Informationen „gefüttert“ werden.

Auffallend an den jüngsten Medienberichten über die Zusammenarbeit amerikanischer und deutscher Behörden während der Regierungszeit von Bundeskanzler Schröder, die trotz des lärmend ausgetragenen Streits über den Irak-Krieg stattfand, ist deren Häufung in den vergangenen Wochen. Das legt die Vermutung nahe, daß schon hinter den Enthüllungen über das Wissen deutscher Regierungsstellen über geheime CIA-Gefangenenflüge eine Absicht steckte - und vermutlich auch jetzt in der Bekanntgabe von angeblich vom Bundesnachrichtendienst (BND) an die Amerikaner weitergegebenen Verteidigungsplänen Saddam Husseins.

Häppchenweise durchsickernde Informationen

Nach der Abwahl von Schröder und Außenminister Joseph Fischer, die Deutschland nicht nur in Wahlkämpfen gegen die „Abenteuerpolitik“ von Präsident Bush als „Friedensmacht“ zu positionieren suchten, soll wahrscheinlich der in Washington vielerorts als penetrant selbstgerecht und unverhohlen antiamerikanisch empfundenen deutschen Öffentlichkeit klargemacht werden, daß Berlin und Washington im Krieg gegen Saddam Hussein enger zusammengearbeitet haben, als es die deutsche Regierung darstellte. Die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice pflegt in dem Zusammenhang sibyllinisch zu sagen: „Wir sind in dieser Sache zusammen.“ Die häppchenweise durchsickernden geheimen Informationen lesen sich wie eine Erläuterung dieser Aussage.

Der als zuverlässig geltende Reporter Michael Gordon, der seit 1985 bei der „New York Times“ ist, war unter anderem als Korrespondent in London und Moskau tätig. Er berichtet seit vielen Jahren aus dem Pentagon und über das amerikanische Militär und hat dieser Tage ein Buch über den Irak-Krieg veröffentlicht. Ob Gordon für seinen Bericht in der linksliberalen „New York Times“, deren Glaubwürdigkeit wegen erfundener Reportagen und wegen ihrer oft kampagnenhaften Kommentierung in den vergangenen Jahren Schaden genommen hat, von einem Geheimdienst des Pentagons aus politischen Gründen gezielt „gefüttert“ oder gar mit gefälschten Informationen über die Rolle des BND in Bagdad versorgt wurde, ist bisher nicht bekannt.

Verläßliche Informationen Gold wert - egal von wem

In jedem Fall waren verläßliche Informationen über die irakische Verteidigungsstrategie im Februar 2003 für die Amerikaner aber Gold wert - gleichgültig, von wem sie kamen. Die Erkenntnis, daß Saddam Husseins Truppen einen dichten Verteidigungsring um die Hauptstadt bilden würden, ermöglichte dem Pentagon, den eigenen Kriegsplan entsprechend abzustimmen. Tatsächlich suchten die Amerikaner nach Kriegsbeginn so schnell es ging die Entscheidung vor den Toren Bagdads. Schon am fünften Kriegstag, dem 24. März, griffen amerikanische Kampfhubschrauber Einheiten der Medina-Division der Republikanischen Garde 90 Kilometer südlich von Bagdad an.

Es folgten tagelange amerikanische Bombardements aus der Luft, mit der die Eliteeinheiten des Baath-Regimes systematisch mürbe geschossen wurden. Am Schluß konnten die amerikanischen Bodentruppen den Ring um Bagdad, der im wesentlichen aus drei Divisionen der gefürchteten Republikanischen Garde bestand, ohne große Mühe durchbrechen. Die Iraker setzten auch nicht wie befürchtet Chemiewaffen ein, als die letzte „rote Linie“ um die Hauptstadt überschritten wurde.

Alle verfügbaren Truppenteile sofort nach Bagdad

Fällt Bagdad, dann stürzt Saddam Hussein - so lautete von Anfang an die Logik des amerikanischen Kriegsplans. Auf dem 500 Kilometer langen Marsch von Kuweit ins Zentrum der irakischen Macht hielten sich die Amerikaner deshalb nicht lange mit Nebenschauplätzen auf. Zwar bildeten sie auch um kleinere Städte wie Nassirija Belagerungsringe und ließen die Briten um die südliche Metropole Basra kämpfen. Ansonsten wurden aber alle verfügbaren Truppenteile sofort in Richtung Bagdad in Marsch gesetzt. Kein Zweifel: Die Amerikaner wußten, daß Saddam nicht versuchen würde, sie auf den Einfallstraßen weit vor Bagdad aufzuhalten, wie das ältere irakische Verteidigungspläne vorsahen, sondern sich entschieden hatte, einen Ring um die Hauptstadt zu legen.

Allerdings ist nicht bekannt, ob das Pentagon auf Informationen des BND angewiesen war, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Als militärische Großmacht verfügen die Amerikaner selbst über eine gutausgestattete Aufklärung, der die Kriegsvorbereitungen der Iraker nicht entgangen sein dürften. Schon auf Satellitenbildern müßte Anfang 2003 zu erkennen gewesen sein, daß die Iraker Truppen um Bagdad herum zusammenzogen.

Bewegung ohne größere Einschränkungen

In den Wochen vor dem Angriff konnten sich Ausländer in Bagdad und Umgebung sowieso ohne größere Einschränkungen bewegen und sich dabei einen, wenn auch oberflächlichen, Eindruck von den militärischen Vorbereitungen verschaffen. Zum Teil flossen solche Informationen in Zeitungsberichte ein, die schon Anfang 2003 Hinweise darauf enthielten, daß in Bagdad ein aus mehreren Ringen bestehendes Verteidigungssystem aufgebaut wurde.

Wer im Februar und März 2003 in Bagdad unterwegs war, konnte sehen, wie im Norden links und rechts der Hauptstraße nach Takrit im Abstand von wenigen Kilometern größere Geschützstellungen aufgebaut wurden. Erdarbeiten im Stadtgebiet, etwa in der Nähe der Daura-Raffinerie im Süden, ließen auf Vorbereitungen für die Gräben schließen, in denen später Öl verbrannt wurde, um den Angreifern die Sicht zu nehmen - Vorbereitungen, die offenbar Teil des neuen irakischen Verteidigungsplanes waren.

Quelle: F.A.Z., 28.02.2006, Nr. 50 / Seite 2
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