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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

BND-Affäre im Kosovo Drei Deutsche unter Geiern

 ·  Die BND-Affäre im Kosovo gibt immer noch Rätsel auf. Um mehr über eine albanische Bande zu erfahren, die mit Menschen, Rauschgift und Waffen handeln soll, wurden Geheimdienst-Mitarbeiter auf den Balkan geschickt. Sie gerieten in eine Affäre, die auch als Vorlage für einen Karl-May-Roman geeignet wäre.

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Über den Balkan, der seit Jahrhunderten Europas Abenteuerspielplatz und Experimentierfeld ist, wurde viel Unsinn geschrieben. Am wirkungsmächtigsten von Karl May, der seine Leser in „Der Schut“, „Durch das Land der Skipetaren“ oder „In den Schluchten des Balkan“ durch eine topografisch mitunter durchaus realistische Landschaft führt. Ihre Bewohner aber lässt er als wandelnde Holzschnitte durch die Szenerie laufen. Die bulgarische Historikerin Maria Todorowa hat beschrieben, wie im Gefolge des sächsischen Großflunkerers eine Heerschar weniger talentierter Schriftsteller auftauchte, deren heute vergessene Werke ebenfalls am Balkan spielen und Europas Vorstellung von dieser angeblich wildromantischen Gegend nährten. An den Erfolg von Mays Balkanromanen konnte jedoch kein einziger Nachahmer anknüpfen.

Unvergessen ist Kara Ben Nemsis Welt aus dunklen Schluchten und schummrigen Grenzschänken, wo die Leute zur Bekämpfung von bösen Geistern schon mal verdächtige Leichen aus ihren Gräbern holen, um ihnen einen geweihten Pfahl ins Herz zu rammen. Der musste zuvor mit dem Fett eines acht Tage vor Weihnachten geschlachteten Schweins bestrichen werden, da der Zauber sonst bekanntlich nicht wirkt. Auf Karl Mays Balkan sind Gut und Böse meist sauber getrennt, die Feindbilder sind so gepflegt wie ein englischer Rasen – und über allem thront, erzbalkanisch, die Undurchschaubarkeit der Einheimischen.

Wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar für den BND

Über all die Schablonen und Zerrbilder kann man natürlich die Nase rümpfen, doch das Schöne an diesen Klischees ist, dass sie manchmal zutreffen. Was sich in der vergangenen Woche im Kosovo abgespielt hat, wirkt wie die moderne Bearbeitung eines Mayschen Romans. Die Inhaltsangabe der bisher veröffentlichten Kapitel müsste ungefähr so lauten: Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar sind inzwischen für den Bundesnachrichtendienst (BND) tätig.

Gemeinsam mit einem dritten Gefährten wurden sie unter den Decknamen Robert Z., Andreas B. und Andreas J. in das Kosovo geschickt, um Näheres über die gefährliche Bande des Schut herauszufinden, die wieder einmal ihr Unwesen treibt. Die Bande wird verdächtigt, Menschen, Rauschgift und Waffen vom Balkan weiter nordwärts zu schmuggeln. An einer Aufklärung hat der BND schon deshalb Interesse, weil im Kosovo mehr als 2200 Soldaten der Bundeswehr stationiert sind. Doch um die Verfolger zu verwirren, hat der Anführer der Schut-Bande unter dem Namen Hashim Thai im Januar dieses Jahres eine Stelle als kosovarischer Ministerpräsident angenommen und das Kosovo kurz darauf, am 17. Februar, auch noch zu einem unabhängigen Staat erklärt. Außerdem hat er mächtige Freunde aus der Zeit des letzten Krieges gegen die Serben, denn Thai, den sie „die Schlange“ nennen, war damals Anführer der „Befreiungsarmee Kosovo“.

Drahtzieher der organisierten Kriminalität

Es ist also nicht so einfach, an ihn heranzukommen. Immerhin haben andere Agenten des BND schon gute Vorarbeit geleistet: Im Februar 2005 gelangte eine Analyse der deutschen Geheimdienstleute an die Öffentlichkeit, in der Thai und andere Mitglieder seiner Bande als Drahtzieher der organisierten Kriminalität in der Region beschrieben werden. Im Kosovo, steht darin, bestünden „engste Verflechtungen zwischen Politik, Wirtschaft und international operierenden OK-Strukturen.

Die dahinterstehenden kriminellen Netzwerke fördern dort die politische Instabilität. Sie haben kein Interesse am Aufbau einer funktionierenden staatlichen Ordnung, durch die ihre florierenden Geschäfte beeinträchtigt werden könnten.“ An diese Arbeit sollen Kara Ben Nemsi und seine Freunde anknüpfen, doch sie müssen sehr vorsichtig sein, denn spätestens seit der Veröffentlichung des BND-Berichts ist der Schut außer sich vor Wut über die deutschen Geheimdienstler.

Unaufgeklärter Anschlag auf UN-Büro

Die britischen und amerikanischen Spione, von denen es im Kosovo ebenfalls wimmelt, behandeln den Schut viel rücksichtsvoller. Sie wissen zwar auch, was er eigentlich treibt, doch sie achten seine Macht, behandeln ihn und seine Bande, zum fassungslosen Erstaunen der Deutschen, als Partner. In der vergangenen Woche nun schien für den Schut endlich die Zeit der Rache gekommen: Am 14. November wurde in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina ein Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der Internationalen Verwaltungsbehörde verübt, bei dem Sachschaden entstand.

Das ist eine Art Überwachungsministerium, dessen ausländische Mitarbeiter den lokalen Politikern beim Aufbau des Staates Kosovo auf die Finger sehen sollen. Wer den Anschlag verübte, ist bis heute völlig unklar, doch am 19. November werden Kara Ben Nemsi und seine beiden deutschen Weggefährten mit der Begründung verhaftet, sie hätten es getan. Es gebe unzweifelhafte Beweise, heißt es aus dem Umkreis des Schut. Inoffiziell wird außerdem angedeutet, den Hinweis auf die Tätigkeit Kara Ben Nemsis habe die Regierung in Prishtina aus einem großen Mitgliedstaat der EU erhalten.

Von einer Filmaufzeichnung ist nun auch die Rede, die Kara Ben Nemsi (oder Hadschi Halef Omar) dabei zeige, wie er aus einem benachbarten Gebäude einen Sprengkörper auf das Verwaltungsgebäude wirft. Ein kosovarischer Staatsanwalt teilt mit, bei der Durchsuchung der von Kara Ben Nemsi und seinen Freunden bewohnten Gemächer in Prishtina habe man noch weitere Beweisstücke gefunden, unter anderem eine Skizze des Gebäudes.

Ungeheuerliche Beschuldigungen

Auch eine Digitalkamera und einen Computer habe man sicherstellen können. Auf dessen Festplatte sei man auf Dossiers über kosovarische Politiker und Militärs gestoßen. Geradezu ungeheuerlich werden nun die Beschuldigungen. Es heißt schließlich sogar, Kara Ben Nemsi stehe womöglich mit dem Mord an einem früheren Befehlshaber der „Befreiungsarmee Kosovo“ in Verbindung. Immer wieder zeigt das kosovarische Fernsehen, wie die drei deutschen Unholde in Handschellen abgeführt werden. Ihre Gönner in Pullach und Berlin wollen ein Flugzeug zur Rettung aussenden, doch Prishtina verweigert die Landeerlaubnis. Dort erzählt sich das Volk mittlerweile, die Deutschen seien gar Doppelagenten gewesen, Hadschi Halef Omar werde vom serbischen oder vom russischen Geheimdienst bezahlt. In Berlin warnt ein Regierungssprecher unterdessen vor allzu wilden Spekulationen: „Wir sind gut beraten, wenn wir unsere Phantasie ein bisschen zügeln.“

Der Mann hat recht, zumal die Geschichte auch gezügelt schon abenteuerlich genug ist. In Prishtina bricht nämlich bald das aberwitzige Konstrukt der kosovarischen Staatsanwaltschaft in sich zusammen. Einer der ersten Kosovaren, der öffentlich auf die Absurdität des Falls hinweist, ist der Parlamentsabgeordnete und frühere Ministerpräsident Bujar Bukoshi. Er fragt schlicht, welches Motiv die Deutschen wohl haben sollten, um einen Anschlag auf die Internationale Verwaltungsbehörde zu verüben. Darauf war in Deutschland von Beginn an hingewiesen worden.

Schließlich ist Deutschland in Europa der wichtigste Förderer des Kosovos. Mit Soldaten, Diplomaten und sehr viel Geld unterstützen die deutschen Steuerzahler seit Jahren die Staatswerdung des Amselfelds – warum in aller Welt sollten deutsche Geheimdienstler also einen Anschlag auf die Behörde verüben, die diesen Prozess überwachen soll? Bald zerbröseln auch die anderen Vorwürfe, und die „Beweise“ lösen sich in Luft auf. Die gefundene Gebäudeskizze erweist sich laut Berichten schlicht als eilig gezeichnetes „Viereck“. Der Verdächtigte habe eine neue Matratze kaufen wollen und dazu sein Bett ausgemessen. Ein türkisches Labor, das mit der Untersuchung der Ausrüstung und Kleidung der Verhafteten beauftragt wurde, kann keine Sprengstoffspuren nachweisen. Eigentlich, heißt es in staatlichen Medien, gebe es überhaupt keine Beweise. Auch von den angeblich entlarvenden Filmaufnahmen ist nicht mehr die Rede.

Virtuelle Terroristen tauchen auf

Da kommt es wie gerufen, dass sich plötzlich eine bis dato unbekannte kosovarische Untergrundorganisation meldet und behauptet, sie habe den Anschlag verübt. Die Gruppe nennt sich „Armee der Republik Kosovo“ und tritt mit der Polizei durch eine „Bekenner-E-Mail“ in Kontakt, in der sie weitere Anschläge ankündigt. Ob man von dieser Organisation jemals wieder hören wird, ist allerdings fraglich. Der Sprecher der kosovarischen Polizei sagt, weder die E-Mail noch die Adresse, von der aus sie verschickt wurde, seien ernst zu nehmen.

Kurioserweise teilt er dann aber auch mit, die kosovarische Polizei nehme den Fall dennoch ernst und werde ermitteln. Denn eigentlich sind alle in Prishtina froh über das Auftauchen der virtuellen Terroristen, nachdem sich die törichte Anklage gegen die realen Deutschen als einzige Peinlichkeit erweist. Am Freitagabend kam schließlich die Nachricht, dass die Deutschen freigelassen worden seien. Am Samstagmorgen wurden sie ausgeflogen. Der auf dem Balkan spielende Teil ihres Abenteuers war damit beendet. Es kann sein, dass Teile der obigen Inhaltsangabe nicht ganz korrekt waren, denn der vollständige Roman liegt noch nicht vor.

Doch wie geht es nun weiter? In Deutschland hatte der Vorsitzende des Parlamentarischen Gremiums für die Kontrolle der Geheimdienste, Thomas Oppermann (SPD), kurz vor der Freilassung des deutschen Agententrios mitgeteilt, die Gründe für die Verhaftung seien nicht klar, stünden aber offensichtlich in einem „politischen Kontext“, zumal sich für die den Deutschen anfangs zur Last gelegte Tat „keinerlei Anhaltspunkte“ erkennen ließen. Und der ebenfalls dem Ausschuss angehörende Wolfgang Nekovic (Die Linke), der nicht vom Balkan stammt, wurde sinngemäß mit der Bemerkung zitiert, nur Kara Ben Nemsi und die Seinen könnten Aufklärung über den Fall geben.

Doch ob die überhaupt wissen, in wessen Falle sie in Prishtina getappt sind? Waren es wirklich nur Hashim Thai und einige unzufriedene Einheimische, die sie ihnen gestellt haben? Für Kenner der Verhältnisse im Kosovo ist es schwer vorstellbar, dass die kosovarischen Machthaber allein gegen einen ihrer mächtigsten Verbündeten vorgegangen sein könnten. Doch von wem erhielten sie Rückendeckung?

Zu klären sein wird auch, wer in Prishtina an der Kampagne gegen die Deutschen beteiligt waren. Ein Sprecher der Bundesregierung hat zwar verneint, dass Deutschland nun seine Unterstützung zurückfahren werde. Doch für jene kosovarischen Politiker, die mit dem Vorfall direkt in Verbindung stehen, dürften sich in Deutschland für lange Zeit einige Türen geschlossen haben. Ob wir darüber je Genaueres erfahren werden, ist allerdings ungewiss. Die Kara Ben Nemsis unserer Zeit sind schweigsamer als ihr großer Vorgänger. Und irgendwie, geben wir es zu, auch ziemlich ungeschickt.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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